Kultur
Père zu Locarno: «Der Wettbewerb war ausserordentlich stark»
Am Samstag ist in Locarno das 65. Filmfestival zu Ende gegangen. Im Interview mit «SF Online» gibt Olivier Père, künstlerischer Direktor, Auskunft über das Nebeneinander von Kunst und Unterhaltung und äussert sich zu den Stärken des Schweizer Films.
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«SF Online»: Die Programmgestaltung in Locarno ist anspruchsvoll: Einerseits müssen sie die Piazza mit mehreren tausenden Sitzplätzen füllen, anderseits erwartet das Publikum hohe Filmkunst. Am deutlichsten zeigte sich das wohl am Montagabend, als zuerst der charismatische US-Künstler Harry Belafonte geehrt wurde und anschliessend die US-Slapstick-Komödie «Bachelorettes» lief. Sind solche Kombinationen nicht problematisch?
Olivier Père: Nein, denn diese Kombination gilt nur für die Piazza, nicht für den Rest des Festivals. Für die anderen Sektionen ist das nicht von Bedeutung. Hinzu kommt, dass wir auf der Piazza sehr unterschiedliche Filme zeigen. Da hat «Bachelorette» ebenso Platz wie das wunderbare Drama «Quelques heures de printemps» oder «No» über den Umbruch in Chile.
Es macht den Anschein, als ob Sie mehr Herzblut in die zweiten Projektionen auf der Piazza stecken, dort laufen oft die Filme für die Kino-Liebhaber. Erst die Arbeit, dann Ihr Vergnügen?
Nein, gar nicht. Ich mag Filme, die einem breiten Publikum gefallen ebenso wie kleinere Filme. Aber natürlich zeigt man um Mitternacht eher gewagtere, provokative oder auch gewaltvolle Filme, Genre-Filme eher für ein junges Publikum. Letztlich ist es eine programmtechnische Frage: Für Mitternacht plant man anders als für die erste Vorstellung um 21.30 Uhr. Es stimmt, dass ich ein grosser Liebhaber von Genre-Filmen wie beispielsweise «Sightseers», «Rubber» oder «Drive» bin. Aber es gibt viele erste Filme auf der Piazza, die ich ebenso gerne mag, wie etwa «Camille redouble», «Ruby Sparks» oder «No». Natürlich liegen mir die Mitternachts-Filme sehr am Herzen, aber ich mag auch die anderen gerne!
Die Piazza Grande bietet eine einmalige Atmosphäre, die manchmal auch gestandenen Stars die Sprache verschlägt. Was fühlen Sie sich als Festival-Direktor, beispielsweise neben einem gerührten Gael Garcia Bernal zu stehen?
Die Menschen reagieren sehr verschieden, wenn sie auf der Bühne der Piazza stehen. Einige sind schüchtern oder beeindruckt. Die Interaktion zwischen dem Publikum und den Stars auf der Piazza ist sehr besonders. Jeder reagiert anders. Der Produzent Arnon Milchan hat geweint, Gael Garcia Bernal hat mit dem Leoparden getanzt, anstatt eine grosse Rede zu schwingen. Andere sind förmlicher und halten eine Ansprache. Was zählt, ist die Chemie zwischen dem Publikum und den Festivalgästen.
Zum Wettbewerb: Als sie künstlerischer Direktor wurden, haben den internationalen Wettbewerb auch für Dokumentarfilme geöffnet. Hat sich diese Entscheidung ausgezahlt?
Ja, das war ein sehr guter Entschluss. Locarno war immer schon ein Vorreiter unter den Festivals, beispielsweise was Video oder auch digitale Produktionen angeht. Es war an der Zeit, den Wettbewerb zu öffnen – gerade in der Schweiz. Denn jedes Jahr gehören Dokumentarfilmen zu den Höhepunkten des Schweizer Filmschaffens, so wie letztes Jahr «Vol Spécial» oder «The End of Time» in diesem Jahr. Und vor einigen Jahren haben auch Cannes und Venedig ihre Wettbewerbe für Dokumentarfilme geöffnet, warum also nicht auch Locarno? Es ergibt sehr viel Sinn, diese Werke zusammen mit Spielfilmen in den Wettbewerb miteinzubeziehen. Ich bin mir sicher, dass Dokumentarfilme dieselben Chancen auf Preise haben wie die Spielfilme.
Spielte nicht auch eine Rolle, dass es für Locarno schwierig ist, die wirklich grossen Spielfilme zu kriegen für den Wettbewerb? Denn die werden ja eher in Cannes oder Venedig eingereicht.
Nein, das stimmt nicht. In diesem Jahr war der Wettbewerb ausserordentlich stark und er brachte frischen Wind und neue Namen ins Spiel. Gute Spielfilme zu zeigen, ist nicht schwierig. Dieses Jahr haben uns im Schweizer Film aber wie gesagt vor allem Dokumentarfilme überzeugt.

Überraschender Gewinner am Filmfestival Locarno
«La Fille de nulle part» heisst der überraschende Gewinner des Goldenen Leoparden am Filmfestival Locarno. Neben einem starken Wettbewerb hatte das Festival in diesem Jahr viele bewegende Momente zu bieten – aber auch ein Schweizer Film, dem eine Sternschnuppe die Schau stahl. > Mehr
Noch eine Änderung gab's unter Ihrer Direktion: Vor drei Jahren haben Sie als erste Amtshandlung die Sektion «Ici et ailleurs» abgeschafft, um das Profil des Festivals zu schärfen. Dieses Jahr haben Sie wieder eine neue Sektion eingeführt. Ist das nicht ein Widerspruch?
Nein, nicht wirklich. Denn die neu eingeführte Sektion «Historie(s) du cinéma» existierte eigentlich schon, hatte aber keinen Namen. Die Zahl der Filme am Festival hat sich mit der neuen Sektion nicht erhöht, dafür sind die Filme aus den Spezialprogrammen klarer umrissen als früher. Daher ist die neue Sektion kein Widerspruch.
Monsieur Père, diese Ausgabe ist ihre dritte. Wie waren diese ersten drei Ausgaben? Haben Sie erreicht, was Sie wollten?
Die diesjährige Ausgabe ist das Resultat von drei und mehr Jahren Arbeit. Locarno hat die Möglichkeit, bei der Entdeckung neuer Filmen an der Spitze zu stehen. Und zugleich schauen wir auch zurück in die Geschichte des Kinos. Denn ein wichtiges Merkmal Locarnos ist die Qualität und der Erfolg der Retrospektive, die in diesem Jahr Otto Preminger gewidmet war.
Wir haben in Locarno verschiedene Gruppen von Zuschauern: Da sind die Cinephilen, die sich in Locarno die Retrospektiven anschauen. Dann gibt es diejenigen, die sich dem neuen Kino verschrieben haben und sehr interessiert sind an neuen Strömungen und frischen Autoren. Diese gehen in den internationalen Wettbewerb oder zu den Cineasti del presente. Und schliesslich gibt es das Mainstream-Publikum, das nicht unbedingt cinephil ist, aber das eine tolle Filmvorführung auf der Piazza erleben will. Manchmal überschneiden sich diese Gruppen, aber manchmal auch nicht. Das ist aber kein Problem, denn wir haben für alle Gruppen Filme im Angebot.
Was ist ihre Vision für die Zukunft des Festivals?
Ich fände es toll, wenn es mit dem Festival so weitergeht, wie es heute ist. (lacht) Denn ich glaube, wir haben die Formel gefunden.



