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Lance Armstrong verliert alle Titel
Jetzt ist es amtlich: Die US-Anti-Doping-Agentur (Usada) hat Lance Armstrong rückwirkend zum 1. August 1998 alle Siege – darunter auch dessen sieben Tour-de-France-Gewinne – aberkannt. Grund ist laut Usada der Einsatz leistungssteigender Substanzen.
Lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende – scheint sich Lance Armstrong dieser Tage gedacht zu haben. Öffentlich gesagt hat er das aber nicht. Im Gegenteil: Armstrong flüchtete sich in die Opferrolle und sprach von einer «Hexenjagd» gegen ihn.
«Im Leben eines jeden Mannes kommt der Punkt, an dem er sagen muss: 'Genug ist genug'. Ich muss mich mit den Anschuldigungen gegen mich seit 1999 beschäftigen. Das fordert Tribut –auch von meiner Familie und meiner Stiftung. Das alles hat mich zu dem Punkt geführt, an dem ich sage: Ich bin fertig mit diesem Unsinn.»
Was war passiert? Die US-Anti-Doping-Agentur (Usada) hatte Armstrong im Juni formal des Dopings angeklagt. Sie wirft dem früheren Radsportler vor, Steroide und Blutdopingmittel genommen zu haben und stützt sich dabei auf mehr als zehn Zeugen – darunter auch seine ehemals treuen Gefolgsleute wie Tyler Hamilton, George Hincapie und Floyd Landis.
«Er hat genommen, was wir alle genommen haben. EPO, Testosteron, Bluttransfusionen», sagte Hamilton. Er habe oft dabei zugesehen, wie sich Armstrong selbst EPO injizierte, unter anderem vor seinem ersten Tour-Sieg 1999. «Es lag immer in seinem Kühlschrank», sagte der zweimal des Dopings überführte Hamilton.
Dem früheren Radstar Lance Armstrong (USA) droht der Verlust seiner sieben Tour-de-France-Titel und eine lebenslange Sperre. Einen Rückblick auf seine Karriere finden Sie hier.
Seit vergangenem Montag, als ein Gericht in seiner Heimatstadt Austin (Texas) eine Klage gegen die Ermittlungen der Usada abgewiesen hatte, besass Armstrong keine Chance mehr, die Schiedsgerichts-Verhandlung zu verhindern.
Radsportverband registriert und schweigt
Der Radsport-Weltverband UCI hat unterdessen gewohnt zurückhaltend auf die Wende im Fall Lance Armstrong reagiert. In einer ersten Stellungnahme erklärte die UCI, dass sie auf weiterführende Erklärungen der US-Anti-Doping-Behörde warte. Man habe aber registriert, dass die Usada Armstrong alle Titel aberkennen will», hiess es in der Presseerklärung.
Das Usada-Verfahren werde nun formell weitergehen, so der Schweizer Sportjurist Stephan Netzle. «Es kann aber rasch abgeschlossen werden, da Armstrong angekündigt hat, sich nicht mehr zu wehren.» Aus seiner Sicht sei die Zuständigkeit der Usada unbestritten.
Die UCI sah das anders und hatte Anfang August vergeblich die Befugnisse in der Causa Armstrong für sich beansprucht. Die Usada lehnte dies entschieden ab. Die Unfähigkeit von Sportorganisationen im Kampf gegen Doping sei bereits in zahlreichen Fällen beobachtet worden, so die Usada. Das sei, erklärte ein Usada-Anwalt, als würde «der Fuchs den Hühnerstall bewachen».
Aufstieg und Fall der Ikone
Lance Armstrong galt lange Zeit als Beispiel dafür, dass man alles schaffen kann, wenn man es denn nur stark genug möchte. Das galt sowohl für seinen Sieg über den Krebs, als auch seine sieben Triumphe bei der Tour de France.
