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Krise im Euro-Land

Ausstieg der Euro-Südländer käme die Schweiz teuer zu stehen

Mittwoch, 17. Oktober 2012, 14:06 Uhr, Aktualisiert 16:39 Uhr

Experten haben erstmals berechnet, wie teuer ein «Grexit» – ein Austritt Griechenlands aus der Eurozone – würde und welche Folgen ein Kippen weiterer Euroländer für die Weltwirtschaft hätte. Im schlimmsten Fall droht der Welt eine tiefe Rezession. Die Schweiz müsste mit einem Verlust von bis 240 Milliarden Euro rechnen.

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Worst-Case-Szenario Eurokrise Würden Griechenland, Italien, Portugal und Spanien pleite gehen und aus der Eurozone austreten, würden die 42 wichtigsten Volkswirtschaften der Welt in eine tiefe, schwere Rezession fallen. (Kumulierte Einbussen des realen BIP über den Zeitraum von 2013 bis 2020) Quelle: prognos

In einer am Mittwoch veröffentlichten Studie der Bertelsmann Stiftung (Gütersloh) kommen die Autoren zwar zu dem Schluss: Isoliert betrachtet wäre ein Staatsbankrott Griechenlands und sein Euro-Austritt «für die Weltwirtschaft ökonomisch verkraftbar». Es sei «jedoch nicht auszuschliessen, dass die Kapitalmärkte dann auch Portugal, Spanien und Italien das Vertrauen entziehen und es dort ebenfalls zu Staatsbankrotten kommt. Die Weltwirtschaft würde dadurch in eine tiefe Rezession fallen.»

«Grexit» verhindern

Nach Berechnungen der Prognos (Europäisches Zentrum für Wirtschaftsforschung und Strategieberatung) im Auftrag der Bertelsmann Stiftung würden die 42 wichtigsten Volkswirtschaften der Welt im schlimmsten Fall bis zum Jahr 2020 Wachstumseinbussen in Höhe von insgesamt 17,2 Billionen Euro erleiden.

Griechenland hofft auf Unterstützung

Griechenland hofft auf die nächste Milliardenhilfe der internationalen Partner. Ein positiver Bericht der «Troika» aus EU, Europäischer Zentralbank (EZB) und Internationalem Währungsfonds (IWF) ist Voraussetzung für die Auszahlung der 31,5 Milliarden Euro.

Der EU-Gipfel findet am 18. und 19. Oktober statt.

Die internationale Gemeinschaft sollte daher eine Staatspleite samt Euro-Austritt Griechenlands abwenden. «Wir müssen jetzt in der aktuellen Situation unbedingt den Ausbruch eines Flächenbrandes verhindern», warnte Aart De Geus, Chef der Bertelsmann Stiftung.

Deutschland: Wirtschaftsverlust 137 Milliarden Euro

Deutschland müsste demnach allein bei einem Austritt Griechenlands aus dem Währungsraum bis 2020 mit 73 Milliarden Euro Einbussen bei der Wirtschaftsleistung rechnen. Dazu kämen 64 Milliarden Euro Einmalkosten für den «Grexit» durch Abschreibungen auf Forderungen privater und öffentlicher Gläubiger.

Griechenland: Wirtschaftsverlust 164 Milliarden Euro

Griechenland käme die Rückkehr zur Drachme weitaus teurer: Den Berechnungen zufolge müsste sich das Land auf 164 Milliarden Euro Wachstumsverluste oder 14'300 Euro pro Einwohner bis 2020 einstellen.

Die 42 wichtigsten Industrie- und Schwellenländer müssten insgesamt einen Verlust von 674 Milliarden Euro hinnehmen. Die Schweizer müssten demnach mit einem Wachstumsverlust von 3 Milliarden Euro (Pro-Kopf-Verlust  329 Euro) rechnen.

Bei den Szenarien wurde unterstellt, dass private wie öffentliche Gläubiger auf 60 Prozent ihrer Forderungen gegenüber Athen verzichten müssten. Zudem wurde angenommen, dass eine neue griechische Währung um 50 Prozent gegenüber dem Euro abgewertet würde.

Folgt Portugal, steigt Verlust auf 2,4 Billionen Euro

Sollte Portugal, das wie Griechenland bereits am Finanztropf seiner Euro-Partner hängt, in den Abwärtsstrudel geraten und ebenfalls die Euro-Zone verlassen, wären die Folgen noch drastischer. Die grössten Volkswirtschaften müssten sich auf Wachstumsverluste von 2,4 Billionen Euro einstellen.

Zum Vergleich: In Deutschland würde sich der Verlust und Schuldenverzicht auf 324 Milliarden Euro belaufen (Pro-Kopf-Verlust: 2786 Euro), in den USA 365 Milliarden Euro (Pro-Kopf-Verlust: 1101 Euro) und in China 275 Milliarden Euro (Pro-Kopf-Verlust: 202 Euro). Für die Schweiz würde dieses Szenario – über den Zeitraum von 2013 bis 2020 – einen Pro-Kopf-Verlust von 1795 Euro oder insgesamt 15 Milliarden Euro betragen.

«Dies würde die Weltwirtschaft in eine tiefe Rezession stürzen, die auch vor aussereuropäischen Volkswirtschaften keinen Halt machen würde.» Zudem sei mit erheblichen sozialen Spannungen und politischen Instabilitäten zu rechnen.

Schweizer Abschreiber: 240 Milliarden Euro

Das Europäische Zentrum für Wirtschaftsforschung und Strategieberatung in München (Prognos) ging in ihren Szenarien noch weiter. Würden nämlich alle vier stark von der Krise betroffenen Staaten (Griechenland, Portugal, Spanien und Italien) pleite gehen und in der Folge aus der Eurozone aussteigen, dann hätte dies massive Einflüsse auf die ganze Welt. (siehe Grafik)

Die Einbussen für die Schweiz wären beträchtlich: Der Pro-Kopf-Verlust hierzulande würde sich fast verdreifachen, auf 28'921 Euro. Die kumulierten Einbussen des realen BIP über den Zeitraum von 2013 bis 2020 würden sich auf 240 Milliarden Euro belaufen.

Spanien und Italien schulden Schweiz über 25 Mrd. Euro

Michael Böhmer, Marktfeldleiter bei Prognos, erklärt dies «SF News Online» einerseits damit, dass die Schweiz mit Italien intensive Handelbeziehungen pflegt. Und: «Der schweizerische Finanzsektor hat gegenüber dem öffentlichen und privaten Sektor in Italien Forderungen in Höhe von 12,7 Milliarden Euro – und ebenso viel in Spanien.»

Böhmer stellt den Vergleich mit Deutschland auf: «Für Deutschland belaufen sich diese Forderungen auf 100 Milliarden Euro, was pro Kopf deutlich weniger ist. Die Annahme ist, dass auch diese Forderungen zu 60 Prozent abgeschrieben werden muss.»

Darüber hinaus sei zu beachten, dass die Schweiz nicht nur direkt unter dem Einbruch in Italien leiden würde, sondern natürlich auch indirekt: «Wenn beispielsweise Deutschland durch Italien in Mitleidenschaft gezogen wird, spürt die Schweiz auch einen Nachfragerückgang aus Deutschland», so Böhmer.

(sf/dpa/sda/schubeca; frua)