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Higgs-Teilchen bereitet Nobelpreis-Komitee Bauchweh
Diese Woche werden die Nobelpreise 2012 in Stockholm verkündet. Am Dienstag sollen in der Physik die Entdecker des Higgs-Teilchens geehrt werden. Das stellt das Nobelpreis-Komitee vor ein Dilemma: Denn Tausende Forscher haben bei seiner Entdeckung mitgewirkt.
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Am 4. Juli 2012 war es soweit: Die Europäische Organisation für Kernforschung Cern in Genf verkündete die Entdeckung eines neuen Teilchens – vermutlich des berühmten Higgs-Teilchens. Das Teilchen erklärt die Masse von Elementen, weshalb es auch «Gottes-Teilchen» genannt wird. Mit der Entdeckung wurde eine jahrzehntelange Jagd beendet.
Peter Higgs war nicht der einzige
Für Wissenschaftler aller Art gibt es keinen Zweifel, dass mit der Entdeckung des fehlenden Glieds in der Theorie der Elementarteilchen eine historische Errungenschaft gelungen ist, die den Nobelpreis mehr als verdient hat. Doch mit dem 4. Juli 2012 ist auch ein grosses Dilemma für das Nobelpreis-Komitee losgebrochen. Denn das Higgs-Teilchen hat nicht einen, sondern Tausende von Entdeckern.
Zwar wird das Teilchen in der Öffentlichkeit meist mit Namensgeber Peter Higgs verbunden. Der 83jährige gibt jedoch zu, dass die Theorie dazu nicht ausschliesslich von ihm stammt.
Geburtsstunde 1964
Insgesamt sechs Physiker, die jeweils von der Arbeit anderer inspiriert wurden, hatten 1964 innerhalb von vier Monaten wissenschaftliche Artikel zum Thema publiziert. Die ersten beiden waren die Belgier Brout Robert, der inzwischen verstorben ist, und François Englert. Auf die beiden folgte der Brite Peter Higgs, der feststellte, dass nur ein unentdecktes Teilchen die Lösung des Problems sein könne. Die weiteren drei Wissenschaftler waren die Amerikaner Dick Hagen und Gerry Guralnik sowie der Brite Tom Kibble.
Nobelreigen beginnt mit Medizinpreis
In Stockholm wird heute bekanntgegeben, wer den Medizin-Nobelpreis 2012 bekommt. Die Auszeichnung bildet den Auftakt des jährlichen Nobelpreis-Reigens in Stockholm und Oslo.
Am Mittwoch fällt die Entscheidungen in Chemie. Freitag gibt das norwegische Nobelkomitee in Oslo den Träger des Friedensnobelpreises 2012 bekannt. Wahrscheinlich, aber noch nicht sicher ist die Bekanntgabe des Literatur-Nobelpreises am Donnerstag.
Seither haben sich Tausende von Physikern auf der ganzen Welt in Zusammenarbeit mit dem Cern mit der Entdeckung des Higgs-Teilchens beschäftigt, das von Theoretikern fast fünfzig Jahre zuvor vorausgesagt wurde. Doch wem soll nun der Nobelpreis verliehen werden?
Nobelpreis-Regeln veraltet?
Die Regeln besagen, dass der Nobelpreis nicht an mehr als drei Personen oder Organisationen gehen kann. Auch posthum darf der Preis nicht verliehen werden. Deshalb könnte die Lösung «Peter Higgs, François Englert und Cern» lauten.
Preis darf «eigentlich» nicht posthum verliehen werden
Im vergangenen Jahr wussten die Juroren bei der Verkündung von drei Preisträgern nicht, dass einer von ihnen tot war. Der US-Immunologe Ralph Steinman war drei Tage zuvor gestorben. Er wurde trotz anderslautender Regeln posthum mit dem Nobelpreis geehrt.
Doch so einfach ist die Lösung nicht. Die Tausenden involvierten Wissenschaftler sind auf der ganzen Welt verteilt. «Die Physik hat sich seit dem Beginn der Nobelpreis-Vergabe 1901 verändert», sagte Lars Brink, Mitglied des Nobelpreis-Komitees. «Früher haben einzelne Individuen die grossen Entdeckungen in der Physik gemacht. Heute sind es grosse Kollaborationen zwischen verschiedenen Instituten. Das stellt uns vor ein Problem.»
6000 Forscher auf einem Sockel
Natürlich sei es möglich, im Rahmen einer Organisation die Wissenschaftler des Cerns auszuzeichnen, so Brink. Doch seien die bisherigen Nobelpreisträger immer auf eine Art Sockel hinaufgehoben worden. Und es sei unmöglich, 6000 Forscher auf einen Sockel zu stellen.
Und es kommt noch schlimmer: Wie bei jeder Entdeckung braucht es auch beim Higgs-Teilchen weitere Forschungen, um die Ergebnisse abzusichern. Allzu lange darf das Nobel-Komitee allerdings nicht zuwarten. Denn verstirbt in dieser Zeit Peter Higgs, steht es bei der Verleihung des Preises wiederum vor dem Posthum-Dilemma.
Dynamit-Erfinder stiftete die Nobelpreise
Mit der Stiftung der Nobelpreise wollte der schwedische Forscher und Grossindustrielle Alfred Nobel (1833-1896) einen Konflikt lösen, der sein Leben bestimmte: Der Dynamit-Erfinder konnte es nicht verwinden, dass viele seiner Entdeckungen für den Krieg genutzt wurden. Daher vermachte er sein Vermögen einer Stiftung, aus deren Zinsen Preise für jene finanziert werden sollten, die «im verflossenen Jahr der Menschheit den grössten Nutzen geleistet haben». Nobel selbst hatte über 350 Patente angemeldet.
Nobelpreise leiden unter Wirtschaftskrise
Die Preise werden seit 1901 vergeben. Die Dotierung stieg von anfangs 150'800 auf 10 Millionen Schwedische Kronen in den vergangenen Jahren. In diesem Jahr kürzte die Stiftung das Preisgeld auf 8 Millionen Kronen (1'125'000 Franken), um eine «dauerhafte finanzielle Stabilität» zu gewährleisten. Finanz- und Wirtschaftskrise hatten ihr Kapitalvermögen gemindert.
Bis zu drei Menschen können sich einen wissenschaftlichen Preis teilen. Der Friedensnobelpreis wird auch an Organisationen verliehen. Höhepunkt ist stets die feierliche Verleihung der Auszeichnungen am 10. Dezember, dem Todestag des Stifters Nobel.
Preis für «richtige Lebensführung»
Neben den eigentlichen Nobelpreisen wird seit 1969 eine Ehrung für Wirtschaftswissenschaften in Gedenken an Alfred Nobel verliehen. Sie wurde 1968 von der Schwedischen Reichsbank gestiftet.
Seit 1980 vergibt die schwedische «Stiftung zur Auszeichnung richtiger Lebensführung» (Right Livelihood Award Foundation) die Right Livelihood Awards, die oft als Alternative Nobelpreise bezeichnet werden.
(agenturen/buev;fasc)







