International
Malis Islamisten «vom Westen hochgepäppelt»
In Mali stehen die Zeichen auf Krieg. Islamistische Gruppierungen kontrollieren zwei Drittel des Landes. Die UNO hat grünes Licht für eine Intervention gegeben. Eine Strategie zur Umsetzung muss in rund 20 Tagen vorliegen, doch noch fehlt ein brauchbarer Plan. Die Situation ist unübersichtlich, wie Ulrich Delius zu «SF Online» sagt.
Dieser Tage treffen sich internationale Militär- und Verteidigungsexperten in der malischen Hauptstadt Bamako. Sie wollen eine Strategie entwickeln, um die Krise im Norden des Landes durch eine Intervention zu lösen. Zum Treffen sind Vertreter der Afrikanischen Union (AU), der Westafrikanischen Staatengemeinschaft Ecowas, der UNO und Malis geladen. Die Konferenz werde vermutlich knapp zehn Tage dauern, sagte Wane El-Ghassim, Direktor für Frieden und Sicherheit bei der AU.
UNO-Resolution zu Mali
Das von islamistischen Rebellen bedrohte Mali bekommt Hilfe von den Vereinten Nationen. Der UNO-Sicherheitsrat verabschiedete einstimmig eine Resolution, die Unterstützung für eine afrikanische Friedenstruppe verspricht. Lesen Sie hier mehr dazu
«Die internationale Gemeinschaft hat Angst, dass ein Militäreinsatz mit europäischer Beteiligung ein Fass ohne Boden sein könnte», erklärt Ulrich Delius, Afrika-Experte bei der Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV). Entsprechend zurückhaltend ist die Haltung gegenüber einer Intervention. «Zudem sind die Möglichkeiten der internationalen Staatengemeinschaft, militärisch aktiv zu werden, unklar.»
Die Angst des Westens
Selbst innerhalb der malischen Regierung besteht keine Einigkeit über die Vorgehensweise. So sagt ein Teil der malischen Armee, ein Einsatz ausländischer Truppen zur logistischen Unterstützung sei möglich. Andere lehnten wiederum ausländische Kampftruppen ab. «Wenn die Armee schon nicht weiss, was sie will, ist das natürlich eine höchst irritierende Botschaft», sagt Delius.
Tuareg-Rebellen rufen Unabhängigkeit aus
Die Tuareg-Rebellen der Nationalen Befreiungsbewegung von Azawad (MNLA) haben im April die Unabhängigkeit für den Norden Malis ausgerufen. Die EU und die Afrikanische Union quittierten das Begehren der Tuareg umgehend. Lesen Sie hier mehr dazu Die Tuareg-Rebellen wurden aber kurz darauf von der Al-Kaida im islamischen Maghreb (Aqim) und anderen islamistischen Gruppierungen vertrieben.
Hinzu kommen internationale Stimmen, die massiv vor einer Intervention warnen. An vorderster Front: Jene, die sich in der Region militärisch und politisch auskennen. «Auf internationaler Ebene haben die USA und Frankreich Interessen an einer Intervention, wenn auch teilweise aus unterschiedlichen Gründen», sagt der Afrika-Experte. Den USA gehe es schlicht und einfach darum, Al-Kaida und ihrer in Afrika vertretenen Organisation Aqim Einhalt zu gebieten.
Nordwestafrika, Frankreichs Hinterhof
Auch Frankreich und andere Staaten Europas engagieren sich im Kampf gegen den internationalen Terrorismus – auch in Afrika. «Allerdings hat Frankreich in Nordwest-Afrika noch eine ganz andere Agenda, weil es diese Region als seinen Hinterhof ansieht», erklärt Delius. Frankreichs neuer Präsident François Hollande versprach bei seinem Amtsantritt zwar eine neue Afrika-Politik, die nicht mehr so sehr von französischen Interessen geleitet ist. Allerdings sei dieses Versprechen eine rein verbale Übung für Frankreichs Bürger, sagt Delius.
