Inhalt

Schweiz

Mais-Monopoly auf Kosten der Ärmsten

Christa Gall
Montag, 1. Oktober 2012, 19:32 Uhr

Der Nahrungsmittelhandel, der zunehmend aus dem Ruder läuft, wird von vier global agierenden Multis bestimmt. Zwei dieser vier Konzerne sitzen in der Schweiz. Diese «unmoralischen» Geschäfte wollen die Juso nicht länger akzeptieren – jedenfalls nicht in der Schweiz.

Bild

Mit welchem Produkt konnten Händler höchste Renditen erzielen? Es ist nicht das Öl, nicht das Gold. Es ist der Mais. Wer vor fünf Jahren in Mais-Titel investierte, kann heute mit einer Rendite von 146 Prozent rechnen.

Banken, Hedge Fonds, Vermögensverwalter mischen im Geschäft mit. Wirklich mächtig sind aber die vier grossen Multis, die sogenannten ABCDs: Archer Daniels, Bunge, Cargill und Louis Dreyfuss. Sie kontrollieren laut der Studie «Cereal Secrets» der Hilfsorganisation Oxfam 75 bis 90 Prozent des Getreidehandels. Zwei davon, nämlich Cargill und Louis Dreyfuss, sitzen in der Schweiz, genauer: in Genf.

Drehscheibe Schweiz

Die Schweiz ist eine Drehscheibe des Rohstoffhandels. Niedrige Steuern und weiche Regulierungen im Rohstoffsektor sind der Grund, warum diese Konzerne wie Cargill und Louis Dreyfuss hierzulande ihren Sitz haben.

Die vier Getreide-Multis haben im gesamten Lebensmittelsektor ihre Hände drin. Der Handel ist zwar ihr Kerngeschäft. Doch sie produzieren zum Teil selber, nehmen auf Verkaufskanäle wie Supermärkte Einfluss – und sie beteiligen zunehmend an den Finanzgeschäften. Mit Spekulationen auf Lebensmittel-Titel können sie besonders viel Geld machen. Schliesslich besitzen sie Wissen, das andere nicht haben.

Doch wirklich viel weiss man nicht von ihnen. Cargill etwa. Der Umsatz liegt laut Oxfam auf über 140 Milliarden Dollar jährlich. Der Konzern ist nicht börsenkotiert, ist also der Öffentlichkeit keine Geschäftsberichte schuldig. Und trotzdem hat der Konzern wohl mehr Macht, als sich mancher demokratisch gewählte Politiker erträumen kann.

Schweiz soll sich wandeln

Spekulative Geschäfte mit Nahrungsmitteln möchten die Jungsozialisten mit ihrer Initiative nun in der Schweiz unterbinden. Erlaubt wären nur noch Geschäfte zur Absicherung der Ernten. Damit pokert die Juso in der wirtschaftsfreundlichen Schweiz hoch.

«Wir sind uns bewusst, dass Firmen abwandern können. Doch der Druck steigt nicht nur in der Schweiz, auch in den USA und der EU wollen die Verantwortlichen handeln. Die Schweiz kann hier für einmal Vorbild sein und nicht den Grossen hinterherhinken», sagt Franziska Bender vom Initiative-Team der Juso.

Für Bender ist der Fall klar: «Die Spekulanten verschärfen das Hungerproblem.» Fakt ist: Immer stärker stiegen Spekulanten in den Handel mit dem Essbaren ein. Die Deregulierungen der US-Märkte in den letzten zwei Jahrzehnten zeigen Wirkung. Für Spekulanten wurde es immer einfacher und billiger im Geschäft mitzumischen.

Hungersnöte bleiben

Doch selbst wenn ein weltweites Spekulationsverbot durchgesetzt würde, «ist damit das Hungerproblem natürlich nicht aus der Welt geschafft», so Bender.

Die grundlegenden Ursachen für die zunehmenden Hungersnöte: Da sind die sich mehrenden Umweltkatastrophen. Dürren und Überschwemmungen zerstören die Ernten. Da sind immer mehr Menschen, die immer mehr und ausgewähltere Produkte essen wollen.

Und da sind die Pflanzentreibstoffe. Der Mais auf den wertvollen Agrarflächen wird nicht zur Produktion von Nahrung, sondern von Treibstoff verwendet. Im Jahr 2011 verbrauchte die Treibstoffindustrie 40 Prozent der US-Maisernte.

Trotz des Kampfs um Agrarflächen, trotz Dürren, trotz der wachsenden Weltbevölkerung – die Juso will einen Anfang machen. «Mit dem Spekulationsverbot wäre ein notwendiger Schritt zur Lösung des Hungerproblem getan», so Bender.

Studie «Cereal Secrets»

Jennifer Clapp, Sophia Murphy und David Burch: «Cereal Secrets: The world’s largest grain traders and global agriculture», August 2012. Mehr dazu