Inhalt

International

Blutiger Bandenkrieg in Marseille

Dienstag, 11. September 2012, 19:09 Uhr, Aktualisiert 20:46 Uhr

Die Marseiller Polizei und Politik ist hilflos im Kampf gegen Drogen- und Waffenhandel. Nach einer Mordserie unter Bandenmitgliedern sollen 205 zusätzliche Polizisten helfen. Kritiker bezweifeln, dass dies genügt.

Bild Blick auf den Norden von Marseille. Ein Kreuz ist im Vordergrund.
Die Mittelmeer-Metropole hat wegen eines blutigen Bandenkriegs zahlreiche Tote zu beklagen. reuters

Hinrichtungen auf offener Strasse, verbrannte Leichen und schweigende Zeugen: Ausgerechnet in der künftigen europäischen Kulturhauptstadt Marseille eskaliert ein Konflikt zwischen Drogenbanden. Ein halbes Jahr vor der Übernahme des prestigeträchtigen Titels liefern sich in der südfranzösischen Hafenmetropole Kriminelle mit Kriegswaffen brutale Revierkämpfe. Seit Jahresbeginn starben 14 Menschen. Die nähere Umgebung miteingerechnet, sind sogar 19 Tote zu beklagen.

Die Öffentlichkeit ist entsetzt. «In dieser Stadt beschränkt sich die Rolle der Polizei darauf, die Erschossenen auf den Strassen zu zählen», kommentierte die elsässische Zeitung «Dernières Nouvelles d'Alsace». Kurz zuvor hatte es das bislang letzte Opfer gegeben. Unbekannte erschossen einen 25jährigen kaltblütig mit einer Kalaschnikow. Der als Dealer bekannte Mann war mit seiner Freundin im Auto unterwegs. Eine rote Ampel wurde ihm zum Verhängnis.

Bandenkrieg im Marseille fordert 19 Tote. (Tagesschau, 11.09.12, 19.30 Uhr)

Armee soll helfen

Polizei und Politik scheinen machtlos. Verzweifelt forderte eine Bezirksbürgermeisterin jüngst sogar eine Militärintervention. Wegen des Einsatzes von Kriegswaffen könne nur die Armee angemessen eingreifen, sagte die 44jährige Samia Ghali.

Die Regierung unter Präsident François Hollande wollte zunächst nichts davon wissen. Nach einem Krisentreffen schickt Paris nun doch 205 zusätzliche Sicherheitskräfte in die Hafenstadt Marseille.

Junge ohne Perspektive

Dass sich die Probleme allein mit mehr Sicherheitskräften lösen lassen, glaubt allerdings kaum jemand. In vielen Stadtteilen gibt es zweistellige Arbeitslosenquoten und kaum Hoffnung auf sozialen Aufstieg. Besonders für Jugendliche aus unteren Schichten und Einwandererfamilien ist die Versuchung gross, ins lukrative Drogengeschäft mit Cannabis oder Kokain einzusteigen.

Hinzu kommt die leichte Verfügbarkeit von Waffen. Ein Kalaschnikow gibt es nach Angaben aus Polizeikreisen schon für ein paar Hundert Euro. «Ein tödlicher Cocktail», zitierte die Tageszeitung «Le Figaro» jüngst einen Ermittler.

Kalaschnikow versus Kultur

Für die zweitgrösste Stadt Frankreichs kommen die negativen Schlagzeilen zu einer denkbar ungünstigen Zeit. Im Januar werden Marseille und die Provence europäische Kulturhauptstadt, die Region löst damit Guimarães in Portugal und Maribor in Slowenien ab. Statt über Bandenkriege, Rachefeldzüge und blutige Abrechnungen soll über Museums- und Theaterprojekte geredet werden.

Es wäre ein ganz anderes Image für die Stadt. Marseille hat als Ganovensitz fast so einen Ruf wie Neapel. Er wurde von Banden wie der «French Connection», aber auch von Gangsterfilmen wie «Borsalino» mit Jean-Paul Belmondo und Alain Delon geprägt. Zuletzt gab es Gangsterbosse wie den im Jahr 2000 ermordeten Francis Vanverberghe («Der Belgier») oder Farid Berrhama.

Letzterer brachte seine Rivalen im Kampf um Geld und Macht in der Unterwelt nicht nur um, er steckte anschliessend auch ihre Autos an und liess ihre Leichen darin verkohlen. «Der Röster» wurde er deswegen in Marseille genannt. 2006 bezahlte er seine Verbrecherkarriere selbst mit dem Tod. Er wurde in einer Brasserie erschossen, als er mit Freunden ein Fussballspiel im Fernsehen anschaute.

(ansgar haase/dpa/galc; buet)