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International

Artenschutz: UNO-Staaten stocken Hilfen «tierisch» auf

Samstag, 20. Oktober 2012, 2:27 Uhr

Das Artensterben soll gestoppt werden – doch wer zahlt? Lange kämpften die 193 Staaten auf der Artenschutzkonferenz in Indien um die Finanzierung, schliesslich verdoppelten sie die Mittel. Umweltschützer sind zufrieden. Umweltministerin Doris Leuthard hatte ihren Kollegen zuvor ins Gewissen geredet.

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Zwei Jahre nach ihren Beschlüssen zum Stopp des Artensterbens hat sich die Weltgemeinschaft im indischen Hyderabad auf eine Finanzierung der ambitionierten Artenschutzpläne geeinigt.

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«Schützt unsere Arten» – auch bei der UNO-Konferenz in Indien wurde diese Forderung erhoben. reuters/archiv

Lob von Umweltschützern

Delegierte aus 193 Staaten kamen auf der 11. UNO-Artenschutzkonferenz (CBD) überein, dass die Industriestaaten bis 2015 ihre Zahlungen an die Entwicklungsländer verdoppeln. Die Naturschutzhilfen sollen dann 10 Milliarden Dollar (etwa 7,7 Mrd. Euro) jährlich erreichen, erklärte ein CBD-Sprecher. Wie sich die Transferleistungen danach entwickeln, werde auf der nächsten Konferenz 2014 festgelegt.

Umweltschützer lobten den gefundenen Kompromiss. Auf der fast zweiwöchigen Konferenz hatten die Vertreter der Staaten hart um eine Lösung gerungen – in einer langen Nachtsitzung wurde sie schliesslich doch noch gefunden. Vor allem Brasilien und China sperrten sich bis zuletzt gegen höhere Finanzzusagen, berichteten Beobachter. «Auch für Europa ist es angesichts der Haushaltslage vieler Mitgliedsländer im Moment schwierig», sagte Günter Mitlacher, Leiter Biologische Vielfalt beim WWF Deutschland. 

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Bundesrätin Leuthard redete in Indien ihren Amtskollegen ins Gewissen. reuters/archiv

Leuthard: Umweltminister müssen vorwärts machen

Auch Umweltministerin Doris Leuthard hatte an der UNO-Biodiversitätskonferenz konkrete nationale Aktionspläne und Prioritäten für den Artenschutz gefordert. Dann könne auch die in Hyderabad «intensiv diskutierte Frage nach finanziellen Mitteln» gelöst werden.

Die Bundesrätin appellierte an die Umweltminister aus über 70 Staaten, vorwärts zu machen. Die Biodiversität sei der «Schlüssel zu unserer Wohlfahrt», sagte sie. Leuthard teilte den rund 2000 Teilnehmern des Gipfeltreffens mit, dass die Schweiz die Ratifizierung des Nagoya-Protokolls vorantreibe. Eine grosse Mehrheit der Teilnehmer der Ende September zu Ende gegangenen Vernehmlassung hätte das Protokoll begrüsst.

Biodiversität in der Schweiz nimmt ab (Tagesschau, 17.10.2010)

Nagoya-Protokoll erst von wenigen Ländern ratifiziert

Das Nagoya-Protokoll tritt in Kraft, wenn es von 50 Staaten ratifiziert ist. Unterzeichnet wurde es bisher von 92 Staaten, darunter von der Schweiz. Doch erst 5 Staaten haben es ratifiziert.

Im japanischen Nagoya hatten sich die 184 Unterzeichnerstaaten der Biodiversitätskonvention (CBD) vor zwei Jahren auf einen ehrgeizigen Strategieplan zur Rettung der Tier- und Pflanzenarten geeinigt. Dazu gehört, den Schwund natürlicher Lebensräume zu halbieren, die Zahl der unter Schutz stehenden Naturgebiete zu erhöhen und das Aussterben von auf der Roten Liste stehenden Arten zu verhindern. Diese Ziele sollen bis zum Jahr 2020 erreicht werden.

