International
Warum Holländer mittwochs wählen – und fast alle anderen sonntags
Die Niederländer wählen ihr neues Parlament. Traditionell tun sie das an einem Mittwoch – während fast das ganze übrige Europa jeweils sonntags zur Wahlurne schreitet. Grund ist eine christlich-fundamentalistische Gruppierung.
«Schwarzstrümpfler» nennen die Niederländer die christlichen Fundamentalisten, von denen einige Zehntausend im Land leben. Für sie ist der Sonntag absolut heilig, wie Holland-Kennerin und Radio-DRS-Korrespondentin Elsbeth Gugger erzählt.
«Schwarzstrümpfler» werden sie genannt, weil die Frauen schwarze Strümpfe tragen. In der Schweiz würde man die Gruppe als Sekte bezeichnen – in den Niederlanden hat sie eine eigene Partei und zwei Vertreter im Parlament.
Sie sind gegen Abtreibung, gegen Schwulenhochzeiten, gegen Radio und TV. Und wenn der Nationalfeiertag, der so genannte Königinnentag vom 30. April, auf einen Sonntag fällt, wird in den Niederlanden eben am Samstag gefeiert. «Man munkelt sogar, dass Kronprinzessin Maxima die Saumlänge ihrer Kleider wegen dieser Gruppierung nach unten korrigieren musste», sagt Elsbeth Gugger.
Ja nicht wie die Briten
Die Niederlande sind nicht die Einzigen, die an einem Wochentag wählen. In den USA ist es beispielsweise der Dienstag. Und zwar immer der Dienstag nach dem ersten Montag im November. Der November wurde ausgewählt, um den Bauern entgegen zu kommen: Die Ernte ist dann bereits eingeholt worden und das milde Klima begünstigt längere Reisen zu den Wahllokalen.
Um den traditionellen Kirchenbesuch nicht zu stören, fiel der Sonntag als Wahltermin aus. Auch der Montag wurde wegen der grossen Entfernungen ausgeschlossen, um eine Anreise zu ermöglichen.
Am Samstag war an vielen Orten Markttag, wofür der Freitag als Vorbereitungstag genutzt wurde. Auch der Donnerstag kam nicht infrage, da an diesem Tag die damals von den US-Amerikanern ungeliebten Briten ihr Parlament wählten. Somit blieben nur der Dienstag oder der Mittwoch.
Beten und wählen – Tradition in der Schweiz
In Grossbritannien wird – wie erwähnt – donnerstags gewählt. Eine Erklärung dafür ist laut Marc Bühlmann, Politik-Professor an der Universität Bern, der so genannte «Half-closing-day». Die Läden hatten donnerstags geschlossen und weil die Kirche sonntags politische Aktivitäten verbot, legte man den Wahltag auf den Donnerstag. In Dänemark dagegen wird traditionell am Dienstag gewählt, weil dann die Wochenmärkte waren und die Bauern ohnehin in die Stadt mussten.
Überhaupt führen Polit-Experten die Wochentagswahlen auf lange religiöse Traditionen zurück. In England beispielsweise finden an den heiligen Sonntagen auch keine Fussballspiele statt, sagt Heinrich Oberreuter, Politik-Professor an der Universität Passau.
Umgekehrt verhält es sich laut Oberreuter in Deutschland oder in der Schweiz: Der Gang zur Wahlurne fand unmittelbar nach dem sonntäglichen Kirchgang statt. Und auch wenn die Schweizer heute eher selten in die Kirche gingen – die Wahl-Tradition sei geblieben.
Generell zeigen aber Studien, dass es für die Höhe der Wahlbeteiligung keine Rolle spiele, ob an einem Sonn-, Feier- oder Wochentag gewählt wird, so Marc Bühlmann. Lediglich die Möglichkeit einer Wahlabgabe vor dem offiziellen Termin, etwa brieflich, erhöhe die Wahlbeteiligung. Weltweit halten je nach Studie 60 bis 70 Prozent aller Länder die Wahlen an Wochenenden ab.
(sf/gern; schl)






