US-Wahlkampf 2012
Michelle Obama vs. Ann Romney
Es ist ein Kampf zwischen natürlicher Coolness und mütterlicher Gravität. Die eine ist seit vier Jahren im Weissen Haus, die andere möchte ihr nachfolgen: Michelle Obama und Ann Romney, zwei starke Waffen im Kampf um die Gunst der Wähler.
Die Parteitage der Republikaner und der Demokraten haben es gezeigt. Beide Frauen vermögen das Publikum zu faszinieren. Sie bedienen ein Weltbild, das im einem Fall eher links-liberal, im anderen eher konservativ ist. Und: Beide Frauen wissen um ihre Wirkung.
Ann Romney: Familie als Imperativ
Tampa, Florida, Ende August: Im karmesinroten Kleid erscheint die Gattin des Präsidentschaftskandidaten Mitt Romney auf der Bühne. Das Rot, eine Hommage an die Farbe der Republikaner. Zu Beginn wirkt Ann Romney nervös, das macht sie sympathisch. Mit der Erzählung über die Anfänge ihrer Beziehung zu Mitt fliegen ihr definitiv die Herzen im Saal zu. Die Mutter von fünf Söhnen plaudert aus dem Nähkästchen, ohne dabei zu viel zu verraten. Sie schafft die Gradwanderung zwischen einem Abrutschen in den Sozialkitsch und unangebrachter Realitätsnähe.
Dennoch: Ihr Ziel, das Geheimnis um den etwas hölzern und elitär wirkenden Mitt Romney zu lüften, erreicht sie nicht. Viel mehr akzentuiert die 63jährige den Eindruck einer liebenden Ehefrau, die dem Gatten das Rampenlicht überlässt. Es fehlt an Überraschungsmomenten, was bleibt, ist das Bild einer Frau mit Bodenhaftung, aber auch mit einem Hang zur Selbstaufgabe zugunsten ihres Mannes.
Nach über 40 Ehejahren, fünf Söhnen und 18 Enkelkindern werde ihre Beziehung häufig als «Ehe aus dem Bilderbuch» beschrieben, erklärt Ann Romney. Ihrer Meinung nach treffe dies nicht zu, denn in Bilderbüchern werde nie über Krankheiten wie Brustkrebs und Multiple Sklerose (MS) gesprochen – zwei Schicksalsschläge, die sie erfolgreich überwunden hat, auch dank ausreichender finanzieller Rücklagen.
Michelle Obama: modern und selbstbewusst
Charlotte, Carolina, Anfang September: Im rosarot geblümten Brokat-Kleid zeigt Michelle Obama trotz Kritik erneut ihre durchtrainierten Oberarme. Niemand könnte die Präsidentengattin übersehen, wenn sie mit ihren fast 1,80 Metern einen Raum betritt. Ihr Auftreten ist selbstsicher und spritzig.
Es ist nicht eingeübt oder nach vier Jahren im Rampenlicht gar abgebrüht, was die First Lady auf der Bühne bietet, es ist authentisch. Emotional und kämpferisch verteidigt sie den Leistungsausweis ihres Mannes. Dabei greift auch sie auf persönliche Momente zurück, unterstreicht aber mit Vehemenz die Erfolge Barack Obamas.
«Nach so vielen Kämpfen und Triumphen, die meinen Mann herausgefordert haben, wie ich es nie für möglich gehalten hätte, habe ich gesehen, dass Präsident zu sein einen nicht ändert, sondern zeigt, wer man wirklich ist.» Das klingt nach einer Liebeserklärung, doch Michelle Obama ist dafür bekannt, dass sie nicht mit Kritik spart.
Gebildet und engagiert
Jeder weiss, dass Michelle Obama die starke Frau an Barack Obamas Seite ist. In Umfragen schlägt sie den Präsidenten regelmässig haushoch. Auch Barack Obama ist sich dessen bewusst. Im Wahlkampf vor vier Jahre gab er zu, dass er dankbar sei, nie gegen Michelle um ein Amt kandidieren zu müssen. «Sie würde mich ohne grosse Mühe schlagen.»
Sich selbst und ihre Beziehung beschrieb die spätere Präsidentengattin damals wie folgt: «Ich habe eine laute Klappe, ich ziehe meinen Mann auf. Er ist unglaublich smart, und er ist sehr wohl in der Lage, mit einer starken Frau umzugehen. Mit mir klarzukommen, ist einer der Gründe, warum er zum Präsidenten taugt.»
Mit ihrer unverblümten Art hat es Michelle, geborene Robinson, weit gebracht. Die Harvard-Juristin arbeitete in Chicago in einer Anwaltskanzlei, in der Stadtverwaltung und bevor sie sich vor vier Jahren ganz dem Wahlkampf ihres Mannes verschrieb in der Universitätsverwaltung. Sie redigiert die Reden ihres Mannes, ist seine Beraterin und seine starke Schulter.
Nach aussen kennt man sie als Verteidigerin der Kriegshelden Amerikas. Sie setzt sich dafür ein, dass heimgekehrte Soldaten und ihre Familien eine gesicherte Zukunft haben. Die 48jährige engagiert sich leidenschaftlich für die Gesundheit der Jugend Amerikas und geht mit einem eigenen Gemüsegarten auf dem Rasen des Weissen Hauses mit gutem Beispiel voran.
Engagiert und warmherzig
Doch sie ist auch einfach Mutter. Darin liegt die Gemeinsamkeit mit Ann Romney. Diese wirkt daneben wie ein Mauerblümchen, doch der Schein trügt. Die 63jährige führt mit ihrem Mann eine Ehe auf Augenhöhe. Ihr ältester Sohn Tagg bezeichnete sie einmal als «Dad Stabilisator» – den Anker für Mitt Romney.
Ann, geborene Davies, hat einen Abschluss in Französisch und verbrachte ein Semester an der Universität im französischen Grenoble. Bekannt ist auch ihr grosses karitatives Engagement. Als First Lady von Massachusetts kümmerte sie sich um Jugendliche aus unterprivilegierten Familien. Ann Romney hat auch ein Herz für Kinder, die an schweren Krankheiten leiden.
Bleibt noch die Religion, ein wichtiger Faktor im US-Wahlkampf. Beide Frauen bekennen sich zu ihrem Glauben. Ann Romney ist für ihren Mann zum Mormonentum konvertiert. Jüngst hat sie in einer TV-Show an die Toleranz der Amerikaner appelliert: «Ich finde es wunderbar, dass wir den ersten afroamerikanischen Präsidenten haben. Das zeigt, dass wir Vorurteile hinter uns lassen. Ich hoffe, das geht weiter, wenn Mitt gewählt wird.
(sf/hues; schl)



