US-Wahlkampf 2012
Politikberater: «Die Publikation des Romney-Videos war strategisch geplant»
Der republikanische Präsidentschaftskandidat Mitt Romney ist erneut ins Fettnäpfchen getreten. Diesmal zog er über die Wähler von Barack Obama her. Was er nicht wusste: Alles wurde mit einem Handy gefilmt. Seit Mai ist der brisante Clip im Internet, Schlagzeilen macht er erst jetzt. Für den Politikberater Mark Balsiger ist das nicht überraschend.
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Das US-Magazin «Mother Jones» hat am Montag mehrere Ausschnitte von Romneys pikantem Vortrag online gestellt. Die Teilnehmer eines Spenden-Dinners, lauschen den Worten Romneys. Der Präsidentschaftskandidat schmäht jene «47 Prozent der Menschen», die im November ohnehin für Barack Obama stimmen werden.
«SF Online»: Was sagen Sie dazu, dass dieses Video gerade jetzt zum Aufreger wird, offenbar existiert es bereits seit Mai dieses Jahres?
Mark Balsiger: Es ist kein Zufall, dass dieses Video jetzt, also in der heissen Phase des Wahlkampfs aufgetaucht ist. Es bringt Mitt Romney ein weiteres Mal in Schieflage. Da ist Wasser auf die Mühlen der Obama-Kampagne und wurde strategisch geplant.
Die Patzer und Pannen von Mitt Romney
Eigentlich will sich der republikanische Präsidentschaftskandidat Mitt Romney als Staatsmann profilieren. Versprecher und Taktlosigkeiten brachten ihn jedoch in so manche peinliche Situation. Lesen Sie hier mehr dazu
Kommt es immer wieder vor, dass solche «Bomben» von politischen Gegnern gehortet und dann im richtigen Zeitpunkt abgefeuert werden?
In jedem Kampagnenteam werden akribisch Fehler oder Fettnäpfchen recherchiert und aufbereitet. Danach wird abgestimmt, und in welchem Medium die Lancierung am effektivsten sein wird. Gelingt der Coup, kann er grosse Wellen werfen und den Wahlkampf in die gewünschte Richtung lenken.
Gibt es Beispiele aus der Vergangenheit?
1988 machte George Bush Senior in seinem ersten Präsidentschaftswahlkampf Versprechungen. Bei seiner frenetisch bejubelten Nomination kündigte er an: «Read my Lips: No new taxes. Es gibt keine neuen Steuern.» Kaum im Amt erhöhte Bush aber die Steuern massiv. Vier Jahre später trat Bill Clinton gegen George Bush als demokratischer Herausforderer an, um Präsident zu werden. Clinton verwendete eine TV-Sequenz mit Bush und überführte so dessen Versprechen als Lüge. Dieser Videoclip hatte eine erschlagende Wirkung.
Haben die Republikaner auch solche «Bomben» zu Ungunsten von Obama in der Hand?
Selbstverständlich, beide Kampagnen werden hochprofessionell geführt. Sie verfügen über enorme Ressourcen, personell wie finanziell. Man kann davon ausgehen, dass das Leben beider Kandidaten komplett durchleuchtet wurde. Beide Wahlkampfteams arbeiten daran, mit diesen Erkenntnissen – im Idealfall sind es Schwachstellen oder Fehler – im entscheidenden Moment an die Öffentlichkeit zu gehen.
Müssen wir mit weiteren «Bomben» dieser Art rechnen, auch gegen Obama?
Damit ist jederzeit zu rechnen. Selbstverständlich sind viele «Bomben» des Attackierenden schliesslich doch nur «Bömbchen». Andere implodieren, weil beide Wahlkampagnen-Teams natürlich gut recherchiert haben. Das gilt auch für die eigenen Reihen: Sie kennen die Schwachstellen ihrer Kandidaten und haben die passenden Reaktionen auf solche Angriffe vorbereitet. Damit kann eine Attacke oft gekontert werden. Wenn eine negative Story aber an Dynamik gewinnt, kann es durchaus sein, dass der Lauf der Dinge nicht mehr zu stoppen ist. Das kann man aber nicht nur in den USA beobachten, wie der aktuelle Fall von Christoph Mörgeli zeigt. Auch dieser Fall entwickelte eine Eigendynamik.
