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Schweiz

Weniger «Working Poor» in der Schweiz

Dienstag, 23. Oktober 2012, 11:54 Uhr

Arbeiten und doch arm sein – 2010 waren in der Schweiz 120‘000 Personen in dieser Situation. Das sind deutlich weniger «Working Poor» als zwei Jahre zuvor.

Bild Küche
Bei Personen im Gastgewerbe (7,7 Prozent) ist die Quote der «Working Poor» ebenfalls hoch. reuters

2010 waren es rund 120'000 «Working Poor», 2008 befanden sich 180‘000 Erwerbstätige unter der Armutsgrenze. Die Armutsquote unter den Erwerbstätigen sank von 5,2 auf 3,5 Prozent.

«Grund dafür ist der Rückgang der Arbeitslosenquote und die damit verbesserte Erwerbssituation in der Schweiz. Das wirkt sich positiv auf die finanzielle Situation der Haushalte aus», sagt Lukas Schweizer vom Bundesamt für Statistik (BfS).

Schweizer schätzt, dass sich die Armut unter den Erwerbstätigen auch in den vergangenen zwei Jahren kaum verändert hat. «Die Armutsquote der Erwerbstätigen steigt und sinkt etwas zeitverzögert im Verhältnis zur Arbeitslosenquote. Und letztere ist seit 2010 nicht wieder signifikant gesunken», sagt Schweizer.

Wer gilt als arm?

Als Armutsgrenze gilt nach der Definition des BFS für das Jahr 2010 ein Einkommen von 2250 Franken pro Monat für eine Einzelperson und 4000 Franken für eine Familie mit zwei Erwachsenen und zwei Kindern unter 14 Jahren.

Jede fünfte Einelternfamilie betroffen

Am häufigsten von Erwerbsarmut betroffen sind Alleinerziehende mit einem oder mehreren Kindern. Bei ihnen liegt die Armutsquote bei 19,9 Prozent: Jede fünfte solche Familie lebt damit unter der Armutsgrenze. «Mit Kindern steigen die Lebenshaltungskosten und gleichzeitig sind die zeitlichen Ressourcen eingeschränkt, um einer Arbeit nachgehen zu können», begründet Schweizer die Erwerbsarmut der Alleinerziehenden.

Auch Personen in Haushalten mit einem Erwerbstätigen (7,3 Prozent), alleinlebende Erwerbstätige (6,7 Prozent), Erwerbstätige ohne nachobligatorische Schulbildung (6,7 Prozent) sowie Frauen (4,8 Prozent) sind überdurchschnittlich oft arm.

Ein-Personen-Firmen stark betroffen

Auffällig: Selbstständige ohne Angestellte sind zu 9,9 Prozent von Erwerbsarmut betroffen. «Ich gehe davon aus, dass die Selbständigen starken Einkommensschwankungen ausgesetzt sind und bei einer Flaute nicht von der Arbeitslosenversicherung profitieren können», so Schweizer.

Bei den Personen, die nur einen Teil des Jahres erwerbstätig oder die Teilzeit angestellt sind, liegt die Quote mit 7,4 respektive 5,2 Prozent ebenfalls über dem Durchschnitt.

Weniger Menschen sehr arm

Ebenfalls zurückgegangenen ist die mediane Armutslücke. Die Armutslücke zeigt an, wie weit arme Personen und Haushalte von der Armutsgrenze entfernt sind. Der Median-Wert sank zwischen 2008 und 2010 von 31,6 auf 18,9 Prozent. Das bedeutet, dass die Hälfte der armen Haushalte mit ihrem Einkommen rund einen Fünftel unter der Armutsgrenze liegt.

Starke Einkommensdifferenzen

Im Schnitt sind Schweizer Erwerbstätige weniger armutsgefährdet als der europäische Durchschnitt. Die Armutsgefährdungsquote misst die Armut im Verhältnis zum üblichen Einkommensniveau. Die Schweiz hat eine Armutsgefährdungsquote der Erwerbstätigen von 7,7 Prozent,  die Europäische Union eine von 8,4 Prozent.

Allerding: Bis auf Italien (9,4 Prozent) weisen die direkten Nachbarstaaten tiefere Armutsgefährdungsquoten aus als die Schweiz (Deutschland 7,2 Prozent, Frankreich 6,2 Prozent, Österreich 4,9 Prozent). Mit anderen Worten: In der Schweiz ist die Differenz zwischen den Einkommen höher als in ihren Nachbarstaaten.

In absoluten Faktoren gemessen, stehen die Schweizer jedoch gut da. Die Quote der erheblichen materiellen Entbehrung der Erwerbstätigen in der Schweiz liegt mit 1,1 Prozent deutlich unter dem Schnitt aller europäischen Länder (5,2 Prozent) und auch unterhalb derjenigen der direkten Nachbarländer (Italien 4,4 Prozent, Frankreich 3,6 Prozent, Deutschland 2,7 Prozent, Österreich 2,6 Prozent).

(sda/galc;fasc;hurg)