Die Realität sieht anders aus: «Fast zeitgleich verkündete Hollande, man müsse den französischen Einfluss im Niger stärken. Das Land ist wichtig für Frankreichs Energieproduktion», sagt Delius. Damit wird klar: Es geht um knallharte Interessen der französischen Wirtschaft und um die Versorgung mit billiger Energie. «Und die Revolte im Norden Malis kann sehr schnell auf den Norden Nigers übergreifen», sagt Delius. Frankreich muss also eine Gesamtlösung finden.
Sarkozys Interventionserbe
Paris hat schlechte Erfahrungen gemacht mit Interventionen auf dem afrikanischen Kontinent. So gab es unter Präsident Nicolas Sarkozy zwei Versuche von Geiselbefreiungen, die beide kläglich scheiterten. «Eine allfällige Beteiligung Frankreichs wird sich wohl auf logistische Unterstützung und Ausbildung beschränken. Dabei könnten auf Grund ihrer Afrika-Erfahrung Fremdenlegionäre zum Einsatz kommen», so Delius. In Sachen Ausbildung sind bereits verschiedene andere europäische Staaten sowie die USA aktiv. Sie bilden malische Soldaten in Niger im Anti-Terrorkampf aus.
Frankreich müsse auf vieles Rücksicht nehmen. Denn Paris könne die ohnehin bereits angespannten Beziehungen zu Algerien nicht zusätzlich strapazieren. «Algerien hat mehrmals deutlich gemacht, dass es keine ausländischen Kampftruppen in Nordafrika will», erklärt der GfbV-Experte. Diese Haltung stehe im Zusammenhang mit dem Ringen Algeriens und Marokkos um die Vorherrschaft in Nordafrika.
Nigerias unzimperliche Armee
Nigeria könnte eventuell die Intervention anführen. Die nigerianische Armee habe sich immer wieder an Interventionen auf dem Kontinent beteiligt und geniesse auf internationaler Ebene ein hohes Ansehen. «Allerdings ist Nigerias Armee bekannt dafür, dass sie nicht gerade zimperlich ist», gibt Delius zu bedenken.
Ein weiterer Anwärter für den Lead bei der Intervention ist Mauretanien. Das Land sei aber ein «bizarrer Bündnispartner». Der mauretanische Präsident ist vor zwei Wochen angeschossen worden – es sei unklar, ob dies ein Attentat war oder ein Unfall, verursacht durch eigene Leute. In der Vergangenheit arbeitete die mauretanische Armee mit Frankreich zusammen. Doch die Geiselbefreiungen, an denen sie beteiligt war, endeten in einem Desaster.
Die GfbV geht davon aus, dass die geplante Intervention ein Drohnenkrieg sein wird, so wie in Somalia (US-Kampf gegen Terror geht weiter – in Afrika). GfbV-Experte Delius gibt allerdings zu bedenken: «Die radikalislamischen Kämpfer sind zwar rasch aus den vier oder fünf Städten im Norden Malis vertrieben. Doch damit ist es nicht getan. Das Problem ist die enorme Ausdehnung und Beschaffenheit des Terrains.» Die Landschaft im Norden Malis ist geprägt von unzugänglichen Berggebieten mit vielen Höhlen, die zahlreiche Rückzugsmöglichkeiten bieten. Dass es in einer solchen Umgebung schwierig sei, einen effektiven Anti-Guerilla-Krieg zu führen, habe der Krieg in Afghanistan gezeigt.
Das Geschäft mit den Geiseln
«Der Westen hat die radikal-islamischen Kämpfer zu dem gemacht, was sie heute sind. An vorderster Front steht dabei die Aqim», erklärt Delius. Man habe die Aqim mit Lösegeldern zur Freilassung von westlichen Geiseln in der Sahara hochgepäppelt. «Auf diese Weise hat man unbewusst 30 bis 40 Millionen Euro für die Aqim besorgt. Daran waren Österreich, die Schweiz, Deutschland, Frankreich, Spanien und Italien beteiligt.»
