Schweiz
«Schweizer sind besonders geeignete Migranten»
Jeder zehnte Schweizer lebt im Ausland. Kaum ein anderes Land hat eine ähnlich grosse Diaspora, in der Bürger ihre Bürgerrechte behalten und mit der Heimat verbunden bleiben. Dies sagt der Direktor der Auslandschweizer-Organisation, welche dieses Wochenende zum 90. Kongress der Auslandschweizer einlädt.
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Verbringt man die Ferien auch im hinterletzten Winkel der Erde, immer wieder trifft man auf helvetische Landesgenossen. Nicht immer sind es andere Urlauber, sondern Schweizer, die sich dort niedergelassen haben.
2011 lebten 703‘640 Schweizer auf einem anderen Plätzchen in der Welt – 1,5 Prozent mehr als im Vorjahr. Viel frappanter ist der Vergleich zu 30 Jahren zuvor. Da waren es erst 345‘000, also halb so viele wie heute. Sind die Schweizer schweizmüde?
«Nein», wehrt Rudolf Wyder, Direktor der Auslandschweizer-Organisation (ASO), ab. Die grosse Zunahme habe mit der Globalisierung zu tun. Intensive Wirtschaftsbeziehungen mit verschiedenen Ländern ziehe viele Menschen in die Welt hinaus. Ihre Chancen auf dem internationalen Arbeitsmarkt sind gut.
Astronauten und Vulkanologen
«Dank dem guten Bildungssystem und unserer Sprachgewandtheit haben wir auf dem internationalen Stellenmarkt Konkurrenzvorteile», erklärt Wyder «SF Online». «Wir sind also besonders geeignet, Migranten zu sein.»
Die wenigstens zieht es aus der Not weg, sondern von der Lust gepackt, Neues zu entdecken. Ein unbekannter Ort mit einer anderen Chance. «In der Schweiz gibt es keinen Platz für Astronauten oder Vulkanologen», sagt Wyder schmunzelnd und im nächsten Atemzug, dass dies sicherlich die Ausnahme sei. Paradeberufe seien eher im Tourismus oder in der Wissenschaft zu finden. Genaue Erhebungen darüber gebe es nicht.
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Verteilung nach Kontinenten 2011
Quelle: ASO
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Die Fünfte Schweiz ist keine statische Einheit. «Es ist ein ständiges Kommen und Gehen. Pro Jahr gehen ca. 30‘000 Neue ins Ausland, während rund 25‘000 wieder zurückkommen», so der ASO-Direktor.
Seine Organisation setzt sich im Auftrag des Bundes für Anliegen im Zusammenhang mit den im Ausland lebenden Schweizer Bürgern ein. Und diese sind zahlreich: Lückenlose Sozialversicherungen, ein Bankkonto in der Schweiz (zum Beispiel für Krankenkassenprämien oder AHV-Rente), grenzüberschreitende Mobilität und – zurzeit eine der grössten Sorgen – die Schliessung von Konsulaten.
Von der Schweiz im Stich gelassen
Die Schweiz hat in den letzten 20 Jahren rund 50 konsularische Vertretungen geschlossen, seit 1980 ist das Konsularnetz gar um zwei Drittel ausgedünnt worden. Die aktuellste Schliessung einer Botschaft ist auf Januar 2013 in Guatemala geplant. Damit zieht sich die Schweiz aus einer Region zurück, die von grosser Gewalt geprägt ist. Offiziell wurde die Schliessung nie kommuniziert.
Nachdem die Information vor einigen Tagen offenbar durchgesickert ist, richtet sich die Botschaft nun auf ihrer Homepage mit einem Brief in spanischer Sprache an die Auslandschweizer: Die Schliessung sei aufgrund Budget-Kürzungen von der Schweizer Regierung angeordnet worden. An wen sich die Schweizer künftig wenden sollten, werde noch kommuniziert. «Dieses Verhalten ist typisch», sagt Wyder. Schliessungen also, ohne einen Plan B in der Schublade zu haben.