Doch der Dopingverdacht begleitete Armstrong seine gesamte Karriere lang. Experten wie Zuschauern war der Aufstieg vom pasablen Eintagesfahrer zum Zeit- und Bergfahrspezialisten suspekt. Weggeschaut haben trotzdem fast alle. Keinem war der Glanz der Siege dubios genug, um sich nicht wenigstens ein bisschen darin zu sonnen. Das gilt für Teamkameraden, Sponsoren und Journalisten gleichermassen wie für US-Präsidenten und andere Politiker.
Der Pate des Feldes
Im Peloton war Armstrong aufgrund seiner physischen Übermacht leidlich gelitten. Hinter vorgehaltener Hand war immer wieder von grenzenloser Arroganz und Gockelgehabe die Rede. Wer jedoch offen gegen ihn war oder einen seiner Getreuen anzweifelte, bekam es mit ihm höchstpersönlich zu tun.
Unvergessen die Disziplinierung eines Abtrünnigen. Der Italiener Filippo Simeoni hatte es gewagt, gegen Armstrongs Leibarzt Michele Ferrrari auszusagen. Als Simeoni bei der Tour de France 2004 in einer Ausreissergruppe fuhr, folgte ihm Armstrong und machte damit die Pläne der Flüchtenden zunichte. Der Italiener musste sich zurückfallen lassen. Die Solidarität der Kollegen hielt sich in Grenzen.
Die Erben Armstrongs
Hat der Radsport mit dem Fall des siebenmaligen Tour-de-France-Siegers sein Dopingproblem gelöst? Wohl eher nicht. Viele Akteure von einst sind heute noch in führenden Positionen in der Szene aktiv. Und so wird wohl auch in Zukunft die Liste der Tour-Sieger nur eine kurze Halbwertszeit haben. Traurig aber wahr, nur zwei der Gewinner der jüngeren Zeit haben bisher offiziell nichts mit Doping zu tun gehabt.
| 1996 | Bjarne Riis | zum Siegeszeitpunkt gedopt | |
| 1997 | Jan Ullrich | 2012 des Dopings schuldig gesprochen, alle Erfolge seit 2005 anulliert | |
| 1998 | Marco Pantani | Disqualifikation beim Giro 1999 wegen EPO-Verdachts, Sperre 2001 wegen eines Insulin-Fundes | |
| 1999-2005 | Lance Armstrong | droht Aberkennung aller Titel durch die Usada | |
| 2006 | Floyd Landis | Titel wegen Testosteron-Dopings aberkannt | |
| 2007 | Alberto Contador | nahm teil, obwohl auch sein Name auf der Liste des Doping-Arztes Fuentes auftauchte - in einer überarbeiteten Version fehlte dann aber das Kürzel A.C. | |
| 2008 | Carlos Sastre | keine Verdachtsfälle bekannt | |
| 2009 | Alberto Contador | siehe 2007 | |
| 2010 | Alberto Contador | Titel nachträglich aberkannt, wegen Dopings mit Clenbuterol | |
| 2011 | Cadel Evans | keine Verdachtsfälle bekannt, soll aber mit dem italienischen Dopingarzt Michele Ferrari zusammengearbeitet haben | |
| 2012 | Bradley Wiggins | keine Verdachtsfälle bekannt |
Sollte es tatsächlich so weit kommen, dass Lance Armstrong die sieben Siege in der Tour de France aberkannt und an seiner Stelle die jeweiligen Zweiten zu Siegern proklamiert werden, hätte dies einen mehr als faden Beigeschmack. Denn alle diese Tour-Zweiten – Alex Zülle 1999, Jan Ullrich 2000/2001/2003, Joseba Beloki 2002, Andreas Klöden 2004 und Ivan Basso 2005 – waren notorische Dopingsünder.
Zülle war an der Tour de France 1998 in den Skandal um das Team Festina involviert, gab Doping zu und wurde später gesperrt. Jan Ullrich, der Spanier Joseba Beloki und der Italiener Ivan Basso waren nachgewiesenermassen treue Kunden des spanischen Dopingarztes und -händlers Eufemiano Fuentes. Der Deutsche Andreas Klöden hat wie Basso Doping bis heute bestritten – trotz erdrückender Beweise.
(agenturen/maiu)



