International
Ex-Kammerdiener des Papstes kann auf Begnadigung hoffen
Paolo Gabriele war jahrelang Teil der päpstlichen «Familie» – einem Kreis von wenigen Vertrauten, die sogar Zutritt zu den päpstlichen Gemächern haben. Weil er vertrauliche Dokumente an Journalisten weitergab, verurteilte ihn das vatikanische Gericht nun zu eineinhalb Jahren Haft. Möglich, dass er die Strafe nie antreten muss.
In einem der spektakulärsten Prozesse in der Geschichte des Heiligen Stuhls befand das vatikanische Gericht den früheren Kammerdiener für schuldig, vertrauliche Dokumente gestohlen und so das Vertrauen des Papstes missbraucht zu haben. Die eineinhalbjährige Haftstrafe muss der 46Jährige aber wohl nicht antreten. Ein Sprecher des Vatikans kündigte an, der Papst werde ihn höchstwahrscheinlich begnadigen.
Nach den Worten seiner Verteidigerin steht der Verurteilte bis dahin unter Hausarrest. Sie werde darauf verzichten, in Berufung zu gehen. Ihr Mandant sei bereit, die Konsequenzen zu tragen, welche sie auch sein mögen. Die Verteidigerin sagte, in ihren Augen handele es sich um ein gerechtes Urteil.
Sie hatte in dem Prozess auf Freispruch plädiert, die Anklage dagegen drei Jahre Haft gefordert. Dass das Strafmass letztendlich nur halb so hoch ausfiel, begründeten die Richter damit, dass der vom Papst «Paoletto» – Paulchen – gerufene Kammerdiener nicht vorbestraft gewesen sei. Der Vatikan betonte, das Gericht habe seine Entscheidung unabhängig und ohne Einmischung der Kirche getroffen.
Teil des engsten Zirkels
Gabriele war Teil der sogenannten päpstlichen Familie – damals waren das weniger als zehn enge Vertraute. Sie sind unter anderem im Besitz eines Schlüssels zu dem Aufzug, der direkt in die päpstlichen Gemächer führt. Der 46 Jahre alte Familienvater hatte schon zu Zeiten von Papst Johannes Paul II. in den Diensten des Vatikans gestanden. 2006 wurde er Benedikts Kammerdiener. Er half beim Anziehen, servierte dem Papst das Essen und bereitete sein Schlafzimmer vor.
Der streng gläubige Gabriele wird als einfach beschrieben. Ein psychiatrisches Gutachten stufte ihn als schuldfähig ein, attestierte ihm aber auch leichte Manipulierbarkeit. In seiner Wohnung fanden die Ermittler Berge von Papier, nicht nur Vatikan-Material. Offenbar interessierte Gabriele sich für alles Mögliche: andere Religionen, die Freimaurer, die Arbeit von Geheimdiensten.
Machtkampf im Vatikan?
Gabriele hatte zugegeben, Dokumente kopiert und an einen Journalisten weitergegeben zu haben. Dabei habe er aber aus einer tiefen Liebe zur katholischen Kirche und dem Papst gehandelt, sagte der Kammerdiener. Er habe überall in der Kirche Übel und Korruption gesehen, über die der Papst nicht hinreichend informiert gewesen sei, begründete Gabriele im August sein Handeln.
Die von Benedikts Mitarbeiter gestohlenen und von italienischen Medien veröffentlichten Dokumente deuteten auf einen Machtkampf im Vatikan auf höchster Ebene hin. Der Fall hatte ein grosses Medieninteresse ausgelöst und in Anlehnung an das Enthüllungsportal WikiLeaks auch Schlagzeilen als «Vatileaks» gemacht.
Nicht viele Prozesse im Vatikan
Viele Prozesse gibt es nicht hinter den Mauern des Vatikans - Verbrechen sind selten in dem winzigen Staat, in dem der Papst mit seinen Kardinälen, Prälaten und Schweizergardisten lebt. Etwa 30 Verhandlungen seien es im Jahr, sagte Giovanni Giacobbe, Staatsanwalt am vatikanischen Berufungsgericht.
Die Gesetze im kleinsten Staat der Welt gehen auf das Jahr 1929 zurück. Damals ging mit der Errichtung des Kirchenstaates italienisches Recht in vatikanisches ein. Der Vatikan hat aber auch eigene Regeln und Gesetze erlassen. So gab er sich nach Kritik am Finanzgebaren der Vatikanbank IOR strenge Richtlinien gegen Geldwäsche.
«Vatileaks» im Überblick
Die Veröffentlichung vertraulicher Informationen aus dem Umfeld des Papstes hält den Vatikan seit Monaten in Atem.
10. Februar: Die Zeitung «Il Fatto Quotidiano» zitiert aus einem vertraulichen Dokument, das einen möglichen Anschlag auf den Papst thematisiert. Der Vatikan weist den Bericht zurück. Kenner halten es aber für möglich, dass der Vorgang Teil eines Machtkampfes an der Spitze der römischen Kurie sein könnte.
14. Februar: Der Sprecher des Papstes Benedikt XVI. kritisiert die Veröffentlichung interner Informationen, die «auf illoyale Weise» nach aussen gedrungen seien. Dabei ging es auch um das Finanzgebaren des Vatikans und der Vatikanbank IOR. Er spricht das erste Mal von «Vatileaks» in Anlehnung an die Enthüllungsplattform «Wikileaks».
17. März: Der Vatikan leitet Ermittlungen ein. Papst Benedikt ernennt eine Kommission, um «Licht in die Angelegenheit zu bringen».
25. Mai: Der Präsident der Vatikanbank IOR, Ettore Gotti Tedeschi, nimmt nach einem Misstrauensvotum des Aufsichtsrats seinen Hut. Medien spekulieren über Zusammenhänge mit der «Vatileaks»-Affäre.
26. Mai: Nach Angaben des Vatikans wird in der Affäre gegen den päpstlichen Kammerdiener Paolo Gabriele ermittelt. Er soll die Papiere entwendet und weitergereicht haben. Wegen schweren Diebstahls sitzt er in Untersuchungshaft. Es kursieren Gerüchte über Mittäter.
3. Juni: «La Repubblica» berichtet, ein anonymer Informant habe ihr drei neue Schreiben aus dem Vatikan zugespielt. Der Kammerdiener sei möglicherweise nur «ein kleiner Fisch».
(agenturen/fasc/krua)