Nebst dem einträglichen Geschäft mit Geiseln gehören Drogen- Menschen- und Waffenhandel mit Flüchtlingen sowie Waffenhandel zu den Hauptfinanzierungsquellen der Aqim. Dieses Geld werde nun grosszügig und geschickt verteilt.
Hinzu kommt die weitverbreitete Korruption in West und Nordafrika. «Es gibt kein gut und böse in Mali. Denn die Polizei, Armee und Islamisten sind eng verzahnt, weil sie zusammen Geschäfte machen», erklärt Delius.
Die wichtigsten Akteure
Aqim: Al-Kaida im Islamischen Maghreb. Die Gruppe hat sich in Algerien gebildet und ist in nahezu alle illegalen Geschäfte in der Sahara verwickelt.
Mujao: Der Mouvement pour l'unicité e le jihad en Afrique de l'Ouest. Die Organisation ist eine Splittergruppe der Aqim.
Ansar Dine: Islamistische Tuareg-Miliz. Ansar Dine will keinen eigenen Tuareg-Staat, sondern in ganz Mali eine strenge Auslegung des islamischen Rechts Scharia durchsetzen. Ansar Dine ist mit Aqim verbündet. Chef der Gruppe ist der Anführer des Tuareg-Aufstands bis 2006, Iyad Ag Ghali.
MNLA: Nationale Befreiungsbewegung für Azawad. Die Gruppe rekrutiert sich vor allem aus Tuareg-Kämpfern, die bis Ende 2011 in der Armee des libyschen Machthabers Muammar al Gaddafi gekämpft hatten. Die MNLA hat im Norden Malis den unabhängigen Staat Azawad ausgerufen.
Besorgte Tuaregs
Seit einigen Jahren beobachtet die Gesellschaft für bedrohte Völker zudem, dass viel Geld für den wahabitischen Islam in den Norden Malis geflossen ist. «Das Geld stammt hauptsächlich aus Saudi-Arabien, Katar und Oman», so Delius. Die Tuaregs, die schon lange für einen unabhängigen Staat namens Azawad kämpfen, sind sehr besorgt über die zunehmende Ansiedelung von Arabern im Norden Malis, die einen strengen wahabitischen Islam propagieren.
«Diese islamische Ausrichtung ist in der Region überhaupt nicht verankert und die lokale Bevölkerung lehnt dies ab. Ein grosser Teil der Bevölkerung, darunter Araber, Schwarzafrikaner und Tuareg wollen damit nichts zu tun haben.» Denn mit den Islamisten kam das Ende des liberalen Islams. Das Resultat sind Regeln wie: Alkoholverbot, Steinigung Ehebruch, Rauchverbot in der Öffentlichkeit und Frauen, die sich nur verschleiert in der Öffentlichkeit zeigen dürfen.
Bizarre Situation
Den harten Kern der Islamisten, welche die Scharia einführten, schätzt die GfbV auf rund 400 Leute. Daneben gebe es rund 6000 radikale Kämpfer. «Allerdings sind das eher Söldner, junge Einheimische, die sich den Islamisten anschlossen, mangels wirtschaftlicher Perspektiven», erklärt Afrika-Experte Delius.
Die Länder Niger, Burkina Faso befürchten, dass es eine grössere Tuaregewegung geben könnte, die sich über das Staatsgebiet von Mali hinaus erstreckt. «Die Situation ist bizarr, denn die Tuareg betonten immer, dass sie die einzigen seien, welche die Aqmi-Islamisten vertreiben könnten.» Gemäss Delius kennen die Tuareg die Verstecke der Kämpfer. In der Vergangenheit forderten sie Waffen dafür, was die malische Regierung stets ablehnte.
Darum fordert auch Frankreich die Einbindung der Tuareg in eine allfällige Intervention. Doch mit der Ausrufung des Tuaregstaats Azawad im Norden Malis dürften die Tuareg nicht mehr als verlässlicher Bündnispartner gelten.

Ulrich Delius
Ulrich Delius ist Afrika-Spezialist bei der deutschen Gesellschaft für bedrohte Völker. Seit 1986 arbeitet er für die Menschenrechtsorganisation.







