Schweiz
Firmen wollen keine Frauenquote
Die Politik beschreitet Wege, die in der Privatwirtschaft bis heute kaum ein Thema sind. Neben der Stadt Bern gibt es auch in den Kantonen Basel-Stadt und Zürich Bestrebungen, in den Verwaltungen Frauenquoten einzuführen. Privatunternehmen sind zwar für mehr Frauen in Kaderpositionen – gesetzlich festschreiben wollen sie das aber nicht.
Bern hat es vorgemacht, Basel soll im Frühling folgen und im Kanton Zürich ist ein Vorstoss geplant: Mehr Frauen sollen in Kaderpositionen der Behördenstellen tätig sein.
Die Politik öffnet den Frauen damit Türen, die in der Privatwirtschaft in vielen Schweizer Unternehmen den Frauen oft verschlossen bleiben. In der Migros etwa gibt es keine Frauenquote und es ist auch nicht geplant, eine solche einzuführen. «Die Migros stellt in erster Linie auf Kompetenzen ab», sagt Konzernsprecherin Monika Weibel.
Vorreiterrolle der Stadt Bern
Um das gleichstellungspolitische Anliegen im Stadtberner Parlament durchzusetzen, hatte eine überparteiliche Frauengruppe von Stadträtinnen aus fast allen Parteien eine Motion eingereicht. Mit vereinten Kräften vermochten die weiblichen Abgeordneten die Stadtratsmehrheit zu überzeugen: Das Parlament überwies die Motion mit 37 Ja- zu 18 Nein-Stimmen.
Diese verlangt, dass 35 Prozent der Kaderstellen in der Stadtverwaltung und in den öffentlich-rechtlichen Anstalten der Stadt von Frauen besetzt sein müssen. Heute beträgt der Frauenanteil in den Führungspositionen der Stadtverwaltung knapp 26 Prozent.
Der Grosse Rat von Basel-Stadt hat bereits eine Frauenquote von 30 Prozent für die Aufsichtsgremien von öffentlichen und halb-öffentlichen Unternehmen beschlossen. Die Regierung muss bis im Frühling den entsprechenden Gesetzestext konkretisieren. Im Kanton Zürich plant die SP, einen entsprechenden Vorstoss einzureichen.
Derzeit arbeiten im Migros-Kader 24,9 Prozent Frauen. Die Einführung einer Frauenquote würde dazu führen, dass nicht die Qualifikation eines Stellenbewerbers im Vordergrund stehe, sondern das Geschlecht, ist die Migros überzeugt. Zudem habe die Frauenquote nicht überall den gewünschten Erfolg gebracht.
Ähnlich sieht dies auch die UBS: Eine Quoten-Regelung gibt es laut Sprecher Andreas Kern nicht. Dennoch sei der Anteil der Frauen im Kader der UBS in den letzten Jahren kontinuierlich angestiegen – von 20 Prozent im Jahr 2007 auf 23 Prozent Ende 2011. Die obersten Teppichetagen der Grossbank sind aber fast nur Männersache: In der Geschäftsleitung von UBS Schweiz gibt es zwei Frauen, in der Konzernleitung keine und im Verwaltungsrat der UBS drei.
Behörden versus Privatunternehmen
In die Männerdomäne des Sulzer-Verwaltungsrats hat bislang eine Frau Einzug gehalten: Jill Lee ist seit 1,5 Jahren im Gremium vertreten. In der Konzernleitung ist keine Frau zugegen. «Doch der Verwaltungsratspräsident hat bei der Generalversammlung 2011 betont, dass er sehr begrüssen würde, wenn sich das in Zukunft ändert», erklärt Mediensprecherin Verena Goelkel.
Dass die Einführung der Frauenquote in Bern erfolgreich war, ist unter anderem auch den bürgerlichen Frauen zu verdanken. Insbesondere die FDP-Frauen unterstützen eine Frauenquote im Sinne einer Zielvorgabe in öffentlichen Verwaltungen.
Aber nur dort, wie Präsidentin Carmen Walker Späh betont. Dort seien die Anforderungsprofile diversifiziert. Die Verwaltungen hätten eine Vorbildfunktion und es gehe um die Verwendung der Steuergelder.
Frauenquote in Europa
In Österreich ist ein Artikel zu «Massnahmen zur Förderung der faktischen Gleichstellung von Frauen und Männern» im Bundesverfassungsgesetz verankert. Die Frauenquote für den öffentlichen Dienst wurde erst im Jahr 2010 von 40 auf 45 Prozent erhöht.
