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Schweiz

1 Jahr Euro-Franken-Kurs bei 1.20 – und wohl noch einiges länger

Florian Frey
Donnerstag, 6. September 2012, 8:12 Uhr, Aktualisiert 09:21 Uhr

Seit einem Jahr sorgt die Schweizerische Nationalbank mit Devisenkäufen dafür, dass der Franken-Euro-Kurs nicht unter 1.20 fällt. Manche Wirtschaftszweige wünschen sich weiterhin einen noch schwächeren Franken. Doch der «wahre» Euro-Wert sinkt kontinuierlich Richtung der künstlich gehaltenen Grenze von 1.20.

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Gesamtbestand Fremdwährungen SNB Die Schweizer Nationalbank kauft massiv ausländische Devisen – vor allem Euro, um den Franken-Euro-Kurs zu stützen. Entsprechend ist der Gesamtbestand an Fremdwährungen deutlich angestiegen (Bestand in Milliarden Franken). Quelle: snb

Seit einem Jahr hält die Schweizerische Nationalbank (SNB) den Franken-Euro-Kurs erfolgreich bei rund 1.20. Der wahre Wert des Euro liegt allerdings höher.

So ist zum Beispiel der Schweizerische Gewerkschaftsbund (SGB) überzeugt, dass der Franken «auch bei 1.20 noch stark überbewertet» ist. Dies erklärt Thomas Zimmermann, Leiter Kommunikation beim SGB, gegenüber «SF Online».

Der Wert des Euro geht gegen 1.30 Franken

Der SGB  hatte im Frühjahr verlauten lassen, dass er sich den Franken-Euro-Kurs eher bei 1.40 wünsche. Eine Anpassung gegen unten war seither nicht zu vernehmen. Daniel Lampart, Chefökonom beim SGB, bezifferte den «fairen Wechselkurs» damals gar «zwischen 1.40 bis 1.60».

Bild Neben einem Kaffee steht auf einen Preisschild «1 Euro = 1.50 CHF»
Nicht lange her – im Moment aber Wunschdenken: Der «wahre» Wert des Euro tendiert je länger je mehr gegen 1.20 Franken. keystone

Die Bandbreite für den «wahren Wert» des Frankens reiche je nach Berechnungsart bis 1.80. «Damit es der Schweizer Wirtschaft gut geht, insbesondere auch dem Tourismus, müsste der Kurs bei 1.40 liegen», so Zimmermann weiter.

Die Economiesuisse betont, dass mit dem stabilen Wechselkurs von 1.20 für die Schweizer Wirtschaft immerhin eine Planungssicherheit bestehe. Chefökonom Rudolf Minsch meint, dass einheimische Unternehmen dank der SNB-Intervention «eine faire Chance haben, Gewinne zu schreiben».

So tief wie noch unlängst scheint der Wert des Frankens heute jedoch kaum mehr zu sein. Ökonomen der grossen Schweizer Banken CS, UBS oder Sarasin sehen ihn hinsichtlich der Kaufkraftparität eher bei 1.30.

Was ist Kaufkraftparität?

Ein «fairer Wechselkurs», respektive «fair value», liegt dann vor, wenn man den gleichen Warenkorb in unterschiedlichen Währungsräumen zum gleichen Betrag kaufen kann. Es herrscht dann so genannte Kaufkraftparität; ich kann den gleichen Warenkorb in Deutschland und in der Schweiz zum gleichen Preis kaufen.

Die Preise für Güter in den jeweiligen Ländern werden gemäss diesem Prinzip nur von den Wechselkursen und der Inflation bestimmt. Allerdings hat dieses ökonomische Modell seine Grenzen, wie SF-Wirtschaftsexperte Reto Lipp erklärt. Das Prinzip der Kaufkraft gelte «nur in der langen Frist und wenn man davon ausgeht, dass ein Produkt letztlich überall gleich viel kostet».

Hintergrund ist die Inflationsdifferenz zwischen der Schweiz und den Ländern der Euro-Zone. In der Euro-Zone liegt sie bei 2 bis 2,5 Prozent, in der Schweiz dagegen herrscht bei einer Inflationsrate von – 0,5 Prozent sogar Deflation. Hält diese Entwicklung an, sinkt der wahre Wert des Euros gegenüber dem Franken weiter.

Inflationsunterschiede schwächen Euro

«Grundsätzlich geht diese Tendenz weiter», ist ZKB-Chefökonom Anastassios Frangulidis überzeugt. «Allerdings wird die SNB mit ihrer Politik dafür sorgen, dass die Inflationsdifferenz zwischen der Schweiz und der Euro-Zone nicht grösser wird.»

Dennoch: «In den nächsten Jahren wird der wahre Wert des Frankens gemessen an der Kaufkraftparität bis auf 1.20 sinken», prognostiziert auch Zinsanalyst Alessandro Bee von der Bank Sarasin. «In 3 bis 5 Jahren könnte dies eintreffen, da sich die Inflation in der Schweiz und den Euro-Ländern unterschiedlich entwickelt», so der Ökonom. ZKB-Ökonom Frangulidis meint, der Euro könne sogar schon in 2 bis 3 Jahren einen wahren Wert von 1.20 Franken haben.

SNB-Intervention wird nur bedingt obsolet

Fragt sich, ob die Nationalbank ihre Intervention bei einem wahren Euro-Wert von 1.20 Franken fallen lassen könnte. «Bei einem fairen Wert von 1.20 könnte die SNB zumindest nicht mehr das Argument bringen, die Schweizer Wirtschaft habe einen Wettbewerbsnachteil», erklärt UBS-Chefökonom Daniel Kalt.

Das heisse aber nicht zwingend, dass Interventionen der Nationalbank obsolet würden. Denn: «Es gibt keine Garantie, dass der Kurs bei 1.20 bleibt», sagt Kalt. Nur falls die Märkte diesen Kurs als fair betrachten, könnte die SNB ihre Devisenkäufe zur Schwächung des Frankens aufgeben.

Ist die Krise in der Euro-Zone aber auch dann noch nicht gelöst, besteht  weiterhin die Gefahr, dass der Euro als überbewertet betrachtet wird und die Flucht in den Franken von neuem beginnt. Der Kurs könnte auf 1.10 oder wie im August 2011 gegen 1.00 absacken. Dann müsste die Nationalbank wohl erneut – oder weiterhin – intervenieren.

Auch Rudolf Minsch, Chefökonom der Economiesuisse, betont, dass es für die Nationalbank nicht einfach sei, den richtigen Zeitpunkt für einen Ausstieg aus den Devisenkäufen zu treffen.

Hören Sie hierzu das Interview von «Heute Morgen.

Economiesuisse Chefökonom Rudolf Minsch im Interview mit «Heute Morgen» (6.9.2012)