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Annecy: Was die mögliche Waffe über den Täter aussagt

Montag, 17. September 2012, 18:25 Uhr, Aktualisiert 19.09.2012, 12:17 Uhr

Neue Details zum Vierfach-Mord von Annecy: Der noch unbekannte Täter soll mit einem Waffenmodell geschossen haben, das unter anderem in der Schweizer Armee Anfang des 20. Jahrhunderts üblich war. Das lässt Rückschlüsse auf den Schützen zu, wie ein Experte gegenüber «SF Online» sagt.

Bild Blumen liegen am Tatort des Mordfalles von Annecy, im Hintergrund steht ein Polizeiauto.
Blumen am Tatort erinnern an die vier Getöteten. keystone

Es soll sich um eine Luger Parabellum im 7,65-Millimeter-Kaliber handeln. Dies ergaben Recherchen des «Sunday Telegraph».  

Noch hat die französische Staatsanwaltschaft den Waffentyp nicht bestätigt. Es war lediglich von einer Halb-Automatik Kaliber 7,65 Millimeter die Rede. Auch ein Rechtshilfegesuch seitens der französischen Behörden an die Schweiz liegt noch nicht vor, wie Folco Galli vom Bundesamt für Justiz gegenüber «SF Online» sagt.

Zur Waffe

Der Bundesrat hatte am 4. Mai 1900 beschlossen, die Armee mit dieser Pistole auszustatten. Bis 1914 fertigte die Deutsche Waffen- und Munitionsfabrik (DWM) Berlin das Modell 1900 bzw. 1900/06. Danach, als die DWM die Produktion in den Ersten-Weltkriegs-Monaten einstellte, übernahm die Waffenfabrik Bern. Sie lieferte bis 1933 Pistolen des Modells 1900/06, bis November 1946 eine weiter vereinfachte Variante 1906/29.

Allerdings war die Luger lange noch nach ihrer Verwendung in der Schweizer Armee im Umlauf, wie die Publikation «Die Waffen der Schweizer Soldaten» von 1982 belegt. Darin steht: «Achtzig Jahre nach ihrer Entstehung bleibt die Luger als Wettkampfwaffe noch immer auf der Höhe internationaler Leistungsfähigkeit.»

Die Waffe gelte heute als Sammlerwaffe, erklärt der deutsche Waffenexperte David Schiller: «Sie ist atypisch für Kriminalfälle.» Ein gut erhaltenes Modell koste um die 1500 Euro.

Bild Eine Luger-Pistole, System Luger, Kaliber 7,65 Millimeter.
Eine Luger, Modell 1929, mit glatten Gelenkköpfen. aus: bossom, clément: «die waffen der schweizer soldaten», 1982.

«Sie ist erhältlich auf Auktionen – oder auf dem Schwarzmarkt.» Die dazu passende Munition aber könne der Täter wohl nur in der Schweiz bekommen haben, so Schiller.

Unzuverlässige Waffe

25 Schüsse wurden am Tatort abgefeuert. Den vier Opfern wurde je zweimal «mitten in den Kopf» geschossen, sagte der französische Staatsanwalt Eric Maillaud kurz nach der Tragödie. Stammen diese aus einer solchen Luger mit einem Magazin von acht Patronen, hat der Täter einen Magazinwechsel vornehmen müssen. «Das könnte bedeuten: Er stand nicht unter Zeitdruck», erklärt Schiller.

Wer solch eine Waffe benützt, ist «mit grosser Wahrscheinlichkeit kein Auftrags-Mörder». Die Waffe sei nicht sehr zuverlässig, da die Technologie über hundert Jahre alt ist.

Der Waffenexperte geht davon aus, dass von der Luger im Kaliber 7,65 sicherlich 50‘000 Stück im Umlauf sind. Das mache es schwierig, den Täterkreis einzuschränken.

Mysteriöse Bluttat

Ein aus dem Irak stammender Mann, seine Frau und deren Mutter, waren Anfang September in ihrem Auto auf einem Waldparkplatz in der Nähe von Annecy erschossen worden. Auch ein Velofahrer, der offenbar zufällig vorbeikam, wurde getötet.

Bild Ein abgedecktes Auto auf einem Abschleppwagen. (reuters)
Die Familie wurde in ihrem Wagen getötet. reuters

Nur die beiden kleinen Töchter der in England lebenden Familie überlebten das Blutbad: Die Vierjährige blieb körperlich unverletzt, weil sie sich unter der Leiche ihrer Mutter versteckte. Ihre siebenjährige Schwester erlitt Schädelfrakturen.

Die Hintergründe der Tat sind noch unklar. Womöglich war ein Erbschaftsstreit vorausgegangen.

(sf/mery;mihm)