Inhalt

Wirtschaft

Wenn hochkomplexe Märkte ausser Rand und Band geraten

Andrea Krüger
Samstag, 11. August 2012, 9:27 Uhr

Vom «Knightmare on Wall Street» war die Rede, als Anfang August ein Softwarefehler den US-Aktienhändler Knight Capital innerhalb kurzer Zeit fast in den Ruin trieb. Knight Capital konnte dem drohenden Bankrott entgehen, der Fall aber wirft ein Schlaglicht auf den computergesteuerten Börsenhandel.

Bild Händler unterhalten sich an der New York Stock Exchange. (reuters)
Händler an der New Yorker Börse: «Computer werden dem Menschen nie das Wasser reichen können» reuters

Auch alteingessene New Yorker Börsenhändler trauten ihren Augen nicht: Am Morgen des 1. August, kurz nach Handelsbeginn, spielte der Markt verrückt. Innerhalb kurzer Zeit wurden die Handelssysteme mit grossen Mengen an Kauf- und Verkaufsordern geflutet, die innerhalb kürzester Zeit zu heftigen Kursschwankungen führten.

Vielen Brokern muss bereits nach wenigen Sekunden klar gewesen sein, dass es sich um einen schweren Fehler im System handeln musste. Dennoch dauerte es gut eine Dreiviertelstunde, bis sich das Treiben wieder beruhigte.

Massenhaft falsche Aufträge

Erst nach und nach wurde klar, was sich an diesem Morgen an der Wall Street abgespielt hatte: Das Handelshaus Knight Capital – nach eigenen Angaben an mehr als zehn Prozent der Umsätze im US-Aktienhandel beteiligt – hatte eine neue Software in Betrieb genommen. Ganz offensichtlich, ohne sie vorher ausreichend getestet zu haben.

Hochfrequenz-Handel: Spiel mit dem Feuer (ECO, 10.1.2011)

Das Programm platzierte massenhaft falsche Aufträge – es kaufte teuer und verkaufte billig. Dadurch gerieten die Kurse Dutzender Aktien ausser Rand und Band, nach Angaben der New Yorker Börsenbetreiberin NYSE waren rund 140 Papiere betroffen. Bitter für Knight Capital: Das Unternehmen sass am Ende des Handelstages auf einem Verlust von 440 Millionen Dollar. Nur dank einer Rettungsaktion von Kunden und Investoren konnte die Börsenfirma vor dem Bankrott bewahrt werden, wenn auch zu einem hohen Preis. Die Geldgeber halten nun mehr als 70 Prozent der Anteile.

Schmiermittel – und Sprengstoff

Der Fall Knight Capital wirft einmal mehr ein Schlaglicht auf die zunehmende Abhängigkeit der Börsen von Computerprogrammen, die praktisch vollautomatisiert innerhalb von Sekundenbruchteilen enorme Mengen an Kauf- und Verkaufsordern abgeben.

Per se ist das nichts Schlechtes, denn der so genannte Hochfrequenzhandel sorgt zunächst einmal dafür, dass kleine Ineffizienzen des Marktes wieder ausgeglichen werden. «Die Blue Chips in den USA (die Aktien der Dow Jones-Unternehmen – Anm. der Redaktion) werden beispielsweise heute auf 20 oder mehr Handelsplattformen gleichzeitig gehandelt», erklärt der Berliner Ökonom Nikolaus Hautsch diese Unregelmässigkeiten des Marktes. «An der einen Börse ist ein bestimmtes Papier nun vielleicht für 20 Dollar zu haben, an der anderen für 20,01 Dollar. Diese Differenz, für den Otto-Normalverbraucher praktisch bedeutungslos, ist für den Computerhandel entscheidend.»

Dessen Programme durchforsten die verschiedenen Handelsplätze nämlich nach genau solchen Unterschieden. Sie kaufen die günstigere Aktie und verkaufen sie zum teureren Preis. «Signifikant wird das ganze über eine grosse Menge der Transaktionen und die enorme Geschwindigkeit», so Hautsch.

Handel im Nanosekundenbereich

Diese enorme Schnelligkeit – inzwischen ist von Nanosekunden die Rede – und die grossen Handelsmengen waren es auch, die im Fall Knight Capital für die inzwischen bekannten Folgen sorgten. Von einer Pauschalkritik an den Hochfrequenzhändlern will Experte Hautsch dennoch nichts wissen. «Es gibt einige Studien die zeigen, dass solche Hochfrequenzhändler in normalen Marktphasen, in denen der Handel im Prinzip vor sich hin plätschert und nicht ständig durch neue Informationen aufgewühlt wird, durchaus nützlich sein können», so der Ökonom. Dann nämlich sorgten die Computerprogramme schlicht dafür, dass genügend Liquidität am Markt vorhanden sei – sie funktionierten als eine Art Schmiermittel.

