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International

Berufungstermin für «Pussy Riot»: Spannung in Moskau

Montag, 1. Oktober 2012, 1:31 Uhr

Vor der Berufungsverhandlung im Fall der russischen Frauenband «Pussy Riot» hat die orthodoxe Kirche die angeklagten Frauen zur Busse aufgefordert. Ihre Tat müsse jedenfalls bestraft werden, sagte ein Kirchensprecher. Heute Montag entscheidet es sich: Straflager oder Freiheit.

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«Wenn sie Reue in irgendeiner Form zum Ausdruck bringen, muss dies berücksichtigt werden», sagte der Kirchenvertreter.

Die Musikerinnen im Alter von 22, 24 und 30 Jahren waren Mitte August für ihren regierungskritischen Auftritt in einer Moskauer Kirche zu zwei Jahren Straflager verurteilt worden. «Die Kirche hofft aufrichtig auf die Busse derer, die die heilige Stätte entweiht haben», sagte der Kirchensprecher weiter. «Das würde ihren Seelen auf jeden Fall guttun.»

Berufungstermin für «Pussy Riot» (Tagesschau, 22 Uhr, 30.09.2012)

Unterstützung von McCartney und Madonna

Die Band-Mitglieder hatten im Februar mit den für ihre Auftritte charakteristischen bunten Sturmmasken über den Gesichtern den Altarraum der Christ-Erlöser-Kathedrale gestürmt. In einem «Punk-Gebet» brachten sie ihre Wut über den damaligen Ministerpräsidenten und heutigen Präsidenten Wladimir Putin sowie dessen enge Verbindung zur russisch-orthodoxen Kirche zum Ausdruck. Sie wurden wegen «Rowdytums aus religiös motiviertem Hass» verurteilt.

Bild Paul McCartney
Auch Ex-Beatle Paul McCartney unterstützt die russische Punkband. reuters/archiv

Der Prozess brachte Putin international in die Kritik, weil Zweifel an der Unabhängigkeit der Justiz laut wurden. Stars wie Paul McCartney und Madonna setzten sich öffentlich für die Aktivistinnen ein. Die russisch-orthodoxe Kirche hatte nach dem Urteil signalisiert, dass sie Strafminderung akzeptieren würde. Doch dies würde voraussetzen, dass die drei Frauen ihre Schuld eingestehen.

Kirchliche Forderung «ist sinnlos»

Das lehnen sie ihren Anwälten zufolge aber weiter kategorisch ab: Wenn die Kirche Reue im strafrechtlichen Sinne gemeint habe, werde es dazu mit Sicherheit nicht kommen, sagte einer der Verteidiger am Sonntag einem russischen Fernsehsender. «Unsere Klientinnen werden keine Schuld zugeben, eine solche Forderung ist sinnlos.»

Die Anwälte und Angehörigen der drei «Pussy-Riot»-Mitglieder haben nach eigenem Bekunden in jedem Fall wenig Hoffnung auf eine Verringerung oder Aussetzung der Strafe bei der Berufungsverhandlung.

Friedensnobelpreis für Anwälte?

Der Preis-Regen für Pussy Riot nimmt unterdessen kein Ende. Im Fall der kremlkritischen Punkband dreht es sich derzeit mehr um Auszeichnungen für die umstrittene Aktion der inhaftierten Musikerinnen in einer Moskauer Kirche denn um juristische Fragen.

Nun bringen die jungen Künstlerinnen sogar ihre Anwälte für hohe Ehren ins Gespräch – Mark Fejgin, Violetta Wolkowa und Nikolai Polosow stehe der Friedensnobelpreis zu. Nur dank deren Hilfe habe die Welt das wahre Gesicht der russischen Justiz erkannt.

Doch nun kritisieren auch wohlgesinnte Menschenrechtler, den Frauen gehe es nur um Publicity – die Band nehme ihre Initialen P.R. offenbar wörtlich. «Pussy Riot» wolle doch nur den «grossen Lärm» um den Prozess verlängern, meint etwa Ljudmila Alexejewa von der Moskauer Helsinki Gruppe, die «Grande Dame» der russischen Menschenrechtsbewegung.

Schon die Preis-Nominierung ist politisch

Dass die Debatte vor der Berufungsverhandlung an diesem Montag neues Licht auf den Fall werfen soll, bestreiten auch die Anwälte selbst nicht. Zwar rechne er nicht mit dem Preis, sagt Fejgin. «Aber eine Nominierung ist an sich schon ein politisches Ereignis. Das ist eine bestimmte Reaktion auf die Handlungen der Staatsmacht», meint der Verteidiger.

Bild Yoko Ono mit einem Mann und einem Mädchen
Die Witwe von John Lennon, Yoko Ono, sprach Ehemann und Tochter eines Bandmitglieds Mut zu. reuters/archiv

In der Moskauer Führung sorgt die jüngste Preisschwemme für «Pussy Riot» ohnehin schon für Stirnrunzeln. Ein russisches Magazin kürte die Frauen unlängst als «bestes Kunstprojekt des Jahres» – ein mutiger Schritt. Yoko Ono überreichte in New York dem Ehemann einer der Inhaftierten ihren Lennon-Ono-Friedenspreis. «Pussy Riot ist heute ein Symbol für Redefreiheit, und sie stehen für alle Frauen der Welt, die Freiheit suchen», sagte die Witwe von Ex-Beatle John Lennon.

Das offizielle Russland schäumt vor Wut

Die weltweit anerkannte burmesische Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi schloss sich mit einem Freiheitsappell an. Nun steht die Skandalband sogar auf der Vorschlagsliste für den renommierten Sacharow-Preis für Menschenrechte des Europaparlaments.

Bild San Suu Kyi
Auch Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi forderte Freiheit für die russischen Frauen. reuters/archiv

Das offizielle Russland schäumt vor Wut. Von «Einmischung in innere Angelegenheiten» ist die Rede. Der Chef des Auswärtigen Ausschusses in der Staatsduma vergleicht das Punkgebet, das die Band am 21. Februar in der Moskauer Erlöserkathedrale aufführte, sogar mit dem islamfeindlichen Schmähvideo. Führende russische Politiker betonen immer wieder, bei der Aktion handele es sich um eine Straftat – dabei ist ein entsprechendes Gesetz erst vor kurzem als Reaktion auf die skurrile Performance in die Staatsduma eingebracht worden.

Übergriffe in der Haft befürchtet

Die eingesperrten Bandmitglieder inszenieren sich indes weiter als furchtlose Kämpferinnen, die für ihre Ideale alles ertragen. Die Staatsmedien hätten einen solchen Hass gegen die Frauen geschürt, dass psychische Übergriffe gegen sie im Straflager kaum zu vermeiden seien, teilte die inhaftierte Nadeschda Tolokonnikowa unlängst «Focus Online» mit. Die Anwälte warnen sogar, das Leben von Tolokonnikowa, Maria Aljochina – beide sind Mütter kleiner Kinder – und Jekaterina Samuzewitsch sei in Gefahr.

Beobachter bezweifeln stark, dass das Moskauer Stadtgericht das Urteil von je zwei Jahren Haft wegen Rowdytums aus religiösem Hass aufhebt. Auch ein letzter Appell der einflussreichen russisch-orthodoxen Kirche wird wohl verhallen.

Zwei Jahre Arbeitslager für Pussy Riot (10vor10, 17.08.2012)

(agenturen/halp; buet)