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International

Gewalttätige Nordafrikaner vermissen den Respekt

Bettina Kunz
Donnerstag, 16. August 2012, 6:45 Uhr

Schweizer Gefängnisdirektoren beschweren sich über gewalttätige Häftlinge aus Nordafrika. Die Gewalt gegenüber den Wärtern, aber auch der Häftlinge gegen sich selbst, hat enorm zugenommen. Warum ist das so? Experten leisten Erklärungshilfe.

Bild Tunesische Flüchtlinge in einem Boot sitzend.
Kommen mit grossen Erwartungen nach Europa: Nordafrikanische Flüchtlinge, die oft in einfachen Fischerbooten nach Europa gelangen. keystone/archiv

Gewaltdelikte wie Autoeinbrüche oder Diebstähle von Nordafrikaner nehmen stark zu. Gefängnisdirektoren schlagen Alarm. Warum aber ausgerechnet die Nordafrikaner, ist man versucht zu fragen.

Im Vergleich zu Flüchtlingen aus anderen Ländern kommen die meist jungen Männern aus Tunesien, Marokko und Algerien nicht aus einer echten, schweren Notlage in die Schweiz. Vielmehr sind sie aus einer «Situation ohne Perspektive» gekommen, wie der Nordafrika-Experte und Journalist Beat Stauffer erklärt. «Ich kann mir deshalb vorstellen, dass die Dankbarkeit der Schweiz gegenüber nicht gleich gross ist wie bei denjenigen Flüchtlingen, die in ihren Heimatsländern an Leib und Leben bedroht waren.»

Dieser Meinung ist auch Ueli Mäder, Nordafrika-Experte und Professor für Soziologie an der Uni Basel. Ihm ist jedoch wichtig zu unterstreichen, dass Nordafrikaner nicht per se gewaltbereit sind. Für ihn hat die Gewaltbereitschaft der jungen Männer mehr mit den aktuellen Bedingungen zu tun.

Sie hätten Vorstellungen von der grossen Freiheit und kämen dann hier quasi in geschlossene Anstalten – in «Rayons der eingeschränkten Bewegung», wie er es nennt. Die Unterkünfte hätten Anstaltscharakter – dagegen werde opponiert, daraus wolle man ausbrechen.

«Sie vermissen den Respekt»

Dass vor allem junge, alleinstehende Männer aus Nordafrika zu uns kommen, hängt mit der hohen Zahl der Arbeitslosen, aber auch der Perspektivenlosigkeit in ihrer Heimat zusammen. Die Männer seien laut Mäder denn auch nicht einfach Jugendliche von der Gasse. Sie bringen eine gewisse Bildung mit und sind sich von Zuhause ein höheres Ansehen gewohnt. «Diese Erwartung nehmen sie mit. Sie kann hier aber nicht erfüllt werden», führt Mäder aus.

Ausserdem würden eigene Gewalterfahrungen die Gewaltbereitschaft der jungen Männer steigern: «Gewalterfahrungen gibt man weiter», erklärt Mäder.

Weniger harte Sanktionen in der Schweiz

Warum aber gerade die Nordafrikaner zu erhöhter Gewaltbereitschaft neigen, kann sich Stauffer zumindest soziokulturell nicht erklären. Die Unterschiede zu anderen arabischen Ländern seien diesbezüglich nicht immens.

Ein Grund könnten aber auch die Unterschiede der Straf-Ahndung sein. Die Sanktionen, welche die Nordafrikaner hierzulande bei Kleindelikten erfahren, seien nicht vergleichbar mit dem harten Durchgreifen in ihrer Heimat. «Das kann dazu führen, dass sie hier einen Schritt mehr machen», so Mäder. Mit der eigentlichen Mentalität der Männer habe dies aber nichts zu tun.

Gewalt gegen sich selber

Die nordafrikanischen Häftlinge fallen aber nicht nur durch ihre Gewalt gegenüber dem Gefängnispersonal auf. Auffallend sei auch die Gewalt gegenüber ihrer eigenen Person. Wie ist das zu erklären?

«Wenn es schwierig ist, Aggressionen nach aussen zu richten, nutzt man ein anderes Ventil – nämlich das gegen sich selbst», erklärt Soziologe Mäder. Ausserdem könne es sich bei der Gewalt am eigenen Körper auch um Selbstbestrafung handeln.

Dazu komme, dass diese Nordafrikaner hier bis jetzt noch keine Wurzeln geschlagen haben. Das führe zu Desorientierung – verzweifelte Momente, in denen man auf sich alleine gestellt sei. «Und letztlich kann es auch mit ihrem Ehrgefühl zu tun haben, das verletzt wurde», ist Mäder überzeugt.