Wirtschaft
Lipp: Banken müssen sich «industrialisieren»
Die Grossbanken sind in einem gewaltigen Wandlungsprozess. SF-Wirtschaftsexperte Reto Lipp schätzt, dass die Kosten der Banken um bis zu ein Drittel zu hoch sind. Das bleibt auch für den Rest der Schweiz nicht ohne Folgen.
«SF Online»: Es gehen Gerüchte um, wonach Stellen bei den Grossbanken abgebaut werden sollen. Manche Zeitungen sprechen von 10‘000 Stellen, manche von 400 bei der UBS. Was halten Sie von diesen Gerüchten?
Reto Lipp: Die Schweizer Banken haben ein gravierendes Kostenproblem – laut einer Studie von McKinsey sind die Kosten um 25 bis 30 Prozent zu hoch. Das ist in Zeiten, in denen auch die Erträge stagnieren oder sogar zurückgehen, ein gewaltiges Problem. Von daher werden die Grossbanken nicht darum herum kommen, sich auch über eine Senkung der Personalkosten Gedanken zu machen. Ob die in der Presse kolportieren Stellenreduktionen richtig sind, wird sich spätestens morgen weisen, wenn die Credit Suisse über ihre Quartalszahlen orientiert.
Was schätzen Sie, wie viele Stellen bei CS und UBS betroffen sein werden?
Die CS hat im Gegensatz zur UBS in den letzten Jahren sogar noch mehr Stellen geschaffen – heute arbeiten mehr Personen bei der CS als vor der Krise. Von daher ist das Abbaupotenzial bei der CS grösser als bei der UBS, die in den letzten 5 Jahren massiv Stellen (vor allem im Ausland) abgebaut hat. Ich gehe aber eher davon aus, dass die CS morgen zurückhaltend orientieren wird. Bei der CS ist es eher so, dass auf der Ebene der Geschäftseinheiten laufend Stellen abgebaut oder umorganisiert werden, ohne dass dies an die grosse Glocke gehängt wird. Die Öffentlichkeit merkt den Stellenabbau dann jeweils erst, wenn im Frühling der Geschäftsbericht erscheint und die Stellenzahl plötzlich kleiner ist.
Glaubt man den Gerüchten, werden vor allem im Investmentbanking Jobs gestrichen. Warum gerade dort?
Die beiden Grossbanken haben angekündigt, das Investment Banking ganz in den Dienst der Vermögensverwaltung zu stellen. Es soll also kein Handel auf eigene Rechnung mehr ausgeführt werden, sondern es wird nur noch gehandelt, wenn Kundenaufträge aus der Vermögensverwaltung vorliegen. Da aber die Kunden derzeit mit Aufträgen sehr zurückhaltend sind, ist das Investment Banking bei beiden Grossbanken nicht richtig ausgelastet. Kommt dazu, dass die Aufsichtsbehörden heute für das Investment Banking mehr Eigenkapitel fordern, um die Risiken besser abzusichern. Das Eigenkapital ist aber teuer und macht das Investment Banking weniger profitabel. Es gibt deshalb Aktionärsgruppen, die von den Grossbanken sogar einen Verkauf des Investment Bankings fordern. Soweit wird es aber nicht kommen.
Gibt es ihrer Ansicht nach weitere Abteilungen, die gefährdet sind? Warum?
Laut neuen Gerüchten in der Presse ist auch das Asset Management in Gefahr. Dort werden vor allem Fonds und Produkte für institutionelle Kunden wie Pensionskassen hergestellt. In vielen Bereichen ist das Asset Management beider Grossbanken zu klein, um mit den ganz grossen Banken mithalten zu können. Zudem ist dieses Geschäft eher margen-schwach im Gegensatz etwa zur Vermögensverwaltung für Privatkunden. Ein Verkauf des Asset Managements oder Teile davon bei der CS wäre von daher durchaus plausibel.
Die Grossbanken konzentrieren sich in der Schweiz auf die Vermögensverwaltung. Ein richtiger Entscheid, wenn man bedenkt, dass auch dieses Geschäft nicht mehr so einfach ist, da ja die anderen Staaten mit Nachdruck ihre Steuersünder zur Kasse bitten?
Die Grossbanken müssen sich auf das Vermögensverwaltungsgeschäft beschränken, hier waren sie im Gegensatz zum Investment Banking auch immer sehr erfolgreich, hier haben sie viel Knowhow zu bieten. Nicht zu vergessen ist, dass die Grossbanken in der Schweiz auch das sogenannte Retail Banking betreiben, also das Geschäft mit den eher weniger begüteten Kunden sowie das Filialgeschäft. Dazu kommt das Kreditgeschäft für Unternehmen. In diesem Segment haben die Grossbanken immer sehr gut verdient, dieses Geschäft werden sie darum auch in Zukunft betreiben.
Was bedeutet der Job-Abbau für die Kantone Zürich und Genf?
Ein Jobabbau in grossem Stil würde vor allem den Kanton Zürich treffen. Die Privatbanken in Genf sind weniger betroffen. Das dürfte auch zu weniger Steuereinnahmen für den Staat führen. Allerdings ist es schon heute so, dass weder die UBS noch die CS in der Stadt Zürich Steuern bezahlen, denn beide Banken können die Verluste aus den Jahren 2008 und 2009 an ihren heutigen Gewinnen anrechnen. Die Verluste in diesen Jahren waren vor allem bei der UBS so hoch, dass sie noch sehr lange keine Steuern bezahlen wird – sehr zum Ärger des Zürcher Finanzvorstandes.
Wird mit dem Job-Abbau eine neue Ära beim Finanzplatz Schweiz eingeläutet? Wie sieht die Zukunft für die hiesigen Grossbanken aus?
Es ist zweifellos so, dass der Finanzplatz in einem gewaltigen Umbauprozess steckt. Das Geschäft mit Schwarzgeld funktioniert nicht mehr, die Kosten steigen wegen der zunehmenden Regulierung und die Erträge sind eher schwach, weil die Anleger aus lauter Verunsicherung über die verschiedenen Krisen, ihr Geld horten und nicht mehr Anlegen. Das führt dazu, dass viele Banken über die Bücher gehen und neu definieren müssen, welche Geschäfte sie eigentlich noch anbieten wollen. Die goldenen Zeiten, als man mit wenig Aufwand, viel verdient hat, sind definitiv vorbei. Die Grossbanken müssen ihre Prozesse optimieren, ihre Geschäftsfelder neu ausrichten und ihre Strukturen verändern. Experten sprechen davon, dass sich die Bankenwelt «industrialisieren» müsse, das heisst die Prozesse und Abläufe müssen modernisiert, optimiert und stärker vereinheitlicht werden.

«Grossbanken: Kommt es zum grossen Personalabbau?»
Auch in seinem neusten Blog-Beitrag befasst sich Reto Lipp mit der Zukunft der Grossbanken. Lesen Sie hier mehr.



