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International

US-Kampf gegen Terror geht weiter – in Afrika

Richard Müller
Freitag, 31. August 2012, 9:10 Uhr

Medienberichte über US-Drohnenangriffe in Pakistan und Afghanistan gibt es täglich. Die US-Regierung verlagert die Terrorbekämpfung zunehmend aber auch nach Afrika. Es droht gar ein «Afrikanistan», sagt Ruedi Küng, langjähriger Afrika-Korrespondent von Radio DRS.

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Der Einsatz von US-Drohnen im pakistanisch-afghanischen Grenzgebiet hat viele Al-Kaida-Kämpfer aus dem Nahen Osten vertrieben. Für die Extremisten ist das Pflaster in dieser Weltregion zu heiss geworden. Im Dunstkreis der Al-Schabab-Milizen in Somalia sind sie wieder aufgetaucht. Die Milizen kontrollieren bereits seit Jahren weite Teile des Landes.

Umstrittener «Joystick-Krieg»

Um gezielter zu töten, setzen die USA im Kampf gegen den Terrorismus auf Drohnen. US-Präsident Barack Obama persönlich gibt die Befehle für gezielte Tötungen von Al-Kaida-Anführern. Völkerrechtlich ist dies sehr umstritten. Lesen Sie hier mehr dazu

Somalia hat seit Jahren keine funktionierende Zentralregierung mehr. Das Land ist somit ein ideales Auffangbecken für islamistische Terroristen. «In einer ersten Phase fanden viele Vertreter des islamistischen Terrors aus aller Herren Länder Zuflucht in Somalia», sagt Ruedi Küng zu «SF Online». Dazu gehört auch der Fall des Bieler Gymnasiasten, der offenbar einen dschihadistischen Hintergrund hat.

In Kenia fahndet die Polizei seit Mai dieses Jahres nach einem mutmasslichen islamistischen Terrorverdächtigen aus Deutschland. Die Beispiele zeigen, dass die Situation auch islamistische Extremisten aus Europa anzieht.

Machtvakuum nach Gaddafi-Sturz

«Wir befinden uns nun in einer zweiten, offensiven Phase. Im Moment sind die Islamisten in weiten Teilen Afrikas in die Offensive gegangen», erklärt Küng. Mit der Zerschlagung des Gaddafi-Regimes hätten die Islamisten die Gunst der Stunde gewittert. Damit entstand ein weiterer Brennpunkt im Norden und Nordwesten des Kontinents.

Die Tuareg-Rebellion in Mali hat die Regierung des Landes geschwächt. Im Norden Malis konnten die Islamisten ein grosses Gebiet des Landes unter ihre Kontolle bringen. «Die islamistische Tuareg-Gruppe Ansar Dine und der Mouvement pour l’unicité e le jiihad en Afrique de l’Ouest (MUJAO) haben dort die Kontrolle übernommen», erklärt Küng. Der MUJAO ist eine Splittergruppe der Al-Kaida im islamischen Maghreb (Aqim). Die Aqim wiederum sei hauptsächlich in Algerien aktiv, pflege aber Kontakte zu anderen islamistischen Gruppen der Grossregion und auch zu den al-Schabab in Somalia.

Das Africom-Hauptquartier in Deutschland

Das US-Regionalkommando für Afrika (Africom) ist das jüngste der sechs Regionalkommandos. Es ist erst seit Oktober 2008 im Einsatz. Ihm liegt die Philosophie zugrunde, dass die Zeit grosser US-Bodeneinsätze vorbei ist. mehr

«Die Aqim ist einflussreich, hat grosse Erfahrung im terroristischen Kampf und verfügt über Geld», sagt Küng. Allerdings betont er: Die islamistischen Organisationen seien ein Konglomerat mit unterschiedlichsten Interessen.

«Die Aqim beispielsweise finanziert sich mit Drogengeschäften sowie mit der Entführung von Touristen. Erst kürzlich sind im Norden Malis algerische Diplomaten entführt worden», führt Küng aus. Dies zeige, dass die Macht der Aqim nicht nur auf Algerien beschränkt sei. Ihr Einfluss erstreckt sich von Mauretanien und Marokko bis in den Tschad. Hinzu komme, dass die Aqim bereits sehr lange im Geschäft sei und mit dem Geld Personal, Waffenkäufe und Ausbildungen finanzieren könne.

Zusammenarbeit quer über den Kontinent

«Es gibt zudem Hinweise, dass sich die Islamisten gegenseitig bei der Ausbildung ihrer Kämpfer unterstützen», erklärt Küng. Dies haben auch die USA erkannt.

Ende Juni warnte General Carter Ham, Chef des Regionalkommandos (Africom) der US-Streitkräfte in Afrika vor der neuen Bedrohung, die von Al-Schabab in Somalia, Boko Haram in Nigeria und Aqim ausgeht: «Jede dieser drei Organisationen ist allein genommen schon eine Bedrohung. Was mich aber wirklich beunruhigt ist: Es gibt Anzeichen, dass die drei Organisationen ihre Anstrengungen koordinieren.»

