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International

Putin wird 60 – Russland gratuliert und demonstriert

Sonntag, 7. Oktober 2012, 0:07 Uhr

Ganze Sonderseiten fast wie zu Sowjetzeiten haben russische Medien Kreml-Chef Wladimir Putin vorab zum 60. Geburtstag gewidmet. Der Staatschef hält sich seit 13 Jahren an der Macht – und wird nicht müde, seine Jugend zu demonstrieren.

Neben seinem politischen Wirken versteht es der Judo-Meister mit schwarzem Gurt immer wieder, seine Männlichkeit zu inszenieren. Jüngst flog er gar mit Kranichen durch die Lüfte. Seine Kritiker spotten über Putins Selbstdarstellungen – allerdings kommt das Macho-Gehabe bei vielen jungen Russen gut an.

Eine «gelenkte Demokratie»

Bereits seit 13 Jahren hält sich Wladimir Putin im Zentrum der Macht Russlands. Er hat die einstige Sowjetrepublik nach seinen paternalistisch-patriotischen Vorstellungen geformt und eine «gelenkte Demokratie» in der Grauzone zwischen Volksherrschaft und Autoritarismus durchgesetzt.

Auch in seiner dritten Amtszeit als Präsident hält Putin seine Macht fest im Griff. Daran dürfte sich so schnell nichts ändern, wenn der Ölpreis hoch bleibt.

«Gesandter Gottes»

Die russische Presse würdigt ihren Staatschef auf vielen Sonderseiten. Die Bilanzen fallen gemischt aus. Gern zitiert wird zum Jubiläum wieder einmal der Spitzenfunktionär Wladislaw Surkow, der den Präsidenten als Gesandten Gottes lobpreist. Das Machtlager verehrt Putin als «nationalen Anführer», dem bis heute kein anderer im grössten Land der Erde das Wasser reichen könne.

Langzeit-Präsident Wladimir Putin («Tagesschau» vom 07.10.2012)

Die Opposition hingegen sieht ihn als autoritären Herrscher, der Russland mit einem beispiellosen Anziehen der Daumenschrauben in die menschenverachtende Zeit der Sowjetunion zurückführt.

«Eine korrupte Oligarchie aus Milliardären»

Viele von Putins Gegnern wie der Ex-Ölmilliardär Michail Chodorkowski oder die drei Frauen der Punkband Pussy Riot, die in einer Kirche gegen ihn protestierten, sitzen heute im Gefängnis. Unvergessen bleibt auch der Tod der kremlkritischen Journalistin Anna Politkowskaja. Sie wurde 2006 an Putins Geburtstag vor ihrer Wohnung in Moskau erschossen. Der Fall  ist bis heute nicht aufgeklärt.

Putin, sagen seine Kritiker, habe eine durch und durch korrupte Oligarchie aus Milliardären geschaffen, die um nichts in der Welt von ihren Pfründen lassen würden. Sein Ziel sei es, das russische Imperium wieder aufzubauen und eine Art neue Sowjetunion zu schaffen.

Plan zur Eurasischen Wirtschaftsgemeinschaft

Putin selbst hat die Grundsteine für die sogenannte eurasische Wirtschaftsunion mit seinen Verbündeten wie der Diktatur Weissrussland und dem autoritären Kasachstan in Zentralasien längst gelegt.

Der Staatschef selbst begründet seinen Verbleib an der Macht unter anderem damit, dass nur er das Land mit seiner langen Grenze zu China und mit dem Konfliktgebiet Nordkaukasus voller Separatisten und Terroristen vor dem Zerfall bewahren könne.

In diese Richtung geht auch die Bewunderung seiner Anhänger. In Rostov-on-Don im Süden Russlands wird die «Junge Garde», eine russische Jugendorganisation, ein Banner von einer Brücke entfalten, das mit der Vereinigung von Europa und Asien Putins Rolle symbolisiert.

«Wir senden Putin in Pension»

Putins Gegner fordern, dass sich der «Dauerherrscher» in den Ruhestand verabschieden möge. In der Nähe des Roten Platzes in Moskau werden sie ebenfalls ein Banner entfalten mit der Aufschrift: «Wir senden den alten Mann in die Pension.» Die Organisatoren forderten die Demonstranten auf, Geschenke für einen Pensionären mitzubringen – von der Lesebrille bis zur Pfeife.

Putin selbst, der seinen Geburtstag unspektakulär im Kreise seiner Familie feiert, hat jedoch keine Pläne zur Pensionierung, den er sitzt gut im Sattel. Von der Beliebtheit Putins im eigenen Land kann manch ein westlicher Politiker nur träumen. Allerdings ist sie seit dem Wirtschaftsboom zwischen 2000 und 2008 gesunken.

