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International

Heikle Phase in Libanon – Schweiz verurteilt Attentat scharf

Samstag, 20. Oktober 2012, 10:40 Uhr, Aktualisiert 20:43 Uhr

Im Libanon steht der brüchige Frieden auf der Kippe. Nach dem Attentat auf den Chef des Polizei-Geheimdienstes hat die Regierung ihren Rücktritt angekündigt. Im ganzen Land blockierten wütende Libanesen zahlreiche Strassen. Der Tod von Wissam al-Hassan sei ein grosser Verlust für den Libanon, sagte das EDA.

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Unruhen in Libanon nach dem Anschlag («Tagesschau, 20.10.2012»)

Bei dem verheerenden Attentat waren am Freitag der syrien-kritische Chef des Polizei-Geheimdienstes, Wissam al-Hassan, und sieben weitere Menschen getötet worden. Mehr als 80 Menschen wurden verletzt.

Der Tod eines mächtigen Geheimdienstfunktionärs in Beirut lässt alte Konflikte im Libanon wieder hochkochen. Wütende Libanesen forderten bereits am Morgen den Rücktritt der von der Hisbollah gestützten Regierung.

Ministerpräsident Nadschib Mikati hat unterdessen ihren Rücktritt angeboten. Auf Bitten von Präsident Michel Suleiman bleibt die Regierung aber für eine Übergangszeit im Amt.

Bild Wütende Demonstranten in Beirut fordern von der Regierung den Rücktritt. (keystone)
Wut in den Strassen von Beirut: Der Mord an General Wissam al-Hassan ist für viele ein Schlag ins Gesicht. Er fürchtete sich nicht, sich gegen die Hisbollah aufzubäumen. keystone

Das Eidgenössische Departement für auswärtige Angelegenheiten (EDA) schrieb in einer Mitteilung, der Tod des Generals, der sich «konsequent dem Kampf gegen den Terrorismus» verschrieben habe, sei ein grosser Verlust für den Libanon.

Schutzpatron oder Bedrohung: Wissam al-Hassan

Der bei dem Anschlag getötete Geheimdienstfunktionär Wissam al-Hassan spielte eine wichtige Rolle in der libanesischen Politik. Er wusste um sein Risiko. Bedroht wurde er immer wieder, auch seine Mitarbeiter waren Ziel von Anschlägen.

Der mächtige Drahtzieher im Sicherheitsapparat des Landes Wissam al-Hassan war Sunnit und spielte seit Jahren eine wichtige Rolle in der libanesischen Politik – ohne jedoch selbst im Vordergrund zu stehen.

Unter dem früheren Ministerpräsidenten Rafik Hariri, der 2005 bei einem Autobombenanschlag getötet wurde, war Al-Hassan Sicherheitschef. Bei der schiitischen Hisbollah, die die jetzige Regierung stützt, war er verhasst, soll er doch dem UNO-Tribunal zur Untersuchung des Attentats entscheidende Hinweise auf eine Beteiligung der Organisation geliefert haben.

Als Geheimdienstfunktionär wurde Al-Hassan der schiitischen Hisbollah und dem Regime in Syrien erst jüngst wieder lästig: Er soll hinter der Festnahme des früheren pro-syrischen Informationsministers Michel Semaha stehen. Semaha wurde vorgeworfen, Bombenanschläge gegen syrienkritische Libanesen geplant zu haben.

Landesweit gingen zum nationalen Tag der Trauer zahlreiche Menschen auf die Strasse. Zum Zeichen des Protestes gegen den Mord an ihrem Glaubensbruder al-Hassan steckten demonstrierende Sunniten Autoreifen in Brand.
 
Sie blockierten die Zufahrt zum internationalen Flughafen in Beirut und sperrten Strassen in der nordlibanesischen Hafenstadt Tripoli. Demonstrationen und Strassenblockaden wurden aus dem Bekaa-Tal im Osten und der Stadt Sidon im Süden gemeldet.

Libanons Gesellschaft steht Kopf

In einem Dorf im Bekaa-Tal schossen Soldaten auf Demonstranten, die eine Strasse blockierten, und verletzten Aussagen von Zeugen zufolge zwei Menschen.

Auch zahlreiche Anhänger al-Hassans gingen auf die Strassen des Landes. Für sie ist klar, dass Damaskus beim Anschlag auf Wissam al-Hassan die Hände im Spiel hatte. Auf Plakaten skandierten sie heute die Parole «Divorce till Justice» (Trennung, bis es Gerechtigkeit gibt).

Oppositionsbewegung «14.März»

Die Gruppe «14.März» von Saad Hariri ist mehrheitlich sunnitisch. Hariri ist der Sohn des 2005 ebenfalls bei einem Anschlag getöteten Ministerpräsidenten Rafik Hariri.

Ihr Feind ist Syrien – das Land, das sich einst als Schutzmacht aufgespielt hatte und dessen Soldaten nach dem Hariri-Attentat aus dem Libanon vertrieben wurden. Viele warfen Syrien damals eine Mittäterschaft vor.

Hisbollah schockiert über «furchtbares Verbrechen»

Wer hinter dem Anschlag steckt und ob es möglicherweise eine Verbindung zum Bürgerkrieg im Nachbarland Syrien gibt, ist nach wie vor unklar. Die syrische Regierung verurteilte das Attentat scharf. Es sei ein «feiger terroristischer Angriff» gewesen, sagte der syrische Informationsminister Omran al Subi.

Schweiz verurteilt Anschlag

Der Weltsicherheitsrat und die USA haben den Bombenanschlag in der libanesischen Hauptstadt Beirut scharf verurteilt. Mehr dazu hier.

Die Schweiz verurteilt das Attentat ebenfalls «aufs Schärfste». Das Eidgenössische Departement für auswärtige Angelegenheiten (EDA) betonte in einer Mitteilung «seine Solidarität mit dem Libanon».

«In dieser schwierigen und angespannten Situation versichert das EDA die libanesischen Behörden und die libanesischen Bevölkerung seiner Unterstützung und ruft dazu auf, dass alles unternommen wird, um die Einheit zu wahren und die Stabilität sicherzustellen», heisst es in der Mitteilung.

Die Hisbollah, der engste Verbündete des syrischen Regimes im Libanon, erklärte, sie sei schockiert über das «furchtbare terroristische Verbrechen» und rief die Behörden auf, die Täter zu fassen. Alle politischen Kräfte im Libanon müssten gegen «jeden Verschwörer wider das Leben und die Sicherheit der Nation» zusammenarbeiten.

Beerdigung am Sonntag

Al-Hassan soll am Sonntag an der Seite von Ex-Ministerpräsident Rafik Hariri im Zentrum von Beirut begraben werden. Auch al-Hassans Familie soll dazu anreisen. Seine Frau und die beiden Kinder lebten bis jetzt weit entfernt von der ständigen Bedrohung in Libanon.

(sda/dpa/mery/schubeca;muep)