Neben praktischen Gründen habe die Nähe zu einer Schweizer Vertretung für viele Auslandschweizer etwas Emotionales. «Wenn die Leute das nächste Konsulat nur im Flugzeug erreichen, fühlen sie sich von der Schweiz im Stich gelassen. Das kann in einem Katastrophen- oder Todesfall sein oder einfach wegen einer Erneuerung des Passes», so Wyder.
E-Voting dringend gefordert
Solche Sorgen äussern die Schweizer auf der seit zwei Jahren existierenden Online-Plattform SwissCommunity.org – sie wird genutzt von rund 15‘000 Mitgliedern. Rege Diskussionen zeigten ein intensives Bedürfnis, sich untereinander auszutauschen, sagt Wyder. Auf der Seite tummeln sich an einem Tag wie heute Schweizer, die in Französisch-Polynesien, Kambodscha, Kanada, Nigeria oder Spanien zuhause sind.
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Grösste Schweizer-Gemeinschaften 2011
Quelle: ASO
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Ein Herr aus Australien freut sich im aktuellsten Beitrag auf der Plattform über angekündigte Fortschritte im E-Voting. Auch dies ist ein grosses Anliegen der Auslandschweizer. Seit 1992 können Auslandschweizer auf Bundesebene abstimmen. Doch viele werden in der Praxis daran gehindert, weil die Postwege zu lange sind.
«Nicht jeden an die Urne schleppen»
143‘288 abstimmungswilligen Auslandschweizern haben sich 2011 in Stimmregistern eingetragen. 5,45 Prozent mehr als 2010 und rund ein Viertel unser im Ausland lebenden Landsleute. Rudolf Wyder ist darüber erfreut, weil es sehr viele Registrierte mehr seien, als man bei der Einführung vor 20 Jahren erwartet hätte.
«Es ist nicht unser Ziel, jeden zur Urne zu schleppen. Sondern denen eine Chance zu geben, die wollen und sich genügend informiert fühlen.» Mit der Zeitschrift «Schweizer Revue» versorgt die AOS die Auslandschweizer mit Informationen aus der Heimat. Sie gehört mit 391'000 Exemplaren zu den auflagestärksten Zeitschriften des Landes.
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Eingetragene Stimmberechtigte nach Kontinenten 2011
Quelle: ASO
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Damit der Diaspora die Teilnahme an einer Abstimmung erleichtert wird, hat die ASO eine Petition lanciert für die rasche Einführung des E-Voting – auch im Inland.
Solche Themen werden auch am heutigen Freitag besprochen. Im Rahmen des 90. Auslandschweizer-Kongresses in Lausanne vom Wochenende diskutieren die Delegierten der Auslandschweizer die wichtigsten gemeinsamen Anliegen. Der Auslandschweizerrat ist von den Behörden als Interessensvertreter der Fünften Schweiz anerkannt. Am Kongress werden rund 400 Teilnehmer aus 40 Ländern erwartet.
Regelungen ohne Einheit
«Wir drängen schon lange auf ein Bundesgesetz für Auslandschweizer», sagt Wyder. Es gebe zwar einen Verfassungsartikel für die Erhaltung enger Bande zwischen der Schweiz und ihren Auslandbürger, aber kein einheitliches Ausführungsgesetz. Also einzelne Regelungen, die oft nicht aufeinander abgestimmt seien.
Konkret ist etwa die Forderung einer kohärenten Politik, wenn es um das Konsularnetz geht. «Hört auf, Vertretungen zu schliessen, wenn ihr keine Ersatzstrategien habt», ist etwa der Tenor einer Resolution, die der Auslandschweizerrat im vergangenen Jahr an den Bundesrat gerichtet hat.
Vorgeschlagen wird zum Beispiel die lokale Zusammenarbeit mit anderen europäischen Konsulaten – wie sie bereits unter den EU-Ländern besteht. Dann wären die Auslandschweizer nicht nur auf die eigenen Vertretungen angewiesen.