Jede 5. Russin würde Putin heiraten

Letzten August sprachen sich 48 Prozent der Bevölkerung für Putin aus, wie das unabhängige Umfrage-Institut Levada berichtet. Bei seiner Wahl zu seiner dritten Amtszeit als Präsident sprachen sich noch 60 Prozent für ihn aus.

Dennoch scheint seine Beliebtheit ungebrochen: Eine Umfrage bei der weiblichen Bevölkerung in den vergangenen Tagen zeigte: Eine von fünf Russinnen würde Putin vom Fleck weg heiraten.

Zu seinem Geburtstag vor zwei Jahren machten ihm glühende Verehrerinnen ein besonderes Geschenk: Die Studentinnen liessen sich barbusig für einen Kalender mit schriftlichen Liebesbekundungen ablichten.

Popsong zum Geburtstag

Auh der Sänger Tolibdschon Kurbanchanow ist ein treuer Fan Putins. Pünktlich meldet er sich mit einem weiteren Putin-Song «Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag, Herr Präsident!» samt Clip aus Putins Heimatstadt St. Petersburg zu Wort.

Beobachter erwarten, dass der Herrscher im Kreml nach seinem 60. Geburtstag die Zügel noch einmal anzieht. So kritisierte er kürzlich selbst Ministerpräsident Medwedew öffentlich, den er von 2008 bis 2012 als Platzhalter im Kreml installiert hatte, weil die Verfassung Putin drei Amtszeiten hintereinander als Präsident verbot.

Kein Nachfolger in Sicht

Sollte Putin in sechs Jahren noch einmal für das höchste Staatsamt antreten wollen, würde Russland das erste Vierteljahrhundert des neuen Millenniums von einem einzigen Mann regiert werden. Keiner ausser dem sowjetischen Diktator Josef Stalin kam seit dem Zarenreich auf eine längere Regierungszeit.

Nebst Lob und Kritik wird in den Medien auch die Frage aufgeworfen, wer Nachfolger Putins werden könnte. «Putin steht alleine auf dem Gipfel eines steilen Berges, an dessen Wänden sich kein Kletterer festhalten kann», schreibt die Zeitung «Moskovsky Komsomolets». «Theoretisch gibt es einen Mechanismus für eine Machtwechsel. Praktisch nicht.»

Bild Wladimir Putin in jungen Jahren
Damals war Putin noch Leiter des städtischen Komitees von Leningrad für Aussenbeziehungen: 1991. reuters

Steiler Aufstieg von St. Petersburg nach Moskau

Wladimir Wladimirowitsch Putin wurde am 7. Oktober 1952 im St. Petersburg (damals Leningrad) geboren.

Nach seinem Einsatz beim sowjetischen Geheimdienst KGB, für den er unter anderem zu DDR-Zeiten in Dresden stationiert war, wurde er 1994 zum Vize-Bürgermeister von St. Petersburg. 1996 bekam Putin den Posten als stellvertretender Leiter der Kreml-Liegenschaftsverwaltung und war anschliessend in verschiedenen Funktionen tätig, zuletzt als Direktor des Inlandgeheimdienstes. Der damals bereits angeschlagene Boris Jelzin, der erste russische Präsident nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion, machte ihn im Oktober 1999 zum Ministerpräsidenten.

Nur wenige Monate später, zum Neujahrsfest 2000, dankte Jelzin überraschend ab und die Ära Putin begann: Acht Jahre Präsident, von 2008 bis 2012 Ministerpräsident, im März dieses Jahres Rückkehr ins höchste Staatsamt zu einer dritten Amtszeit. Der war eine denkwürdige Ämterrochade mit seinem Statthalter und engen Vertrauten Dmitri Medwedew vorausgegangen.

Putin ist heute verheiratet und hat zwei Töchter.

«Paternalistische Stimmungen» genutzt

In einer Denkschrift legte Putin Ende 1999 seine staatsphilosophischen Vorstellungen dar. Patriotismus und Paternalismus sind darin die Schlüsselwörter, die Putins Handeln bis heute zu bestimmen scheinen: «Wenn wir den Patriotismus und den mit ihm verbundenen nationalen Stolz und Würde einbüssen, verlieren wir uns selbst als ein Volk, das zu grossen Taten fähig ist», schrieb er unmittelbar vor seinen Gedanken über «Russland als Grossmacht».

Und: «Es ist auch Tatsache, dass paternalistische Stimmungen in Russland tief verwurzelt sind. Die Mehrheit der Bevölkerung verbindet die Verbesserung seiner Lage nicht mit eigenen Anstrengungen, Initiative, Unternehmungslust, sondern viel mehr mit der Hilfe und Unterstützung des Staates und der Gesellschaft.»

(agenturen/buev;halp)