Was sagen Sie zur Reaktion Romneys?
Gut war, dass er schnell eine Medienkonferenz einberufen und sich dort auch erklärt hat. Gut war auch, dass er sagte, man sollte das ganze Video zeigen und nicht nur Ausschnitte, die gegen ihn sprechen. Das war professionell. Trotzdem verstärkt das Video natürlich die seit Monaten laufende Kampagne der Demokraten gegen Romney. Diese zielt auf den Multimillionär und hat zum Kern: Mit Romney als Präsident würde der Mittelstand noch mehr bluten, sein Sozialabbau wäre dramatisch. Diese Konstellation passt wunderbar zusammen. Darum ist es auch kein Zufall, dass dieses Video in diesen Tagen aufgetaucht ist.
Was kann er tun, um diese Scharte auszuwetzen?
Mitt Romney kann diesen Fall herunterspielen in dem er beispielsweise sagt: Moment, das ist ja nur ein Video und meine Aussagen wurden aus dem Kontext gerissen. Die zweite Variante: Möglichst schnell ein anderes Thema aufgreifen und mit viel Getöse in die Medienarena schieben. Sind wir ehrlich: Es gibt Themen, die sind viel wichtiger als die Wähler-Kritik in diesem Video. Die Wirkung dieser Story dauert nur ein paar Tage. Danach ist sie Schnee von gestern und neue Themen stehen im Vordergrund. Das ist so im Wahlkampf.
Also hat sich Mitt Romney nicht endgültig ins Aus manövriert?
Nein. Auf Grund von Aussagen, die er vor einigen Monaten in einem kleinen Kreis gemacht hat, befindet er sich nicht auf der Verliererstrasse. Aber Romney ist anfälliger für Fehler.
Mitt Romney fehlt die Selbstreflexion, obwohl er in den letzten fünf Jahren Dauerpräsidentschaftskandidat gewesen ist. Er merkt nicht, was er sich in welchem Umfeld erlauben kann. In einer solch exponierten Position muss man immer damit rechnen, dass irgendwo etwas aufgezeichnet wird, und zu einem ungünstigen Zeitpunkt wieder auftaucht.
Leistet sein Wahlkampfteam also keine gute Arbeit?
Es ist eher umgekehrt. Der engste Zirkel um Romney ist clever. Und sie versuchen ihn möglichst gut zu verkaufen. Das ist ihr Job und dafür werden sie ja auch bezahlt. Romney ist eher ein Medium, allerdings mit bescheidener Ausstrahlung und wenig Glaubwürdigkeit. Die Glaubwürdigkeit ist nebst der Wirtschaftspolitik das entscheidende Kriterium, um gewählt zu werden.
Zur Person
Mark Balsiger wurde am 20. Januar 1967 im Aargau geboren. Er studierte Politikwissenschaften und Geschichte an der Universität Bern und Journalistik an der Uni Cardiff in Wales. Balsiger verfasste seine Master-Arbeit über «Election Campaigning in Switzerland, Great Britain and the US». Später absolvierte er eine PR-Ausbildung. Zwölf Jahre lang war er Redaktor bei verschiedenen Medien, zuletzt bei Radio DRS, und baute 1996/97 im Auftrag der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit eine Radiostation in Bosnien auf.
Anschliessend war er Mediensprecher für das Eidgenössische Departement für Verteidigung, Bevölkerungsschutz und Sport, bevor er 2002 die Border Crossing AG gründete, die Medienarbeit, Kampagnen, Politikberatung und Auftrittskompetenz anbietet.