In Norwegen hat die Regierung 2003 eine Frauenquote von mindestens 40 Prozent für Sitze in allen Verwaltungsräten beschlossen. Inzwischen sitzen in den norwegischen Verwaltungsräten 39 Prozent Frauen.
In Grossbritannien ist es den Unternehmen überlassen, eine Frauenquote von 30 Prozent einzuführen. Der «Club 30 Prozent» engagiert sich dafür, möglichst viele Unternehmen für das Vorhaben zu begeistern.
In Dänemark gibt es seit dem Jahr 2000 ein Gesetz, das Firmen mit staatlicher Mehrheitsbeteiligung zu einer ausgeglichenen Geschlechter-Vertretung verpflichtet.
In Spanien wurde 2007 ein – noch sanktionenloses – Gesetz verabschiedet, das Firmen mit mehr als 250 Angestellten verpflichtet, 40 Prozent Frauen im Verwaltungsrat zu haben. Die Übergangsfrist dauert noch bis 2015.
In den Niederlanden wurde eine Quote von 30Prozent für Aufsichtssräte und Vorstände aller Unternehmen mit mehr als 250 Mitarbeitern eingeführt, die bis 2016 erreicht werden soll; jedoch sind bei Verstössen keine Sanktionen vorgesehen.
In der Privatwirtschaft dagegen müsse man früher ansetzen. Vor allem müssten mehr Frauen in heute noch von Männern dominierten technischen Berufen ausgebildet werden. Gleichzeitig müsse man aber auch dafür sorgen, dass der Männeranteil in typischen Frauenberufen ansteige, so Walker Späh.
Keine Vorteile mehr für Männer
Auch brauche es mehr Krippenplätze und flexible Arbeitsmodelle, um Männern und Frauen die bessere Vereinbarkeit von Familie und Karriere zu ermöglichen.
Genau bei der Ausbildung setzt die ETH Zürich ein: Sie hat spezielle Förderprogramme für Frauen auf die Beine gestellt. Ein Programm vernetzt besonders erfolgreiche Studentinnen mit Unternehmen. Diesen Unternehmen geht es aber nicht um eine Bevorzugung von Frauen, sagt Kristin Hoffmann von der Stelle für Chancengleichheit an der ETH Zürich.
Vielmehr hätten die Unternehmen das Potenzial der Frauen erkannt – in der Rekrutierung von Fachkräften seien also Männer und Frauen gleichermassen gefragt, wo es hingegen früher vor allem die Männer waren, die zum Zuge kamen.
Je höher desto männlicher
Auch in den Schulen setzt die ETH Zürich an. Sie will die naturwissenschaftlichen Themen bei den Mädchen vor Ort beliebt machen. Denn, so Kristin Hoffmann, Mädchen zeigen an diesen Themen deutlich mehr Interesse, wenn sie wüssten, welche beruflichen Aussichten sie damit haben.
Dennoch ist der Frauenanteil an der ETH wie an anderen technischen Universitäten gering: Bei den Studierenden sind rund 30 Prozent weiblich. Bei den Professoren sind es laut Kristin Hoffmann noch sehr viel weniger.
Dass die Frauenquote teils schwierig umzusetzen ist, findet Anja Derungs, Leiterin der Fachstelle für Gleichstellung in der Stadt Zürich. Bei gewissen spezifischen Positionen sei es schwierig, überhaupt geeignete Bewerber – egal ob männlich oder weiblich – zu finden.
Von der Frauenquote zur «Quotenfrau»
Dennoch sei eine Frauenquote eine gute Sache – sofern sie ein realistisches Ziel setze, wie viel Prozent Frauenanteil in einer bestimmten Zeit zu erreichen sei und als verbindliche Zielsetzung definiert werde. Doch die Quote allein reiche nicht aus: «Es braucht auch flankierende Massnahmen wie die Möglichkeit, Teilzeit zu arbeiten oder familienfreundlichere Rahmenbedingungen.» Sonst könne eine Frau eine Kaderposition gar nicht wahrnehmen.
Vom Vorurteil, dass die Frauenquote nur «Quotenfrauen» hervorbringt, will Anja Derungs aber nichts wissen: «Wenn Frauen nicht qualifiziert sind, fallen sie sofort wieder raus. Die Hürden, um an die Spitze zu gelangen, sind für Frauen hoch.»
(sf/gern)






