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«Alle Zeichen Israels deuten auf Krieg gegen Iran»
Israel betreibt derzeit Kriegsrhethorik, plant angeblich einen Angriff auf den Iran. Was steckt hinter den Drohgebärden und welche Folgen hätte ein Krieg für die gesamte Region? Einschätzungen vom Nahost-Experten Michael Lüders.
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In einschlägigen Blogs und Medien werden Details zu einem angeblichen Krieg von Israels Führung gegen den Iran laut. Matan Vilnai, scheidender israelischer Minister für Zivilschutz, spricht in der Zeitung «Maariv» beispielsweise von einem 30 Tage dauernden Einsatz mit etwa 500 Toten. Auch von einem High-Tech-Krieg ist die Rede. Als erster Schritt seien Cyber-Attacken geplant, dann sollen Atomanlagen zerstört und schliesslich hochrangige iranische Militärs und Geheimdienstleute gezielt getötet werden, weiss der für Berichte über die israelische Sicherheitspolitik bekannte US-Blogger Richard Silverstein. Ihm sollen Details eines angeblichen israelischen Plans vorliegen.
«SF online»: Handelt es sich seitens Israels um Drohgebärden oder steckt mehr dahinter?
Michael Lüders: Es gibt zwei mögliche Interpretationen: Israel hat die Rhetorik massiv verstärkt, um den Druck auf den Iran zu erhöhen und um die amerikanische Regierung davon zu überzeugen, weitere Boykott-Massnahmen gegenüber den Iran zu beschliessen.
Die zweite Möglichkeit: Ministerpräsident Benjamin Netanjahu und Verteidigungsminister Ehud Barak sind entschlossen, den Iran anzugreifen, ihnen fehlt aber zum gegenwärtigen Zeitpunkt noch genügend Zustimmung seitens des Sicherheitsestablishments und der USA. Mit der Kriegsrhetorik soll Druck aufgebaut und die Bevölkerung auf einen Militärschlag vorbereitet werden.
Ein Krieg scheint unausweichlich.
Alle Zeichen deuten auf Krieg. Will man dies verhindern, müssen neue Verhandlungen geführt werden. Verhandlungen, bei denen sich die beteiligten Partner auf Augenhöhe begegnen können.
Ein Problem ist zudem, dass Netanjahu und Barak keine rationalen Akteure sind. Sie glauben an ihre Mission und dass der Iran an der Schwelle stünde, Atombomben zu erwerben, und Israel ein zweiter Holocaust drohe.

Zur Person
Michael Lüders, Jahrgang 1959. Nahostexperte. Im Vorstand der Deutschen Orient-Stiftung und im Beirat des Nah- und Mittelostvereins Numov. Studierte arabische Literatur in Damaskus sowie Islamwissenschaften, Politologie und Publizistik in Berlin. Langjähriger Nahostkorrespondent der «Zeit». Hat verschiedene Lehraufträge und Beratermandate.
Ist die Angst begründet?
Weder der israelische noch US-amerikanische Geheimdienst hat einen Hinweis darauf, dass der Iran eine Atombombe bauen würde.
Aber woher kommt die Angst?
Ängste kann man schüren.
Es gibt natürlich auch keinen Grund, das iranische Regime zu mögen. Denn die Kritik an der Art und Weise, wie der Iran mit seinem Uranprogramm umgeht, ist berechtigt. Klar aber ist auch, dass die aktuell geführten Verhandlungen gescheitert sind, obwohl der Iran sich dazu bereit erklärt hätte, seine Urananreicherung bis 20 Prozent einzustellen. Das Regime knüpfte sein Angebot allerdings an ein Ende der Sanktionen seitens der USA, was Israel vehement ablehnte. Die israelische Führung verhinderte also zum einen einen Durchbruch der Verhandlungen, beschwört aber gleichzeitig die Gefahr eines angeblich drohenden zweiten Holocausts.
Welche Rolle spielen die USA in einem möglichen Krieg?
Netanjahu und Barak wollen Israel nicht alleine in den Krieg führen. Sie wünschen sich, dass die USA den Job erledigen – oder die USA sie zumindest unterstützen. Die israelische Führung weiss, dass Barack Obamas Regierung erpressbar ist. Geht Israel zunächst im Alleingang vor, müssten die USA an der Seite Israels in den Krieg eintreten, was Obama bislang ablehnte. Wenn er nicht hilft, könnte es ihn möglicherweise die Wiederwahl kosten. Hilft er, dann allerdings auch. Denn ein Krieg gegen den Iran liesse die Ölpreise explodieren, wofür die Republikaner Obama verantwortlich machen würden.
Ändert sich die Situation, wenn Mitt Romney am 6. November zum neuen Präsidenten gewählt wird?
Mitt Romney hat sich klar und unmissverständlich für eine amerikanische Beteiligung an einen Krieg gegen den Iran ausgesprochen. Ob er seine Rhetorik im Falle seines Wahlsiegs umsetzt, ist eine andere Frage. Aber die Republikaner sind uneingeschränkt pro-israelisch. Romney wäre für Israel deshalb ein Sechser im Lotto.
Matan Vilnai spricht von einem 30tägigien Krieg, mit nur wenigen hundert Toten.
Das ist pure Spekulation, absolut unseriös. Klar ist, dass sich die Auswirkungen eines Krieges nicht in Wochen oder Monaten bemessen würden, sondern in Jahren und Jahrzehnten. Den Iran anzugreifen, wäre deshalb in hohem Masse irrational, politischer Grössenwahn – aber ist trotzdem wahrscheinlich.
Der Iran scheint von Israels Drohgebärden gänzlich unbeeindruckt.
Teheran reagiert auf die Drohgebärden nicht und wäre niemals so dumm, seinerseits einen Erstschlag auszuführen. Die iranische Führung weiss ganz genau, dass Israel und die USA nur darauf warten, dass und wäre auch nicht so dumm, den ersten Schritt zu machen. Er weiss ganz genau, dass Israel und die USA nur darauf warten, dass Teheran einen Vorwand für einen Krieg liefert. Diesen Gefallen wird die iranische Regierung weder Israel noch den USA tun.
Im Falle eines Angriffs aber wird sich der Iran verteidigen. Die Folge: Die gesamte Region könnte in Flammen aufgehen. Ein Krieg gegen den Iran bedeutet auch, einen Krieg in den Hinterhof Russlands zu tragen. Bekannt ist Russlands und auch Chinas Haltung gegenüber Syrien: Im Fall des Irans wird die Kompromissbereitschaft noch sehr viel geringer ausfallen. Russland und China werden Teheran aus geostrategischen Gründen unterstützen. Denn zum einen ist der Iran einer der wichtigsten Erdöllieferanten Chinas und er grenzt direkt an russisches Einflussgebiet. Ein Krieg wäre die ernsthafteste Krise der Weltpolitik seit der Kubaraketenkrise 1962.