Washington sieht in den extremistischen Bewegungen eine grosse Gefahr – nicht nur für Afrika sondern auch für die eigene Sicherheit. «Der Fokus der USA liegt auf der Aqim, obwohl zur Zeit die Bekämpfung der Al-Schabab-Miliz Priorität hat», sagt Küng.

Die Angst vor ‹Afrikanistan›

Die USA befürchten die Entstehung eines neuen Afghanistans, allerdings in einem viel grösseren Ausmass: von Mali über Nigeria, das Horn von Afrika bis nach Jemen auf der arabischen Halbinsel.

Von einem neuen Afghanistan mag Afrika-Kenner Küng nicht sprechen:  «Es droht vielmehr ein ‹Afrikanistan›, immer mehr afrikanische Länder werden in die Auseinandersetzungen zwischen radikal-islamistischen und anderen, auch christlichen Gruppen gezogen. Viele Länder waren bislang nicht mit solchen radikalen islamistischen oder christlichen Gruppierungen konfrontiert.»

Dem Treiben der afrikanischen Extremisten schauen die USA nicht untätig zu. So berichteten US-Medien über Abstürze von US-Drohnen am Horn von Afrika und auf den Seychellen. Anfang Jahr stürzte im Februar in Dschibuti ein einmotoriges US-Spionageflugzeug ab.

Drohnen- und Überwachungsnetzwerk

Auch Afrika-Kenner Küng hat Hinweise auf US-Aktivitäten auf dem Kontinent: «In Gesprächen habe ich festgestellt: Die USA versuchen Personal einzuschleusen. Somali haben mir Fälle geschildert, wo klar war, dass die USA nur handeln konnten auf Grund von internen Informationen, über die sie verfügten.» Denn um Drohnen effektiv einsetzen zu können, brauche man Informationen, um die Ziele genauer zu lokalisieren. Man müsse wissen, wo und wie sich die Zielpersonen bewegen.

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Die USA betreiben auf dem zivilen Flughafen von Arba Minch eine Drohnen-Basis. sf

«Es ist klar, dass die USA ein Drohnen- und Überwachungsnetz aufgebaut haben. Dieses Netz erstreckt sich von Mauretanien über Burkina Faso bis in den Südsudan, Uganda, Kenia, Äthiopien und Dschibuti», so Küng. Tatsächlich räumte die US-Regierung vor einem halben Jahr ein, sie habe in Äthiopien eine neue Basis in Betrieb genommen.

Die «Washington Post» berichtete unter Berufung auf US-Regierungsvertreter, die Drohnen starteten vom Flughafen Arba Minch im Süden Äthiopiens zu Einsätzen gegen die islamistischen Schabab-Milizen im Nachbarland Somalia. Mit den Drohnen sollen aber auch die Piraten vor der somalischen Küste beobachtet werden. Ein Pentagon-Sprecher präzisierte, es gebe in Äthiopien «keine US-Militärbasen». Es handle sich um äthiopische Einrichtungen. Die unbemannten Flugkörper seien zudem unbewaffnet.

Das US-Trauma

Klar ist, die Drohnen-Basis ist nicht die einzige in der Region. Im Jahr 2009 schloss das Pentagon mit der Regierung des Inselstaates Seychellen ein Abkommen über die Errichtung einer Drohnen-Basis in der Nachbarschaft des zivilen Flughafens des Landes. Gemäss US-Medienberichten errichtete die US-Luftwaffe eine weitere Drohnen-Basis in Dschibuti.

Grössere Reichweite

Die teilweise langen Distanzen bis zu den Zielen – ob in Somalia oder in Jemen – spielen keine grosse Rolle. Laut der US-Luftwaffe kommen die neueren Drohnen vom Typ «Reaper» zum Einsatz. Diese sind eine Weiterentwicklung des bekannten «Predator». Die «Reaper»-Drohnen haben nicht nur eine Reichweite von fast 2000 Kilometern sondern sie können dank Zusatztanks je nach Ladung auch über 30 Stunden in der Luft bleiben.

Ob es zu einem Einsatz von US-Bodentruppen kommt, ist fraglich. Seit den Ereignissen in Somalia, wo US-Truppen 1993 katastrophal scheiterten – Stichwort «Black Hawk Down» – waren keine Kampftruppen mehr in Afrika aktiv. «Die USA versuchen vielmehr hinter den Kulissen, Einfluss zu nehmen», sagt Küng. Dass Handlungsbedarf besteht ist für ihn klar: «Die Frage nach dem Umgang mit dem radikalen Islam – nebst all den anderen Problemen Afrikas – ist eine der Hauptherausforderungen für den Kontinent.»