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International

«Der arabischen Welt droht ein Flächenbrand»

Sabina Hübner
Montag, 22. Oktober 2012, 18:10 Uhr

Libanon ist ein zerrissenes Land. Der Alltag der Libanesen spielt sich in konfessionellen Parallelwelten ab. Der Konflikt im Nachbarland Syrien droht das fragile Gleichgewicht zu kippen. Libanon-Kenner Abdel Mottaleb el Husseini warnt gar vor einem neuerlichen Bürgerkrieg.

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«Der Libanese wird als Mitglied einer Religionsgemeinschaft geboren, wächst in ihr auf und sucht innerhalb der konfessionellen Grenzen seine Arbeit und seinen Ehepartner.» So funktioniere das Leben hier, fasst der gebürtige Libanese Abdel Mottaleb el Husseini zusammen.

Die konfessionellen Trennlinien  ziehen sich durch das Stadtbild. So etwa in Tipoli, wo sich Sunniten und Schiiten zweier benachbarter Viertel immer wieder blutige Scharmützel liefern.

Was für diese Stadt gilt, gilt erst recht für den Staat Libanon. Hier ziehen sich die Trennlinien konsequent durch das politische System: insbesondere der Aufbau des Staates ist penibel austariert. Die vier höchsten Staatsämter sind Mitgliedern bestimmter religiöser Gruppen vorbehalten:

  • Das Staatsoberhaupt muss maronitischer Christ sein (heute Michel Suleiman),
  • der Parlamentspräsident muss schiitischer Muslim sein (heute Nabih Berri),
  • der Regierungschef muss sunnitischer Muslim sein (heute Nadschib Mikati),
  • der Oberbefehlshaber der Armee muss Christ sein (heute Jean Kahwagi)

In diese fragile Konstruktion greift nun der Syrien-Konflikt ein. Die libanesische Bevölkerung besteht nach Schätzungen aus rund 60 Prozent Muslimen: zum grössten Teil aus Sunniten und Schiiten. Derzeit ist im Libanon ein pro-syrisches Bündnis an der Macht – dominiert von der schiitischen Hisbollah. Das syrische Regime ist in der Hand von Aleviten, die ebenfalls dem Ursprung nach den Schiiten zuzuordnen sind.

Christen zwischen Sunniten und Schiiten

Der Libanon steht zum einen unter dem Einfluss des schiitischen Iran, zum anderen des sunnitischen Saudi-Arabien, erklärt der Libanon-Kenner Husseini. Diese beiden Mächte stritten sich um die Vorherrschaft in der Region. Übersetzt auf die libanesische Politlandschaft bedeutet dies: «Die Hisbollah steht dem Block der Hariri-Familie gegenüber.»

Zwischendrin stehen die Christen. Deren Zahl ist mit einem Bevölkerungsanteil von etwa 39 Prozent weiter rückläufig. Die christliche Minderheit ist ebenso gespalten, wie das Land. Der christlichen General Michel Aoun mit seiner Freien Patriotischen Bewegung steht der Hisbollah nahe, während der Hariri-Klan die christlichen Parteien «Libanesische Kräfte» und «Kataib», historische Gegner des syrischen Assad-Regimes, an seiner Seite weiss.

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Wissam al-Hassan war unter Ex-Regierungschef Rafik Hariri Sicherheitschef. keystone / archiv

Der jüngste Anschlag auf den Geheimdienstchef Wissam al-Hassan in Beirut hat das Fass zum Überlaufen gebracht. Unterstützer und Gegner des syrischen Assad-Regimes liefern sich Schusswechsel in Beirut und Tripoli. Hinter dem Attentat wird erneut Syrien vermutet. Das gilt auch für den Mord am ehemaligen Regierungschef Rafik al-Hariri 2005. Damals war das der Auftakt einer ganzen Serie von Attentaten gegen Politiker und Journalisten, die erst 2008 endete. Die Aufklärungsrate dieser politischen Verbrechen ist gering. Die Libanesen haben sich ihre eigenen Theorien zu den Schuldigen oder Hintermännern zurechtgelegt.

Theorien über jüngstes Attentat

Der getötete Geheimdienstchef Wissam al-Hassan hatte gegen einen früheren Minister ermittelt, der im Verdacht steht, gemeinsam mit der syrischen Präsidentenberaterin Buthaina Schaaban Anschläge im Libanon geplant zu haben. Angeblich soll Ex-Informationsminister Michel Samaha, der seit August in Untersuchungshaft sitzt, dafür Sprengstoff aus Syrien in den Libanon gebracht haben.

Weniger Anhänger hat die These, dass Al-Hassan vom israelischen Geheimdienst Mossad ermordet wurde, weil er jüngst an der Zerschlagung eines israelischen Spionagenetzes im Libanon beteiligt war.

Husseini will sich nicht an den Spekulationen beteiligen, er weist jedoch darauf hin: «Genau betrachtet, stammen die Opfer dieser Attentate nur aus einem Lager: dem der Sunniten.» Egal, ob Syrien direkt oder indirekt an den Anschlägen beteiligt gewesen sei, es trage die politische Verantwortung für die Destabilisierung des Libanon, so Husseini.

Auch die Getreuen Assads im Nachbarland stehen unter Verdacht in die Attentate involviert zu sein. «Die Hisbollah ist unter den Schiiten immer noch die Nummer eins», verliere aber in der arabischen Welt an Einfluss und Ansehen. Die Hisbollah sehe die Welt weiterhin nur durch die Brille des israelisch-arabischen Konflikts. Darin sieht Husseini eine grosse Bedrohung. «Es besteht die Gefahr, dass Israel direkt nach den US-Wahlen einen Militärschlag gegen den Iran ausführt.» Die Hisbollah würde dann den Libanon in den Krieg mit hineinziehen.

Flächenbrand in der arabischen Welt

Vorerst entlädt sich die Wut der Bevölkerung in den Strassen von Tripoli und Beirut. Der gebürtige Libanese Husseini glaubt nicht daran, dass es nach dem Attentat auf al-Hassan zu Racheakten kommt. Gefährlich werde es jedoch dann, wenn der gemässigte Hariri-Klan die Kontrolle über die sunnitische Basis verliere. «Sollten die radikalen Islamisten und Salafisten an Einfluss gewinnen, wäre dies katastrophal und würde das Land weiter in die Krise stürzen.»  

Daraus könnte auch ein Bürgerkrieg erwachsen: «Nicht wie von 1975 bis 1990 zwischen Christen und Muslimen, sondern zwischen Schiiten und Sunniten.» Dies wäre gerade für die Christen eine besonders prekäre Situation. Husseini warnt gar vor einem Flächenbrand in der arabischen Welt. Man solle nicht auf die Vernunft der Libanesen setzen, sagt er, das sei die falsche Karte.

(pd)

Abdel Mottaleb el Husseini

Der Journalist und Publizist beschäftigt sich mit der politischen Landschaft der arabischen Welt und den Beziehungen der Golfstaaten zum Westen. Seine Texte sind unter anderem erschienen in der Frankfurter Rundschau, im Handelsblatt, bei taz, NZZ, Focus, N24, n-tv, WDR, ZDF und der Deutschen Welle. Husseini wurde 1949 im Libanon geboren. Er lebt in Deutschland.