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«Wissenschaftler werden vorsichtiger kommunizieren»

Interview: Judith Schraner
Dienstag, 23. Oktober 2012, 12:39 Uhr

Sechs Jahre Haft für ungenügende Warnung vor einem Erdbeben: Das Urteil von L'Aquila hat unter Wissenschaftlern Empörung ausgelöst. Wahrscheinlichkeiten liessen sich schlecht kommunizieren, sagt Erdbeben-Experte Stefan Wiemer im Interview.

SF Online: Stefan Wiemer, ist es überhaupt möglich, Erdbeben vorauszusagen?

Stefan Wiemer: «Nein, man kann Erdbeben nicht vorhersagen. Niemand weiss, wo das nächste auftreten wird. Man kann Zeiten identifizieren, die vielleicht etwas gefährlicher sind als andere Zeiten. Das ist nicht anders als in anderen Disziplinen wie etwa in der Lawinenforschung. Wenn es viel Schnee an den Hängen hat, dann ist das Risiko von Lawinen höher.

In Bezug auf einen Erdbebenfall ist das Risiko leicht erhöht, wenn man kleinere Beben registriert. Wenn die Erde unruhig ist, weiss man, dass weitere Beben kommen könnten.

Also ist eben doch eine Vorhersage möglich?

Nein. Das Problem dabei ist, dass das Risiko in diesem Fall zwar erhöht ist, aber absolut gesehen noch sehr, sehr klein ist. Man kann es in solchen Fällen nicht rechtfertigen, irgendwelche Massnahmen zu ergreifen. Sonst würde man sehr oft warnen, und dann passiert am Ende doch nichts.

Im Prozess in l'Aquila ging es auch nicht darum, ob man Erdbeben vorhersagen kann. Es ging darum, wie man solche Wahrscheinlichkeiten kommuniziert, und ob dabei Fehler passiert sind.

Stefan Wiemer
«Wissenschaftler werden noch vorsichtiger kommunizieren.»
Stefan Wiemer, Direktor ad interim Schweiz. Erdbebendienst

Wieso ist es so schwierig, Erdbeben vorauszusagen?

Erdbeben sind ein sehr komplexes Phänomen, das tief unter unseren Füssen stattfindet. Dort können wir nicht direkt beobachten. Wenn Sie eine Wettervorhersage machen wollen, haben Sie mit Satelliten einen sehr transparenten Durchblick: Sie sehen einen Hurrikan, bevor er kommt. Und das ist der Unterschied – ein Hurrikan kommt nicht völlig überraschend. Man kann immer noch Fehler machen, aber er ist immer zu sehen.

Bei Erdbeben ist das anders. Soweit wir es heute wissenschaftlich verstehen, ist es per definitionem einer der Prozesse, die nicht vorhersagbar sind. Auch wenn wir vollständige Beobachtungen einer Verwerfungszone hätten, wäre es ein zufälliger Prozess.

Bedeutet das Urteil in Italien das Ende der wissenschaftlichen Beratung?

Das wird zwar nun gesagt, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass es ganz so schlimm sein wird. Wir werden selbstverständlich weiterhin das, was wir wissen, kommunizieren.

Was aber passieren wird: Wissenschaftler werden noch vorsichtiger kommunizieren. Sie werden sich noch mehr darauf zurückziehen, was ihre Wissenschaft ist. Es wird noch mehr in Wahrscheinlichkeiten kommuniziert.

Und das wird dazu führen, dass die Wissenschaft im Prinzip schwerer verständlicher wird, weil sich niemand traut, die Vereinfachungen, die man in l'Aquila gemacht hat, zu machen.

Juristisches Nachbeben in L'Aquila

Weil sie die Bevölkerung nicht hinreichend vor einem Erdbeben gewarnt haben sollen, hat ein italienisches Gericht sieben Mitarbeiter des Katastrophenschutzes wegen Totschlags zu sechs Jahren Haftverurteilt. Das Gericht befand, dass die sechs Wissenschaftler und ein Beamter die Anzeichen für das verheerende Beben in den Abruzzen im Jahr 2009 falsch eingeschätzt haben. mehr