Schweiz
Frauenquote-«Arena»: «Links viel mehr Frauen, weil da Männer Kastrierte sind»
Der Ruf nach einer Frauenquote wird in der Schweiz lauter. Doch reicht dies? Die Gäste in der «Arena» wurden sich darüber nicht einig. Warum es in punkto Gleichstellung offenbar besser bei den linken Parteien läuft, ist für SVP-Mann Oskar Freysinger aber klar.
In der «Arena» diskutieren:
- Julia Onken, Psychologin, Feministin und Buchautorin
- Diana Strebel, Unternehmerin
- Oskar Freysinger, Nationalrat SVP/VS
- Balthasar Glättli, Nationalrat Grüne/ZH
Letzte Woche hat die Stadt Bern eine Frauenquote in der Verwaltung beschlossen. Mindestens 35 Prozent der Führungspositionen in der Berner Stadtverwaltung sollen vom weiblichen Geschlecht besetzt sein. Braucht die ganze Schweiz eine gesetzlich verankerte Frauenquote?
«Es muss eine Quote her», sagt Julia Onken, Feministin, Psychologin und Buchautorin. Immer noch würden viel zu wenige Frauen in der Chefetage landen. Dies obwohl sie hervorragend ausgebildet seien. «Was ist hier faul?»
Für SVP-Nationalrat Oskar Freysinger ist eine solche Frauenquote beleidigend. Nicht für ihn, sondern für die Frauen. Denn es kommt ihm so vor, als würde man Frauen damit sagen: Alleine kommt ihr nicht über die Runden. Man würde sie unter Heimatschutz stellen und schützen, genauso wie man bedrohte Tiere schütze. «Ich habe viel zu viel Respekt vor Frauen, um eine Quote zu befürworten.»
Kritisch sieht auch Diana Strebel, Unternehmerin und dreifache Verwaltungsrätin, die geforderte Frauenquote – obwohl auch sie mehr Frauen in der Chefetage begrüssen würde. Denn Strebel sieht bei einer gesetzlich verankerten Frauenquote vor allem ein Loch. «Woher sollen diese denn kommen? Wie sollen sie in Kürze qualifiziert sein?» Es gebe einfach nicht genug gut qualifizierte Frauen, um diese Quote kurzfristig zu erfüllen, findet die Unternehmerin.
Balthasar Glättli, Nationalrat Grüne/ZH, stellt fest, dass seit den 70er-Jahren in allen westlichen Ländern im Schnitt 50 % der Uni-Absolventen Frauen seien. «Wenn man nun sagt, dass sie studiert haben, um es ein bisschen schön zu haben und ihre Kinder höher ausgebildet erziehen zu können, dann ist etwas gewaltig schief gegangen», findet Glättli. Er vergleicht die Schweiz mit Norwegen. Dort gebe es eine 40-%-Frauenquote in den Verwaltungsräten von Unternehmen. «Dort ist die Wirtschaft keinesfalls zusammengebrochen.» Ohne, dass man dies nicht zwingend einführe, werde es einfach weitergehen wie bisher, ist Glättli überzeugt.
Gespaltene FDP
Auch Bürgerliche sagen Ja zur Frauenquote, allerdings nur in der öffentlichen Verwaltung. «Dort braucht es eine Signalwirkung», sagt Claudine Esseiva, Generalsekretärin FDP Frauen. Aber sie sei ganz klar gegen eine Quote in der Privatwirtschaft.
Unternehmer sollten nicht gezwungen werden, wen sie einstellen, findet auch Christine Pezzetta-Frey, die Kantonalpräsidentin der FDP Baselland. Sie sollten die Besten auswählen können. Und: Starke Frauen würden es auch ohne Quoten schaffen, ist sie überzeugt. «Die FDP Schweiz spricht sich daher schon lange für Chancengleichheit aus, aber gegen eine Quotenregelung.»
Eine Frauenquote in der Verwaltung lehnt die selbstständig Erwerbende hingegen ab. «Denn der Staat hat eh schon ein schlechtes Image.»
Eine Aussage, die Parteimitglied Esseiva sichtlich irritiert. Es gebe verschiedene Studien, die zeigten, dass gemischte Teams besser arbeiten würden, betont sie.
