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International

Wikileaks geht in Kürze das Geld aus

Nico Ruffo
Montag, 27. August 2012, 7:33 Uhr

Nicht nur das juristische Hickhack um Julian Assanges bedroht Wikileaks. Die Organisation steht vor dem finanziellen Aus: Ende September sei das ganze Geld aufgebraucht, sagt der Wikileaks-Spendenverwalter zu «SF Online».

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Seit Julian Assanges Flucht in die ecuadorianische Botschaft in London dreht sich das ganze mediale Interesse um das persönliche Schicksal des Wikileaks-Mitgründers. Im Schatten dieses diplomatischen Seilziehens kämpft die Organisation ums wirtschaftliche Überleben.

Ohne Enthüllungen keine Spenden

Die Entscheidung von Zahlungsabwicklern wie Visa und Mastercard im Dezember 2010, keine Geschäfte mehr mit Wikileaks zu machen, haben die Einnahmen der «Whistleblower» versiegen lassen. Das hat Assange schon mehrfach beklagt. Um sich auf die Geldbeschaffung konzentrieren zu können, steht auf der Webseite seit Monaten gross geschrieben: «Wir sind gezwungen, vorübergehend unsere Veröffentlichungen einzustellen.»

«Die Geldreserven reichen noch bis Ende September und dann ist Schluss.»
Bernd Fix, Vorstand Wau Holland Stiftung

Seit September 2010 besteht zudem keine Möglichkeit mehr, Wikileaks auf einem gesicherten Weg Daten zukommen zu lassen. Dass es trotzdem zu vereinzelten Aufschaltungen kam, ist den Mitgliedern von Anonymous zu verdanken. Erst kürzlich hat die Hackergruppe der Enthüllungsplattform 2,5 Millionen E-Mails von syrischen Politikern, Ministerien und Unternehmen über inoffizielle Kanäle übermittelt.

Ganzes Vermögen weggeschmolzen

Nun schlägt der deutsche Verwalter der Wikileaks-Gelder Alarm: Bernd Fix hat als Vorstandsmitglied der Wau Holland Stiftung die Finanzen von Wikileaks unter Kontrolle. Die deutsche Institution regelt sämtliche Ausgaben von Wikileaks. Sie begleicht unter anderem die Rechnungen der sieben bis acht Wikileaks-Mitarbeiter oder auch die Serverkosten.

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Finanzen von Wikileaks 2010 gab es noch ein grosses Spendenaufkommen. 2011 waren die Ausgaben bereits höher als die Einnahmen. 2012 soll nun kein Geld mehr vorhanden sein. Quelle: Transparenzbericht Wau Holland Stiftung

Die Stiftung förderte Wikileaks noch im Jahr 2010 mit 401'825 Euro aus den bei ihr eingegangenen Spendengeldern von 1,3 Millionen Euro. 2011 kamen nur noch Spenden in Höhe von 139'401 Euro rein, was laut Wikileaks nur für 21 Prozent der Betriebskosten reichte. Die Ausgaben waren im letzten Jahr hingegen ungemein höher: 660'523 Euro kostete der Betrieb der Plattform.

Wikileaks im Teufelskreis

Falls in diesem Jahr der Spendenfluss nicht drastisch erhöht wird, ist das Ersparte bald aufgebraucht. Die finanzielle Situation sei dramatisch, sagt Fix zu «SF Online». «Die Geldreserven reichen noch bis Ende September und dann ist Schluss.» Schon jetzt funktioniert die Organisation vor allem durch unentgeltliche Arbeit.

Wenn die ganze Arbeit für Wikileaks bezahlt würde, wären die Ausgaben mindestens viermal so hoch. «Das Ganze ist ein Teufelskreis. Durch die finanziellen Engpässe sind die Veröffentlichungen immer seltener geworden. Dadurch erhält Wikileaks aber auch keine neuen Spenden mehr.»

Trotz Spendenaufrufen und Werbevideos kommen mittlerweile nur noch 3000 Franken pro Woche rein. Für das langfristige Überleben bräuchte Wikileaks jedoch zehn Mal mehr. 

Auch die Wau Holland Stiftung könnte bald vor dem Aus stehen: Das Hamburger Finanzamt  soll in den nächsten Wochen entscheiden, ob die Zuwendungen für Wikileaks ab dem Jahr 2010 als gemeinnützige Spenden gewertet werden können. Falls nicht, müsste die Stiftung Steuern in unbekannter Höhe nachzahlen.

Schweizer Firma kämpft für Wikileaks

Sorgen über die finanzielle Situation der «Whistleblower» macht sich auch der Schweizer IT-Experte Andreas Fink. Seine Firma Datacell habe bis zur Sperrung von Kreditkartenzahlungen durch die Mastercard und Visa 80 bis 90 Prozent des Umsatzes von Wikileaks generiert.

«Im angelsächsischen Raum sind Kreditkarten als Zahlungssystem enorm wichtig», sagt der Chef des Schweizer Unternehmens. «Wenn der Spenderfluss normal weitergelaufen wäre, hätten wir sicher damit Geld verdient.»

Andreas Fink, CEO Datacell
«Die Welt glaubt irrtümlicherweise ganz Wikileaks sei nur Julian Assange.»

Doch es kam für Datacell zum Verlustgeschäft. Seither versucht die Firma finanzielle Kompensationen für die Sperrung von den Kreditkartenfirmen zu erreichen. In mehreren Ländern führt sie einen Rechtsstreit.

Auch bei der Europäischen Kommission hat die IT-Firma Beschwerde eingereicht. Laut Wikileaks soll eine Entscheidung noch vor Ende August fallen. Doch Andreas Fink ist vorsichtiger: «Normalerweise behandelt dieses Gremium solche Entscheidungen in vier Monaten, nun ist es seit unserer Einreichung jedoch schon über ein Jahr her.»

Erste juristische Erfolge

Vor ein paar Wochen konnte David den ersten Erfolg gegen Goliath verbuchen: Datacell gewann vor einem isländischen Gericht gegen Valitor (dem isländischen Partner von Mastercard und Visa). Julian Assange wertete dies als «wichtigen Schritt gegen Washingtons Bestreben, Wikileaks verstummen zu lassen». Der Richter verurteilte Valitor zur Wiederaufnahme der Geschäftsbeziehungen. Jeder verstrichene Tag kostet die Kreditfirma 6000 US-Dollar. «Mittlerweile stehen uns bereits 70‘000 Franken zu», sagt Fink. Der Fall wird ans höchste Gericht in Reykjavik weitergezogen. Weitere Prozesse in europäischen Ländern folgen im Herbst.

IT-Experte Fink glaubt trotz der enormen finanziellen Schwierigkeiten an die Organisation. «Die Welt glaubt, ganz Wikileaks sei Julian Assange. Doch die Online-Plattform ist eine lose Organisation mit relativ vielen freiwilligen Mitarbeitern. Das macht es so schwierig, Wikileaks zu besiegen», erklärt Fink.