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Schweiz

Anwalt: «Bei Varone sind höhere Mächte im Spiel»

Dienstag, 25. September 2012, 8:57 Uhr, Aktualisiert 21:17 Uhr

In der Türkei ist der Prozess gegen den Walliser Polizeikommandanten Christian Varone gleich nach der Eröffnung verschoben worden. Seine Pflichtverteidigerin hat Antrag auf ein neues Gutachten gestellt. Varones Chancen vor Gericht sollen trotzdem nicht sehr hoch sein.

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Anwalt: «Varone hat wenig Optionen.»

Nach Einschätzung von Sonderkorrespondent Roman Banholzer waren die zwei bisherigen Expertisen schlicht zu eindeutig, um einen Freispruch für Varone noch erreichen zu können.

Ein türkischer Anwalt stützt im Gespräch mit dem SF-Sonderkorrespondenten diese Sichtweise: Zwar sei ein solches Verhalten in türkischen Prozessen normal, doch ginge er ebenfalls davon aus, dass Christian Varone einer Verurteilung nicht entgehen könne. Dann schränkt Anwalt Bilal Kalayci jedoch ein: «Normal ist es bei dem Prozess gegen Varone bisher nicht zugegangen. Bei meinen letzten zwölf ähnlichen Fällen hat der Angeklagte die Zeit bis zum Prozessbeginn im Gefängnis verbracht», sagte Kalayci. Bei diesem Fall seien jedoch höhere Mächte mit im Spiel gewesen.

Banholzer kommt nach einigen Gesprächen mit Experten zum Schluss, dass weder das neue Gutachten, das die Verteidigung haben will, noch die Verschiebung des Prozesses Christian Varone etwas bringe. «Die Sachlage ist einfach zu klar», erklärte der SF-Sonderkorrespondent in «Schweiz aktuell». Darum werde Varone früher oder später ganz sicher verurteilt.

Varone blieb im Wallis

Neuer Termin ist der 27. November, wie das Gericht in Antalya bekannt gab. Die Pflichtverteidigerin von Varone hatte ihren Antrag auf eine neues Gutachten zur archäologischen Bedeutung des von Varone mitgenommenen Steins erst am vergangenen Freitag beim Gericht in der südtürkischen Stadt Antalya eingereicht. Sie machte geltend, dass der jetzt vorliegende Expertenbericht keine neutrale Beurteilung sei, weil die beiden Gutachter befangen seien. Das neue Gutachten solle von einem Archäologen und nicht von einem Kunsthistoriker erstellt werden, forderte die Pflichtverteidigerin.

Christian Varone war für den Gerichtstermin nicht nach Antalya gereist, sondern im Wallis geblieben. Das Gericht will nun entscheiden, ob es dem Antrag der Pflichtverteidigerin stattgeben will. Deshalb wurde die Verhandlung auf den kommenden 27. November vertagt.

Varone tritt im März 2013 zu Staatsrats-Wahl an

Polizeikommandant Varone ist Anfang September von der FDP Wallis nominiert worden. An einer turbulenten Veranstaltung hatte ihn alt Bundesrat Couchepin aufgefordert, im Fall einer Verurteilung auf die Kandidatur zu verzichten. Diese Zusicherung hatte Varone allerdings abgelehnt. Hier mehr

Varone war am 27. Juli in Antalya festgenommen worden, als er mit seiner Familie nach Türkei-Ferien die Heimreise antreten wollte. Beamte am Flughafen fanden in seinem Gepäck einen Stein, der bereits in einer ersten Schnellanalyse türkischer Experten als antikes Säulenfragment definiert wurde. Nach einigen Tagen in Untersuchungshaft wurde Varone ohne Auflagen auf freien Fuss gesetzt; er konnte in die Schweiz zurückkehren.
 
Eine Analyse durch zwei Archäologen des Museums von Antalya vom 10. September bestätigte, dass es sich bei dem Stein um ein Eckstück eines Säulenkopfs und damit um ein Kulturgut im Sinne des Gesetzes handelt, das nicht aus dem Land gebracht werden darf.

Bild Der konfiszierte Stein in Grossaufnahme
Um dieses Marmorstück dreht sich der Prozess gegen Varone. sf

Botschaft in Bern eingeschaltet

Kurz vor Prozessauftakt war bekannt geworden, dass Varone den türkischen Botschafter in Bern offenbar gebeten haben soll, sich für ihn einzusetzen. Laut einem Bericht der Tageszeitung «Hürriyet» wurde der Walliser Polizeikommandant am vergangenen 5. September bei der türkischen Botschaft in Bern vorstellig. Varone yhabe bei dem Treffen in der Botschaft den türkischen Behörde eine Bitte unterbreitet.

Bei der Bitte ging es offenbar darum, dass man in der Türkei doch bekannt machen soll, dass die gegnerische Seite bei den Regierungsratswahlen – also SVP-Kandidat Oskar Freysinger – versuche, aus dem Verfahren gegen ihn Kapital zu schlagen. Ein Botschaftsmitarbeiter bestätigte auf Anfrage von «Schweiz aktuell», dass es ein Treffen mit Varone gegeben habe. Gemäss der Zeitung «Hürriyet» wurde auch die türkische Regierung über das Gespräch informiert.

Freysinger wies im Interview mit «Schweiz aktuell» den Vorwurf vehement zurück, er oder die SVP hätten die Affäre ausgeschlachtet. Varone habe jetzt ein Problem, dass er irgendwie lösen müsse. «Und das ist sein Problem.»

SF-Korrespondentin Alexandra Gubser aus Sitten (VS) sagte in «Schweiz aktuell», im Wallis hätte man schon ein Urteil haben wollen. So würden die politischen Parteien in der Luft hängen. Man diskutiere auch schon die Verschiebung von diversten Parteitagen. Wenn Varone wirklich in den Wahlkampf einsteige, dann ändere dies die Ausgangslage, obwohl man sehen müsse, dass Varone bereits im ersten Wahlgang gewählt würde, erklärt Gubser weiter. 

Im Weiteren sagte Gubser, dass auch in diesem Fall der Walliser Effekt spiele: «Wer angegriffen wird, wird durch alle Böden verteidigt.» Nur ganz leise und hinter vorgehaltener Hand höre man hie und da Kritik. Es wolle aber niemand der erste sein, der das öffentlich sagt. Der einzige der das wagte sei alt Bundesrat Pascal Couchepin, der in der Walliser FDP immer noch sehr aktiv sei. Er habe die Dimensionen des Falls früh erkannt.

(sf/red; red)