Monique Ryser spricht sich als Präsidentin des Netzwerks für Business-Frauen klar für eine Frauenquote aus. Sie geht nochmals zurück auf die Aussage der Unternehmerin Diana Strebel, welche einen Mangel an gut ausgebildeten Frauen ortet. «Wir haben eine Datenbank von 2500 bestens ausgebildeten Frauen. Nach wie vor sei es so, dass es eine gläserne Decke gibt, wo jede Frau anstosse», sagt Ryser.
Sie fordere darum eine gleichberechtigte Vertretung von Frauen in allen Positionen. Die Frauen seien seit 30, 40 Jahren bestens ausgebildet, hätten ihr Leben lang Karriere gemacht, doch es gehe immer noch nichts. Sie seien in der gleichen Position wie ihre Mütter. Sie hätten genug gewartet, findet Ryser. Es brauche nun endlich eine Quote.
Freysinger: «Die arme Sau ist der Mann»
«Wer jetzt sagt, es sei in den letzten 30 Jahren nichts gegangen, der hat noch nicht beobachtet, was bei Scheidungen passiert», bemerkt SVP-Nationalrat Oskar Freysinger. «Die arme Sau ist der Mann.» Von Applaus der Studiogäste beflügelt sagt Freysinger weiter: «Man hat jetzt wirklich schon sehr viel für die Frauen gemacht. Ich glaube, das ist ein falsches Thema. Ihr kommt mir vor wie von vorgestern.»
Wenn man das Problem bei Scheidungen lösen wolle, so müsse man Frauen fördern. Denn so kämen sie in bessere Positionen und die Männer müssten nicht mehr so viel Geld zahlen, sagt Ryser dazu. Applaus gibt es auch für sie.
«Meistens wollen die Frauen nicht in Führungspositionen», sagt Freysinger weiter. «Was ich alles versucht habe, um die Frauen auf die Liste zu bringen! Die wollen einfach nicht», so SVP-Vizepräsident. «Es ist klar, links gibt es viel mehr Frauen, weil da alle Männer sowieso Kastrierte sind.» Er meine dies natürlich nur rein psychologisch, versucht Freysinger seine Aussage etwas zu entschärfen. Die Frauen seien dort in einer dominanten Position. «Wahrscheinlich zieht die SP sie an, weil Frauen eine sehr soziale Ader haben.»
Julia Onken sieht dies anders. «Sie können nicht und man will es nicht.» Sie zitiert einen römischen Feldherrn, der 245 vor Christus gesagt haben soll: «Wenn die Frauen uns gleichgestellt sind, sind sie uns überlegen.» Sie wisse aber nicht, ob dies stimme, so die Psychologin. Männer könnten sich Frauen gut als Prostituierte oder als Heilige vorstellen. Doch Frauen als Chefin vorzustellen, da hätten Männer manchmal noch Probleme.
Glättli: Frauenquote, Quotenfrau?
Diana Strebel sieht dies anders. Oftmals gebe es nämlich ihrer Meinung nach Männer, die mehr Frauen wollen. Doch man finde keine. Tatsächlich gebe es viele, gut ausgebildete Frauen, doch es setze sich offensichtlich nicht um in eine Karriere. «Es hat schlicht zu wenige Frauen.» Eine einfache Lösung, um dies zu ändern, gebe es nicht, ist die Unternehmerin überzeugt.
Der Zürcher Nationalrat der Grünen, Balthasar Glättli, weist noch auf ein anderes Problem hin. So zeige eine Studie, dass Quotenfrauen tendenziell auf ihr Frau-sein reduziert würden. Erst ab einer Gruppe von drei Frauen würden Quotenfrauen als Menschen mit Stärken und Schwächen gesehen. Glättli findet, man müsse nun handeln. «Denn wenn wir den bisherigen Weg weiterverfolgen, dann geht es noch über 900 Jahre bis zur Gleichstellung.»

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Warum es so wenig Frauen in Führungspositionen gibt, erklärt sich Ryser, die Präsidentin des Netzwerks für Business-Frauen, so: «Frauen sucht man nicht und man sieht sie nicht.» Frauen müssten abends nach Hause, um sich um die Kinder zu kümmern. Sie hätten darum einfach keine Zeit, um sich bekannt zu machen. Daher müsse man sie suchen und wenn man dies wollte, würde man sie auch finden.
