Schweiz
Otto Stich: Markige, aber herzliche Persönlichkeit
Alt Bundesrat Otto Stich ist im Alter von 85 Jahren gestorben. Weggefährten und der Bundesrat reagieren mit Betroffenheit auf den Tod des SP-Politikers. Die Landesregierung würdigt ihn als «markige, aber herzliche Persönlichkeit».
Nach Angaben seines Sohnes ist Otto Stich in der Nacht auf Donnerstag friedlich eingeschlafen. Otto Stich war vor seinem Tod öfters krank und musste ins Spital. Der populäre SP-Politiker, der sich auch aus dem Ruhestand immer wieder zu Wort gemeldet hatte, verstummte in den vergangenen Jahren zusehends.
«Ein waschechter Sozialdemokrat»
Die SP Schweiz reagiert mit Betroffenheit auf den Tod ihres ehemaligen Bundesrats Otto Stich. Parteipräsident Christian Levrat bezeichnet ihn als einen der «glaubwürdigsten und volksnahesten Bundesräte der Geschichte».
Stich «war der umsichtigste Finanzminister, den ich erlebt habe», lässt sich Levrat in einem SP-Communiqué weiter zitieren. Zudem würdigte die Partei Stich als aufrechten Sozialdemokraten.
«Ich habe nur positive Erinnerungen an Otto Stich. Er war ein waschechter Sozialdemokrat und hat seine Geschäfte mit grösster Hartnäckigkeit vertreten», würdigt ihn die SP-Nationalrätin Susanne Leutenegger Oberholzer.
Otto Stich war «ein helvetischer Sparonkel, dem jeder sein Sparbuch überlassen hätte»: Unter anderem mit diesen Worten würdigt der ehemalige SP-Präsident Peter Bodenmann den verstorbenen alt Bundesrat. Er hob die grosse Parteitreue Stichs hervor.
Zwar habe Stich einer anderen Generation angehört als die seinerzeitige Parteileitung durch ihn, Bodenmann. So habe man das Heu nicht immer auf der gleichen Bühne gehabt, die sozialdemokratischen Grundwerte aber geteilt. Auch erweise sich die Bereitschaft zur Vielfalt in einer Partei als produktiv.
Bundesrat drückt sein Beileid aus
Doch auch im rechten Lager sind die Erinnerungen an den Verstorbenen positiv. «In den Anfangsjahren war Otto Stich eher ein Aussenseiter in seiner Partei so wie ich. Wir beide waren etwas unkonventionell und haben sehr gut zusammengearbeitet», erinnert sich der ehemalige SVP-Bundesrat Christoph Blocher. Stichs Wahl in den Bundesrat sei sehr umstritten gewesen, sagt Blocher. Er selber habe ihm damals seine Stimme gegeben. «In meinen Augen war er ein solider Sozialdemokrat.»
Auch der Bundesrat nimmt Anteil an der Trauer über den Tod von Otto Stich und spricht der Familie sein herzliches Beileid aus. Der ehemalige Bundespräsident werde als markige, aber herzliche Persönlichkeit in Erinnerung bleiben, heisst es in einer Mitteilung.
Otto Stich startet 1953 seine Karriere als Mitglied der Rechnungsprüfungskommission in Dornach (SO). 1957 wurde er Gemeinderat und Gemeindeammann. 1963 folgte der Schritt in den Nationalrat.
Stich wurde 1983 als Sprengkandidat der Bürgerlichen an Stelle der offiziellen Kandidatin Liliane Uchtenhagen in den Bundesrat gewählt. Er nahm die Wahl entgegen dem Willen der Parteileitung an. In der Landesregierung übernahm er die Leitung des Finanzdepartements.
In der Folge entwickelte sich der Handelslehrer und promovierte Staatswissenschaftler zum beharrlichen eidgenössischen Kassenwart, den auch seine Gegner respektierten. Der passionierte Pfeifenraucher musste die Trendwende zu hohen Haushaltsdefiziten miterleben, wofür er das Parlament oftmals heftig geisselte.
Zu Stichs wichtigsten Geschäften gehörten die Einführung der Mehrwertsteuer, die im Jahr 1993 vom Volk im vierten Anlauf angenommen wurde. Mit der Einführung der Mehrwertsteuer erlebte Stich eine grosse Arbeitsbelastung. Nach einem Kollaps an einer Bundesratssitzung musste ihm 1994 ein Herzschrittmacher eingesetzt werden.
1995 warf der vielerorts als stur bis hartnäckig bezeichnete Stich das Handtuch, weil er das bundesrätliche Budget wegen Differenzen in der Buchführung nicht mittragen wollte.
(sf/agenturen/muei; fref)







