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Schweiz

Jährlich sterben 35 Menschen durch häusliche Gewalt

Nadine Gerber
Donnerstag, 4. Oktober 2012, 16:54 Uhr

Das tödliche Ehedrama von Wettingen (AG) vom Mittwoch ist kein Einzelfall: Durchschnittlich sterben in der Schweiz pro Jahr 35 Menschen an den Folgen von häuslicher Gewalt. Am meisten Opfer gibt es unter den ausländischen Frauen.

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Art der Gewalt Häufig handelt es sich bei den Taten um Tätlichkeiten oder Drohungen. Doch immer wieder kommt es auch zu schweren Straftaten wie schwere Körperverletzungen und Tötungen. Die Angaben beziehen sich auf das Jahr 2011. Quelle: Eidgenössisches Büro für die Gleichstellung von Frau und Mann

Eine Studie des Fachbereichs Häusliche Gewalt im Eidgenössischen Departement des Inneren, die «SF Online vorliegt», zeigt: Allein im Jahr 2011 kam es zu 15‘061 Straftaten, die dem Bereich der häuslichen Gewalt zugerechnet werden konnten. Das sind ungefähr gleich viele wie in den Jahren davor.

In 51,1 Prozent der Fälle waren Opfer und Täter in einer Partnerschaft, in 26,2 Prozent waren die Beteiligten bereits getrennt. 13,7 Prozent der Fälle machten Angriffe von Eltern auf Kinder oder umgekehrt aus.

Häufigste Opfer: Ausländische Frauen

Häufig wurden schwere Delikte wie Nötigung (700), Gefährdung des Lebens (97), Entführung (113) oder schwere Körperverletzung (75) erfasst. Ebenso fällt eine hohe Zahl an versuchten (66) und vollendeten (28) Tötungsdelikten auf.

In den Jahren 2000 bis 2004 wurden in der Schweiz im Schnitt 22 Frauen und 4 Männer von ihrem Partner oder ihrer Partnerin oder einem Ex-Partner getötet. Weitere 9 Todesopfer kommen durch andere Verwandtschaftsbeziehungen (beispielsweise Eltern-Kinder) hinzu.

Insgesamt gibt es im Schnitt pro Jahr also 35 Todesopfer häuslicher Gewalt. Ausländische Frauen sind laut der Studie stärker betroffen als Schweizer Frauen. Auch bei den männlichen Tatverdächtigen ist der Anteil der ausländischen Personen höher als jener der Schweizer.

Tötungsdelikt von Wettingen

Um häusliche Gewalt handelte es sich auch beim Tötungsdelikt von Wettingen (AG): In einem Coiffeurgeschäft ist es am Mittwoch zu einem Ehedrama gekommen. Ein 51-jähriger Türke erschoss seine 40-jährige Ehefrau. Danach richtete er die Waffe gegen sich selbst. Noch am selben Tag erlag auch er seinen Verletzungen.

Die beiden aus der Türkei stammenden Ehegatten wohnten in der Region, allerdings getrennt voneinander. Das Paar war der Polizei bekannt. Die Ehefrau hatte erst kürzlich Anzeige wegen Drohung erstattet. Die Ermittlungen zu dieser Anzeige waren bis am Mittwoch noch im Gange. Der 51-jährige Täter war bisher nicht wegen eines Gewaltdeliktes vorbestraft.

Versuchte oder vollendete Tötungsdelikte finden mehrheitlich in der Trennungsphase einer Partnerschaft statt, so die Studie. Der Anteil der vollendeten Tötungsdelikte ist hier besonders hoch. In etwa der Hälfte der Tötungsdelikte wurden die weiblichen Opfer bereits vor der Tat von ihrem Partner bedroht oder angegriffen. In 39 Prozent der Fälle war dies der Polizei bekannt.

Carlo Häfeli, Anwalt und Direktor der Opferhilfestelle «Weisser Ring», sagt zu «SF Online»: «Ausländische Männer haben oft ein falsches Bild der Schweizer Rechtsordnung.» Hier könne die Frau sagen, was sie denkt, und damit könnten viele ausländische Männer nicht umgehen.

Mit Fussfesseln gegen häusliche Gewalt

Einige Kantone haben die Idee, Fussfesseln für den Strafvollzug mit GPS aufzurüsten und sie so auch bei Fällen von häuslicher Gewalt einzusetzen. Lesen Sie hier mehr dazu.

So vielleicht auch im Fall von Wettingen? Die getötete Frau – eine Türkin – hatte eine Anzeige wegen Drohung gegen ihren ebenfalls türkischen Mann eingereicht, bestätigt der Aargauer Kantonspolizei-Sprecher Bernhard Graser. Doch die Ermittlungen waren noch nicht abgeschlossen.

Es habe immer wieder neue, kleinere Auseinandersetzungen gegeben – auch der Mann habe die Frau beschuldigt. Hinweise auf eine Eskalation habe es keine gegeben.

Gesetze müssen umgesetzt werden

Eine Inhaftierung würde in vielen Fällen helfen, so Häfeli. «Das bringt Ruhe in die Situation.» Den Männern würde es die Augen öffnen und den Frauen würde es zeigen, dass etwas passiert.

Rund 150 Frauen melden sich pro Jahr bei dem «Weissen Ring» und erhoffen sich Hilfe gegen häusliche Gewalt. Laut Carlo Häfeli sind gerade 15 Prozent davon Schweizer. Und nur in 10 Prozent der Fälle wurde eine Inhaftierung bewirkt.

Diese Zahl müsse sich – auch mit dem neuen Polizeigesetz – erhöhen, fordert Häfeli. Die Polizei habe schweizweit die Möglichkeit, eine Person für 24 Stunden in Gewahrsam zu nehmen. «Die Gesetze, die wir haben, sind gut. Wir müssen sie nur umsetzen.»

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Beziehung zwischen Opfer und Täter Fälle von häuslicher Gewalt gibt es in Partnerschaften, in Ex-Partnerschaften sowie zwischen Eltern und Kindern. Quelle: Eidgenössisches Büro für die Gleichstellung von Frau und Mann