Für eine Frauenquote spricht sich darum auch die Präsidentin des VPOD, Katharina Prelicz-Huber, aus. «Es ist eigentlich relativ einfach. Sobald man eine Quote hat, muss man sie auch suchen.» Das würden die Zahlen aus Norwegen zeigen. Dort hat man eine 40-prozentige Frauenquote eingeführt. Heute seien es bereits 45 Prozent. Eine aktuelle Umfrage zeige zudem: Der norwegischen Wirtschaft gehe es besser. Prelicz-Huber sieht die Ursache weniger Frauen in Chefetagen auch darin, dass Frauen an sich zweifelten. Eine Frau frage sich tendenziell zwei Mal: Bin ich wirklich qualifiziert? «Männer sind da viel lockerer.»
Die Kommunikationschefin der CVP, Marianne Binder, findet, dass Frauen sich zu sehr als Opfer sehen würden. Es seien immer die anderen daran schuld, dass Frauen sich nicht durchsetzen könnten. Frauen mangle es einfach an Durchsetzungsvermögen. Die Lösung des Problems sieht Binder darum in mehr Eigenverantwortung. «Ich glaube, es ist auch ein Teil des Frau-seins, dass wir unsere Kräfte entwickeln.»
Hilfe von aussen sei trotzdem notwendig, findet Unternehmerin Diana Strebel. «Geld regiert die Welt.» Man könne beispielsweise Unternehmen besteuern, die das Thema Frauenquote nicht anpacken würden.
Pezzetta-Frey: Kann ich das?
Zweifel an dieser Idee kommen Beat Flach, Nationalrat GLP/AG. Unternehmen wie ein Ingenieurbüro, das grosse Mühe hätte, genügend Frauen zu finden, würde damit ungerechterweise bestraft, gibt Flach zu bedenken.
«Wenn man will, dann kann man auch», findet die alleinerziehende und selbstständig erwerbende FDP-Kantonalpräsidentin Pezzetta-Frey. Man müsse natürlich etwas dafür tun. «Stellen Sie mal die Frage, wer hat Interesse an einer Chefposition? Männer sagen: Ich kann das. Frauen sagen: Kann ich das?» Da ortet die Politikerin das Problem. Sie ruft die Frauen darum auf, mutig zu sein.
Mutig zu sein, reiche aber nicht, findet die Generalsekretärin der FDP Frauen, Claudine Esseiva. «Wir brauchen Tagesschulen, mehr Krippenplätze und flexiblere Arbeitsmodelle. Wir haben noch ganz viele Baustellen.»
Braucht es mehr Krippenplätze, steuerlichen Druck auf die Unternehmen oder liegt es einfach an den Frauen selbst, für bessere Aufstiegschancen zu sorgen? Ob eine Frauenquote wirklich nötig ist und wie dies allenfalls erreicht werden könnte – die Gäste in der «Arena» jedenfalls wurden sich darüber nicht einig.
Frauenquote in Europa
In Österreich ist ein Artikel zu «Massnahmen zur Förderung der faktischen Gleichstellung von Frauen und Männern» im Bundesverfassungsgesetz verankert. Die Frauenquote für den öffentlichen Dienst wurde erst im Jahr 2010 von 40 auf 45 Prozent erhöht.
In Norwegen hat die Regierung 2003 eine Frauenquote von mindestens 40 Prozent für Sitze in allen Verwaltungsräten beschlossen. Inzwischen sitzen in den norwegischen Verwaltungsräten 39 Prozent Frauen.
In Grossbritannien ist es den Unternehmen überlassen, eine Frauenquote von 30 Prozent einzuführen. Der «Club 30 Prozent» engagiert sich dafür, möglichst viele Unternehmen für das Vorhaben zu begeistern.
In Dänemark gibt es seit dem Jahr 2000 ein Gesetz, das Firmen mit staatlicher Mehrheitsbeteiligung zu einer ausgeglichenen Geschlechter-Vertretung verpflichtet.
In Spanien wurde 2007 ein – noch sanktionsloses – Gesetz verabschiedet, das Firmen mit mehr als 250 Angestellten verpflichtet, 40 Prozent Frauen im Verwaltungsrat zu haben. Die Übergangsfrist dauert noch bis 2015.
In den Niederlanden wurde eine Quote von 30 Prozent für Aufsichtsräte und Vorstände aller Unternehmen mit mehr als 250 Mitarbeitern eingeführt, die bis 2016 erreicht werden soll; jedoch sind bei Verstössen keine Sanktionen vorgesehen.
(sf/godc; halp)



