Schweiz
Rudolf Wehrli: Mit der Wirtschaft bestens vernetzt
Seine Wahl ist nur Formsache gewesen – Rudolf Wehrli wurde vom Vorstand zum neuen Präsidenten des Wirtschaftsdachverbandes Economiesuisse gewählt. Ein Portrait.
Der 63jährige Dr. Rudolf Wehrli begann seine Laufbahn ungewöhnlich. Er studierte Theologie, Philosophie und Germanistik an den Universitäten Zürich und Basel. Und doktorierte sowohl an der theologischen als auch an der philosophischen Fakultät.
1979 startete er seine berufliche Karriere bei der Unternehmensberatungsgesellschaft McKinsey, bis er 1984 als Direktionsmitglied in die Schweizerische Kreditanstalt (heute Credit Suisse) eintrat.
Nur zwei Jahre später, 1986, wechselte Wehrli in führenden Stellungen zur Vorhang-System-Lieferantin Silent-Gliss-Gruppe. 1995 stiess er als Mitglied der Konzernleitung zur Gurit-Heberlein-Gruppe. Danach war Wehrli von 2000 bis 2006 Chef des Industrieunternehmens.
Bei Economiesuisse ist er kein Unbekannter: Wehrli arbeitete bereits im Vorstand, im Vorstandausschuss und in der Aussenwirtschaftskommission sowie als Präsident der Scienceindustries (Chemie und Pharma).
Einsitz in Verwaltungsräten
Wehrli sitzt seit 2007 bei Clariant im Verwaltungsrat. Erst diesen März wurde Wehrli zum VR-Präsidenten des Chemiekonzerns gewählt.
Daneben ist Wehrli Verwaltungsrat bei der Berner Kantonalbank, Precious Woods AG, Rheinische Kunststoff-Werke und dem Gebäck- und Biskuithersteller Kambly – um nur einige zu nennen. Ausserdem ist er Präsident des Verwaltungsrates der Sefar Holding und seit 2008 Mitglied des Stiftungsrats von Avenir Suisse.
Brückenbauer
Laut Experten der «Bilanz» gilt Wehrli als Mann, der Brücken baut. Er reisse keine Gräben auf, heisst es, vertrete insbesondere die Exportindustrie und kenne wegen seiner zahlreichen KMU-Mandaten den Werkplatz Schweiz, aber auch die Finanzindustrie.
Kein politischer Stallgeruch
Kritiker werfen ihm jedoch vor, politisch nicht genug vernetzt zu sein. Tatsächlich, an das politische Netzwerk seines Vorgängers anzuknüpfen, vermag Wehrli nicht. Doch dafür hat der Vermittler eine Lösung: Er wird das Präsidenten-Pensum bei Economiesuisse von 50 auf 35 Prozent reduzieren und damit den Vizepräsidenten und CEO Pascal Gentinetta stärken. Das schreibt die «Bilanz».
Kurzzeitpräsident
Mit seinen 63 Jahren ist Wehrli nur ein Jahr jünger als sein Vorgänger. Deshalb liegt wegen der Altersguillotine mehr als eine Amtszeit wohl nicht drin.
Seine Freunde
Wehrli ist der breiten Öffentlichkeit bisher kaum bekannt. Wie die Bilanz aber zu wissen glaubt, zählt u.a. Henri B. Meier – der langjährig Kassenwart des Pharmaschwergewichts Roche zu seinem engsten Kreis. Meier ist ihm ein Freund und Vorbild zugleich – zusammen sitzen sie im Verwaltungsrat von BioMed Invest. Auch Walter Kielholz, Credit-Suisse-Verwaltungsrat und Swiss-Re-Präsident gehört zu den guten Bekannten Wehrlis genau wie Ems-Chemie-Präsident Ulf Berg oder Axel Lehmann, der oberste Risikochef der Zürich Insurance Group.
Privates
Nach Homestories des 63Jährigen sucht man vergebens. Über sein Privatleben will er nicht sprechen – eine Sperrzone. Was man weiss; Wehrli ist in zweiter Ehe verheiratet und hat vier erwachsene Kinder aus erster Ehe. Als sein Wohnort gilt Silvaplana – ursprünglich aber stammt er aus dem Kanton Zürich. Zu seinen Hobbies zählen wandern und musizieren – Wehrli spielte als Jugendlicher ausserdem ambitioniert Querflöte. Als Doktor der Theologie bezeichnete er sich laut der Sonntagszeitung vor Jahren als «Agnostiker». Im Vergleich zu Atheisten leugnet er Gott nicht, ist aber der Meinung, dass sich die Existenz einer höheren Macht weder belegen noch wiederlegen lässt.

Rudolf Wehrli in «ECO»
Das Wirtschaftsmagazin «ECO» ist ihm dennoch etwas näher gekommen. Rudolf Wehrli ist gerne alleine unterwegs und schätzt klassische Musik. Das Porträt über den neuen Economiesuisse-Präsidenten. Am Montag, 3. September, um 22.20 Uhr auf SF 1.
Amtsübergabe am 1. Oktober
Wehrlis Vorgänger, Gerold Bührer, wird auf den 1. Oktober 2012 – nach sechs Jahren und zwei Amtsperioden – von seinem Amt zurücktreten. Bührers Amtszeit gilt als erfolgreich. So wurden nicht weniger als 10 von 11 geführten Kampagnen im Sinne der Economiesuisse entschieden und wichtige Reformen im Verband durchgeführt. Bührer will sich nach seinem Rücktritt wieder stärker seinen Aufgaben in der Wirtschaft widmen, wie Economiesuisse in einer Mitteilung schreibt.
Rudolf Wehrli hat bereits angekündigt, dass er nach seinem Amtsantritt einen Teil seiner bisherigen Mandate niederlegen wird. Sicher behalten will er das VR-Präsidium bei Clariant und den VR-Sitz bei der Berner Kantonalbank.
Economiesuisse
Economiesuisse ist der grösste Dachverband der Schweizer Wirtschaft. Zu seinen Mitgliedern zählen 100 Branchenverbände, 20 kantonale Handelskammern sowie einige Einzelunternehmen. Economiesuisse vertritt die Interessen der Wirtschaft im politischen Prozess.
Der Dachverband wurde am 15. September 2000 in Lausanne gegründet. Er ging aus dem Schweizerischen Handels- und Industrieverein und der Gesellschaft zur Förderung der schweizerischen Wirtschaft hervor.







