Schweiz
Wenn Arbeit sich nicht auszahlt
Viele Familien in der Schweiz stehen vor der Frage, ob sich Erwerbsarbeit und Kinderbetreuung vereinbaren lassen – und ob sich das auch bezahlt macht. Eine Studie zeigt nun, dass es sich in einigen Fällen finanziell nicht lohnt, wenn beide Elternteile arbeiten und die Kinder etwa in eine Krippe gehen. Manche Eltern zahlen gar drauf.
Um die 100 Franken, häufig sogar deutlich mehr, zahlen Eltern für einen Tag in einer Schweizer Kinderkrippe. Je nach Höhe des Haushaltseinkommens subventioniert der Staat einen solchen Platz – theoretisch zumindest, denn längst nicht für alle, die Anspruch hätten, gibt es bezuschusste Betreuungsangebote. Nicht wenige Eltern stehen in dieser Situation vor der Frage, ob es wirklich lohnt, wenn beide arbeiten. Viele, vor allem Paare mit mehr als einem Kind, kommen zum Schluss: Es lohnt sich nicht.
Weniger Geld trotz zweiten Einkommens
Was viele Familien nach einem Blick in ihre Familienkasse feststellen, wird auch durch eine neue Studie gestützt. Ihre Verfasser haben die beiden Kantone Basel-Stadt und Zürich auf familienfreundliche Steuersätze und Betreuungskosten untersucht. Ein Fazit: In beiden Kantonen lohnt es sich für bestimmte Haushalte schlicht nicht, wenn beide arbeiten – zumindest auf kurze Sicht. Untersucht wurden unterschiedliche Haushaltstypen der so genannten Mittelschicht, der Fokus lag auf Doppelverdiener-Ehepaaren mit zwei kleinen Kindern und auf Alleinerziehenden mit je unterschiedlich hohen Einkommen.
Laut der Studie lohnt sich ein zusätzliches Einkommen insbesondere für jene Familien nicht, die gut verdienen und zwei und mehr Kinder im Vorschulalter haben (Tabelle, Haushaltstyp II). Bei ihnen ergibt sich gemäss der Untersuchung kein oder sogar ein negativer Erwerbsanreiz – das heisst, am Ende des Monats ist entweder nicht mehr oder sogar weniger im Familiengeldbeutel als ohne das zusätzliche Einkommen. Grund dafür sind die hohen Kosten für die Betreuung und die zusätzliche Steuerbelastung durch das zweite Einkommen.
Erwerbsanreize für Haushalte mit zwei Vorschulkindern
Quelle: Studie «Familienfreundliche Steuer- und Tarifsysteme. Vergleich der Kantone Basel-Stadt und Zürich».
| Haushaltstypen (monatl. Bruttoeinkommen bei einem 100-Prozent-Pensum) | Kanton Basel-Stadt | Stadt Zürich (ZH) | Dietikon (ZH) | Dübendorf (ZH) |
| Eine Ausweitung der Erwerbstätigkeit... | ||||
| Haushalt I: Paar, verheiratet (4000/8000 CHF) | ... lohnt sich bis 80/100 Prozent | ... lohnt sich bis 60/100 Prozent | lohnt sich bis 40/100 Prozent | lohnt sich nicht. |
| Haushalt II: Paar verheiratet (6000/12'000 CHF) | ... lohnt sich bis 40/100 Prozent | ... lohnt sich bis 40/100 Prozent | ... lohnt sich bis 40/100 Prozent | ... lohnt sich bis 40/100 Prozent |
| Haushalt III: Alleinerziehend (4000 CHF, Alimente) | ... lohnt sich immer. | ... lohnt sich immer. | ... lohnt sich bis 80 Prozent. | ... lohnt sich bis 60 Prozent. |
| Haushalt IV: Alleinerziehend (6000 CHF, Alimente) | ... lohnt sich immer. | ... lohnt sich immer. | ... lohnt sich bis 60 Prozent. | ... lohnt sich bis 40 Prozent. |
Die Studie kommt auch zum Schluss, dass sich eine zusätzliche Erwerbstätigkeit für Alleinerziehende und für Haushalte mit nur einem Kind oder mit zwei Schulkindern immer lohnt. Das zusätzliche Einkommen zahlt sich auch dann wieder aus, wenn beide Kinder in die Schule gehen und zum Beispiel im Hort betreut werden.
Laut Studie besteht in beiden Kantonen Handlungsbedarf, die Erwerbsanreize für die betroffenen Familien zu erhöhen. Die Autoren schlagen Änderungen bei der Besteuerung und bei den Kosten für die ausserfamiliäre Betreuung vor – höhere Abzüge für die Betreuungskosten etwa, die Erhöhung des Geschwisterrabatts und die Aufhebung der Kontingente bei subventionierten Betreuungsangeboten.
Zur Studie
Die Studie wurde vom Institut Infras im Auftrag der Abteilungen für die Gleichstellung von Frauen und Männern der Kantone Basel-Stadt und Zürich erstellt. Die Studie zu Betreuungskosten und Steuerbelastung ist bereits die dritte, mit der die Familienfreundlichkeit der Kantone Zürich und Basel-Stadt verglichen wird. In einer früheren war zum Beispiel die Familienfreundlichkeit von Unternehmen untersucht worden.
In der jüngsten Studie wurde am Beispiel ausgewählter Haushalte im unteren bis mittleren und im mittleren bis hohen Einkommenssegment untersucht, ob es sich für Familien in beiden Kantonen kurzfristig finanziell lohnt, die Erwerbstätigkeit auszudehnen. Dabei wurde davon ausgegangen, dass sich Erwerbstätigkeit immer dann lohnt, wenn das verfügbare Einkommen am Ende des Monats höher ist als ohne.
Die Studie betrachtet die kurzfristigen finanziellen Folgen eines zweiten Einkommens. Die Autoren weisen darauf hin, dass sich dieses langfristig durchaus bezahlt machen kann, weil Lohn- und Aufstiegschancen intakt bleiben und besser für die Altersvorsorge gesorgt werden kann.
Die vollständige Studie kann hier heruntergeladen werden. (PDF, 1MB)
(sda/sf/krua)






