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International

Italiens Regierung kämpft um berüchtigtes Stahlwerk Ilva

Donnerstag, 16. August 2012, 7:59 Uhr

Rund 12'000 Menschen bangen in Süditalien um ihren Job im Stahlwerk Ilva. Ein Gericht hat die Stilllegung grosser Teile der Anlage verfügt, sie soll für schwere Umweltschäden, vermutlich auch für hunderte Tote verantwortlich sein. In der strukturschwachen Region aber regt sich Protest gegen das drohende Aus. Auch Premier Monti schaltet sich ein.

Bild Geschlossenes Fabriktor des Stahlwerks in Taranto: Bis zu 14'000 Arbeitsplätze stehen auf dem Spiel.
Geschlossenes Fabriktor des Stahlwerks in Taranto: Bis zu 14'000 Arbeitsplätze stehen auf dem Spiel. keystone

Er sterbe lieber an Krebs als an Hunger, soll ein Gewerkschafter bei einer Protestkundgebung gegen die Schliessung des Stahlwerkes Ilva vor wenigen Tagen ausgerufen haben. Die Zuspitzung ist makaber, aus dem Munde eines Arbeitnehmervertreters allemal, doch der Satz bringt das Dilemma, in dem in Taranto viele stecken, auf den Punkt. 

Juristisches Tauziehen

In der 190'000-Einwohner-Stadt bangen derzeit fast 12'000 Menschen um ihren Job in einem der grössten Stahlwerke Europas. Teilen der Anlage in Apulien droht wegen mutmasslich schwerer Gefährdung für Mensch und Umwelt die Schliessung. Ein Berufungsgericht hat eine bereits Ende Juli angeordnete Beschlagnahmung und Stilllegung inzwischen bestätigt.

Bild Proteste gegen die drohende Werksschliessung in Taranto.
Proteste in Taranto: Trotz hunderter Todesfälle, die in Zusammenhang mit dem Werk stehen dürften – die meisten Menschen hier wollen ihre Jobs behalten. keystone

Erst, wenn die betroffenen Anlagen nachhaltig verbessert worden seien, dürfe wieder produziert werden, heisst es in der jüngsten Verfügung des Gerichts. Dagegen hat der mächtige Stahlkonzern Riva, zu dem Ilva gehört, Berufung eingelegt – das juristische Tauziehen dürfte noch eine Weile weitergehen. Ilva produziert derweil weiter, auch wenn die Anlagen nicht auf Hochtouren laufen.

Eine Schliessung des Werkes ist für viele Menschen in und um Taranto schlicht nicht vorstellbar. Vor allem im Quartier Tamburi, das direkt an das Werksgelände angrenzt, scheint die Sorge um den Arbeitsplatz bei vielen Bewohnern grösser zu sein als die Sorge um die eigene Unversehrtheit.

«Für die meisten Menschen – vor allem für die, die schon seit Jahrzehnten dort wohnen – ist es noch immer fast ein Lebensziel, eine Arbeitsstelle bei Ilva zu finden», beschreibt die NZZ-Journalistin Romina Spina die Stimmung in Tamburi gegenüber «SF Online». Vielen in der strukturschwachen Region sei die Umweltbelastung schlicht egal. «Sie behaupten, auch anderswo sei die Luft heute schmutzig.»

Fast 400 Tote in zwölf Jahren?

Dass es in Taranto um etwas mehr geht als ein bisschen schmutzige Luft, haben Gutachter längst bewiesen. In einer von der Justiz angeordneten Untersuchung wurden im vergangenen Jahr fast 400 Todesfälle zwischen 1998 und 2010 auf die Emissionen des Stahlwerks zurückgeführt – viele der Opfer hatten im Stadtteil Tamburi gelebt.

Umweltschützer machen bereits seit den 1990er Jahren auf die giftigen Emissionen des Stahlwerks aufmerksam. Sie werfen dem Werk vor, grosse Mengen an Dioxin, Feinstaub und Schwermetallen in die Luft zu blasen und die tatsächliche Belastung zu verschleiern. 

