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International

Friedensnobelpreis für EU: Lob, Verwunderung und Unverständnis

Freitag, 12. Oktober 2012, 9:22 Uhr, Aktualisiert 20:36 Uhr

Mitten in einer der grössten Krisen ihrer Geschichte erhält die Europäische Union unerwarteten Zuspruch: Das norwegische Nobelpreiskomitee hat der EU den diesjährigen Friedensnobelpreis verliehen – für ihren jahrzehntelangen Einsatz für Frieden und Versöhnung. Die Reaktionen sind geteilt.

Über mehr sechs Jahrzehnte habe die EU entscheidend zur friedlichen Entwicklung in Europa beigetragen, heisst es in der Begründung des fünfköpfigen Nobelkomitee. Besonders hervorgehoben wurde die Aussöhnung zwischen Deutschland und Frankreich.

«Neue Ära eingeleitet»

Beide Länder seien in drei Kriege gegeneinander verwickelt gewesen und seien heute ein Beispiel dafür, wie alte Feinde durch gemeinsame Anstrengungen und den Aufbau von Vertrauen enge Freunde werden können. «Heute ist Krieg zwischen Deutschland und Frankreich undenkbar», so der Präsident des Komitees, Thorbjörn Jagland.

Friedensnobelpreis geht an die EU

Er hob zudem die Förderung demokratischer Entwicklungen in Südeuropa hervor. «In den 1980er Jahren sind Griechenland, Spanien und Portugal der EU beigetreten. Die Einführung der Demokratie war Voraussetzung für ihre Mitgliedschaft», so Jagland.

Der Fall der Berliner Mauer habe den Beitritt zudem für zentral- und osteuropäische Staaten möglich geworden. «Damit wurde eine neue Ära der europäischen Geschichte eingeleitet.» Jagland sprach von einem «historischen Preis sowohl in langfristiger wie in aktueller Perspektive».

Die Begründung des Nobelkomitees. (unkommentiert, englisch)

«Wir sind tief berührt»

Bei den EU-Institutionen in Brüssel sorgte der Entscheid aus Oslo für Begeisterung. Als einer der ersten Amtsträger meldete sich Parlamentspräsident Martin Schulz zu Wort. «Wir sind tief berührt und geehrt», schrieb er auf Twitter. Die EU sei ein «einzigartiges Projekt, das «Krieg mit Frieden und Hass mit Solidarität» ersetzt habe.

Der Präsident der EU-Kommission, Jose Manuel Barroso, sprach von einer Inspiration für Länder und Menschen in der ganzen Welt «selbst in diesen schwierigen Zeiten». Die internationale Gemeinschaft brauche eine starke Europäische Union, sagte er in Brüssel. «Der Preis ist eine wichtige Botschaft für Europa: Dass die EU etwas sehr Wertvolles ist, dass wir sie zum Wohle der Europäer und der ganzen Welt pflegen sollten.» Ratspräsident Herman Van Rompuy bezeichnete die Verleihung als «unglaubliche Ehre» und «grösstmögliche Anerkennung der tiefen politischen Motive, die hinter der Union stehen».

Israel gratulierte der EU zu dem Preis. «Der beispielhafte Erfolg der EU bei der Schaffung von Frieden nach zwei Weltkriegen ist eine Inspiration für die ganze Nationenfamilie», so Aussenamtssprecher Jigal Palmor. Israel habe ein besonderes Interesse an den europäischen Errungenschaften im Hinblick auf Frieden.

Kritik am Komitee

Der Entscheid sorgte jedoch auch für Kritik – unter anderem am Komitee selbst. Der Chef der normalerweise dort vertretenen norwegischen Linkssozialisten warf Komiteechef Jagland unfeine Methoden vor. «Hat Jagland im Komitee geputscht, während unsere Vertreterin krank war?», fragte er. Die Linkssozialistin in der Jury war wegen längerer Krankheit durch einen Parteilosen ersetzt worden. Jagland soll sich schon länger dafür eingesetzt haben, den Preis an die EU zu verleihen.

«Es ist kein Mitleidspreis, sondern eine Bestätigung als Friedensprojekt» (Tagesschau 12.10.2012, 19:30 Uhr)

Offen ist nach wie vor, warum der TV- und Rundfunksender NRK den Preisträger eine Stunde vorab verkünden konnte – das ist höchst ungewöhnlich. Spekulationen machten die Runde, dass möglicherweise Gegner der Entscheidung mit Insiderwissen dem Komiteechef den «Spass verderben wollten». Bereits am Vorabend wurden Gerüchte verbreitet, dass der Nobelpreis diesmal an die EU gehen könnte.

Zahlreiche kritische Stimmen zur Verleihung fanden sich auch in sozialen Netzwerken wie Facebook und Twitter. Dort reagierten viele Kommentatoren mit grosser Verwunderung auf die Bekanntgabe. Viele kritisierten den Entscheid angesichts etwa des Umgangs der Union mit Schuldenländern wie Griechenland oder Spanien.
 

«Lichtblick in finsteren Zeiten»

Für die Beamten in der EU sei der Preis «ein Lichtblick in finsteren Zeiten», so SF-Korrespondent Jonas Projer in Brüssel. Er berichtet von «Mitarbeitern mit Tränen in den Augen» auf den Gängen. «Viele der Personen glauben fest an die Zusammenarbeit in der Union.»

Der Preis wird traditionell am 10. Dezember, dem Todestag von Stifter Alfred Nobels, in Oslo verliehen. Er ist mit umgerechnet 930'000 Euro dotiert. Das Preisgeld wird nach den Worten eines Kommissionssprechers vermutlich an eine Wohltätigkeitsorganisation gespendet.

Unklar ist bislang noch, welcher EU-Vertreter den Preis in Oslo entgegennehmen wird. Die EU-Kommission selbst schlug vor, ihn an Kommissionspräsident Jose Manuel Barroso und den ständigen Ratspräsidenten Herman van Rompuy zu überreichen. Van Rompuy repräsentiert die Mitgliedsstaaten, die gemeinsam mit dem Parlament Gesetzgeber der Gemeinschaft sind, Barroso steht für die Exekutive.

Die EU – ein Kind des Krieges

Die heutige EU wird oft mit Negativschlagzeilen und Bürokratie verbunden. Manchmal geht fast vergessen: die Europäische Union ist aus den Erfahrungen und dem Leid des Zweiten Weltkrieges heraus entstanden. Ein solcher Krieg sollte nie wieder möglich sein. Schon immer war dabei wirtschaftliche Zusammenarbeit der Grundpfeiler. Mehr.

Porträt von Alfred Nobel (nobelpreis-organisation)

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(agenturen/krua;galc/fasc)