Bild Menschen um einen Pelikan herum
Praktischer Artenschutz: Ein ölverschmierter Pelikan wird nach einer Ölkatastrophe im Golf von Mexiko gereinigt. reuters/archiv

Naturschutz benötigt dreistellige Milliardensummen

Gemäss Umweltorganisationen sind weltweit mindestens 50 Milliarden Euro nötig, um die Nagoya-Ziele zu erreichen. Derzeit lägen die Ausgaben für den Artenschutz aber nur bei etwa 30 Milliarden Euro. Gemäss anderen Experten werden gar bis zu 330 Milliarden Euro pro Jahr benötigt.

Allein 70 Milliarden Euro jährlich wären einer Studie der Universität Freiburg im Breisgau zufolge nötig, um bestehende Naturschutzgebiete zu erhalten und neue zu schaffen. Derzeit gelten 25 Tierarten als besonders gefährdet auszusterben, wie die Weltnaturschutzorganisation (IUCN) kürzlich in einer Dokumentation  feststellte.

Schweiz fordert Zwischenbericht

Die nächste Artenschutzkonferenz findet erst in zwei Jahren statt. Die Schweiz hatte in Hyderabad beantragt, dass bis 2016 ein Zwischenbericht über die Umsetzung des Strategieplans vorgelegt werden muss. Wie das Bundesamt für Umwelt (BAFU) bereits zu Beginn der Konferenz erklärt hatte, stellt sich die Frage nach der zu zahlenden Summe für den Artenschutz noch nicht. Die Zahlen seien noch nicht genügend abgestützt.

Lobend erwähnten die Umweltschutzorganisationen in Hyderabad die Haltung der afrikanischen Länder, die von Anfang an konstruktiv mitgearbeitet hätten. Sie seien auch zu eigenen Verpflichtungen bereit gewesen, meinte Hubert Weiger, Vorsitzender des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND). Denn sie hätten erkannt, dass Naturschutz in ihrem ureigenen Interesse sei. «Der Verlust von Biodiversität wird am Ende viel teurer, als wenn wir die Arten jetzt schützen.» Die Organisationen WWF und BUND lobten den Abschluss, Konstantin Kreiser, Experte des Naturschutz-Bundes (Nabu), feierte ihn sogar als «grossen Erfolg».

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Nach einem Tankerunglück vom Öl gereinigt und wieder in die Freiheit entlassen. reuters/archiv

Dringender Appell der Weltnaturschutzunion

Etwas vorsichtiger reagierte Nabu-Präsident Olaf Tschimpke, der den hart errungenen Kompromiss als «die nötige Anschubfinanzierung» bezeichnete, um dem Artensterben bis 2020 Einhalt zu gebieten. Auch die Weltnaturschutzunion (IUCN) rief die Staaten dazu auf, die Gelder «dringend aufzustocken». Dabei könnten auch neue Finanzquellen etwa aus dem Privatsektor erschlossen werden.

Die 27 europäischen Staaten zahlen nach Nabu-Angaben derzeit etwas mehr als die Hälfte des globalen Naturschutzes, nämlich 3 Milliarden Euro jährlich. Die nun verabschiedete Verdoppelung werde jedoch anhand des Durchschnittswertes der Jahre 2006 bis 2010 ermittelt, der bei knapp 1,7 Milliarden Euro liege. Bis zum Jahr 2015 müssten die Europäer ihre Hilfen also um rund 400 Millionen auf 3,4 Milliarden Euro erhöhen, rechnet Nabu-Experte Kreiser vor.

SF mySchool: Wildnis zwischen Bahngleisen (05.10.2011)

Entscheide zu Wald- und Meeresschutz begrüsst

Das Geld soll laut WWF für neue Nationalparke, Waldschutzgebiete und nachhaltige Landnutzungsprojekte in den Entwicklungsländern ausgegeben werden. Dies diene vielfach auch dem Klimaschutz, meinte WWF-Experte Mitlacher.

Ausdrücklich begrüssten alle Naturschutzorganisationen die Ergebnisse, die in Hyderabad beim Wald- und Meeresschutz erzielt wurden. So seien 48 ökologisch bedeutsame Meeresgebiete in der Karibik, dem westlichen Atlantik und dem südwestlichen Pazifik anerkannt worden, erklärte der WWF. So komme man dem vor zwei Jahren beschlossenen Ziel näher, zehn Prozent der Meere unter Schutz zu stellen.

Artenschutz durchs Objektiv (Einstein, 16.10.2008)

(agenturen/halp;mery)