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Die Protestbewegung blieb lange überschaubar, erst nach und nach haben sich ihr in den vergangenen Jahren auch Bewohner der Stadt angeschlossen. Seit einem Dekret des Bürgermeisters im Juni 2010 seien unter den Gegnern des Werkes besonders viele Mütter, berichtet NZZ-Journalistin Spina. «Damals hatte der Bürgermeister verfügt, dass Kinder in Tamburi die Spielplätze nicht mehr betreten dürfen, weil die Erde kontaminiert ist.»

Gefälschte Gutachten, bestochene Sachverständige?

Erstaunlich findet die NZZ-Journalistin, dass die Probleme in Taranto jahrelang wenn überhaupt, dann nur in der Region selbst ein Thema waren, in Restitalien aber praktisch keine Rolle spielten. Warum die giftigen Emissionen in Rom nicht schon früher für einen Aufschrei sorgten, ist unklar.

Die Rede ist davon, dass die mächtige Eignerfamilie Riva über beste Kontakte in die entsprechenden Ministerien verfügte. Auch Vorwürfe, es könnten über Jahre hinweg Gutachten gefälscht und Sachverständige bestochen worden sein, stehen im Raum. «Nachdem die Regierung in Rom jahrelang untätig geblieben ist, hat nun quasi die Staatsanwaltschaft das Heft in die Hand genommen», so Spina.

Monti beruft Krisentreffen ein

Das drohende Aus des wichtigen Arbeitgebers hat die Regierung von Premier Mario Monti nun offenbar alarmiert. Im Eilzugtempo stellte sie Anfang August mehr als 330 Millionen Euro zur Verfügung, mit denen die Umweltschäden rund um Taranto behoben werden sollen. Nicht ausgeschlossen, dass mit der Millionenüberweisung die Hoffnung verbunden war, ein Produktionsstopp könne so verhindert werden.

Inzwischen greift Monti zu härteren Geschützen. Die Regierung erwägt eine Verfassungsklage gegen die Entscheidung des Gerichts in Tarantano. «Wir werden das Verfassungsgericht auffordern zu prüfen, ob dies nicht gegen unser Recht verstösst, Industriepolitik zu betreiben», wurde Montis Kabinettsstaatsekretär Antonio Catricalà zitiert. Monti hat zudem für Freitag gleich drei seiner Minister in Taranto angemeldet. Dort sind Gespräche mit Vertretern der lokalen Justiz geplant – offen ist derzeit wohl noch, ob die für den Fall zuständige Untersuchungsrichterin daran teilnehmen wird.

Ilva-Eigentümer Emilio Riva verfolgt die Ereignisse unterdessen aus dem Hausarrest. Der 86jährige «Stahlkönig» war Ende Juli zusammen mit weiteren Managern des Konzerns festgesetzt worden. Dass er nun schon in Kürze einer Stilllegung seines wichtigsten Werkes zuschauen muss, gilt als eher unwahrscheinlich – schon aus praktischen Gründen. Bis zu einem endgültigen juristischen Entscheid in Sachen Ilva dürfte noch einige Zeit vergehen.

Die weltgrössten Stahlproduzenten

Quelle: wordsteel.org, Angaben für 2011

Unternehmen Gesamtproduktion in Mio Tonnen Hauptsitz
1 ArcelorMittal 97.2 Luxemburg
2 Hebei Group 44.4 China
3 Baosteel Group 43.3 China
4 POSCO 39.1 Südkorea
5 Wuhan Group 37.7 China
6 Nippon Steel 33.4 Japan
7 Shagang Group 31.9 China
8 Shougang Group 30.0 China
9 JFE 29.9 Japan
10 Ansteel Group 29.8 China
...
21 Riva 16.1 Italien

(krua)