Problematisch wird es nach Hautschs Worten erst dann, wenn die Märkte aufgewühlt seien – wie etwa während der Eurokrise, wenn ständig neue Informationen verarbeitet werden müssten. «In solchen volatilen Marktphasen, wenn etwas schief läuft, wenn der Markt in eine Richtung abdriftet, entstehen durch die Schnelligkeit und die starke Verzahnung der unterschiedlichen Handelsplattformen zusätzliche Risiken.»

Hochfrequenzhandel in der Schweiz

Auch an der SIX Swiss Exchange wird ein Teil des Handels über Hochleistungsrechner abgeschlossen – wie hoch genau der Anteil des Hochfrequenzhandels ist, kann die SIX nach eigenen Angaben aber nicht sagen. Er liegt schätzungsweise bei 20 Prozent. «Wenn sie so viele Titel an so vielen verschiedenen Börsen und Handelsplätzen haben, dann können sie das nur noch mit einem elektronischen Auge überwachen», sagte Börsenchef Christian Katz im Januar gegenüber dem Wirtschaftsmagazin ECO des Schweizer Fernsehens.

Bei auffälligen Ausschlägen kommen auch in der Schweiz so genannte «Circuit Breaker» zum Einsatz – Sicherheitssysteme, die den Handel vorübergehend unterbrechen. Die Finanzmarktaufsicht Finma «beobachtet» die Entwicklung, wie Sprecher Tobias Lux auf Anfrage sagte. Die Finma sei zudem über die IOSCO, eine internationale Vereinigung von Aufsichtsbehörden und Börsenbetreibern, über mögliche länderübergreifende Entwicklungen im Bilde. Derzeit gilt es jedoch als eher unwahrscheinlich, dass der Hochfrequenzhandel auf internationaler Ebene reguliert wird.

Dann nämlich könnten die Systeme rasch aus dem Ruder laufen und nur schwer gestoppt werden – ganz so wie im Fall Knight Capital. Im schlimmsten Fall könne dann nur noch die Notbremse gezogen werden, so Experte Hautsch. «Dann muss man den Handel anhalten, innehalten und mit einem geordneten Preisstellungsverfahren wieder in Gang setzen.» Dass es eine solche Volatilitätsunterbrechung im jüngsten Fall nicht gegeben habe, erschliesse sich ihm nicht.

Hautsch sähe ohnehin lieber Systeme, die den Handel fortlaufend überprüften und das ganze verlangsamten, «bevor der Zug an die Wand fährt». Dass es solche Systeme nicht flächendeckend gibt, ist in den Worten des Experten einfach erklärt: «Die meisten Leute, die man dazu befragt, geben eigentlich zu, dass sie die Komplexität der Märkte heute nicht mehr durchschauen.» Die komplexen Systeme der Hochfrequenzhändler liessen sich aber nur mit Überwachungssystemen kontrollieren, die mindestens ebenso komplex wären. «Man müsste letztlich den gleichen Aufwand betreiben wie die Anbieter selbst – schon das scheint fast ausgeschlossen.»

Mensch gegen Maschine

Letztlich so Hautsch sei ohnehin wieder der Mensch gefragt: «Wir müssen an Überwachungssystemen arbeiten, die uns sagen, wann wir die automatisierten Systeme schlichtweg abschalten müssen.» In Phasen, in denen etwas schief laufe, sei der Mensch der Maschine noch immer haushoch überlegen – weil er auf Erfahrungen zurückgreifen könne und in der Lage sei, den gesamten Markt zu überblicken. «Der Computer wird dem Menschen in dieser Hinsicht nie das Wasser reichen können – das wurde uns letzte Woche deutlich vor Augen geführt.» 

Computerpannen an den Börsen

Technische Probleme waren in der Vergangenheit schon häufiger für Zwischenfälle im Wertpapierhandel verantwortlich. Einige Fälle der jüngeren Vergangenheit.
 
Mai 2012: Das Börsendebüt von Facebook wurde massiv durch technische Probleme bei der Nasdaq behindert. Das Handelssystem war überfordert, die Händler wussten zum Teil stundenlang nicht, ob ihre Aufträge ausgeführt wurden. Allein die Schweizer Grossbank UBS schätzt laut Medienberichten ihren Verlust auf 350 Millionen Dollar.

Februar 2012: An der Börse in Tokio musste der Handel mit 241 Aktien wegen Problemen mit dem Informationssystem vorübergehend ausgesetzt werden. Bereits im November 2005 setzte die Tokioter Börse den Aktienhandel wegen Schwierigkeiten mit der Computersoftware einen halben Tag aus. 

Mai 2010: Der Kurs des US-Standardwerteindex' Dow Jones fällt binnen Minuten um rund 1000 Punkte. Hier lösten Computerprogramme von Hochfrequenz-Händlern eine Verkaufskaskade aus, während derer der Preis für einige Aktien auf null Dollar fiel. Nach etwa einer halben Stunde war der Spuk vorbei, und der Dow fast wieder dort, wo er vor seinem Absturz gelegen hatte.