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Kultur

Überraschender Gewinner am Filmfestival Locarno

Tobias Bühlmann, Locarno
Samstag, 11. August 2012, 22:03 Uhr

«La Fille de nulle part» heisst der überraschende Gewinner des Goldenen Leoparden am Filmfestival Locarno. Neben einem starken Wettbewerb hatte das Festival in diesem Jahr viele bewegende Momente zu bieten – aber auch einen Schweizer Film, dem eine Sternschnuppe die Schau stahl.

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Der Gewinnerfilm «La Fille de nulle part» von Jean-Claude Brisseau handelt von einem pensionierten Mathematik-Professor, der eines Tages eine junge Obdachlose verletzt in seinem Treppenhaus findet. Die Frau, die er bei sich aufnimmt, bringt frischen Wind in sein Leben, doch tragen sich plötzlich auch mysteriöse Dinge zu in seiner Wohnung.

Der Film wurde mit geringsten Mitteln produziert, Drehort war die Wohnung des Regisseurs. «Für mich war der Film schlicht ein Genuss», sagte Jury-Mitglied Roger Avary. Für den US-Drehbuchautor ist der Film ein Vertreter der neuen  Neuen Welle, wie er vor den Medien sagte. Ganz besonders mochte er die Genre-Qualitäten, die der Film bot: «It scared the shit out of me», so Avery unverblümt.

Keine Chance für Schweizer Filme

Der internationale Wettbewerb hatte in diesem Jahr insgesamt viel zu bieten, das Niveau der Filme war hoch. Die beiden Schweizer Beiträge, die Dokumentarfilm-Satire «Image Problem» und das Film-Essay «The End of Time», gingen angesichts der starken Konkurrenz indes leer aus. Auch die Tessiner Produktion «Tutti Giù», in der Skistar Lara Gut eine tragende Rolle spielt, ging in der Sektion Cineasti del presente leer aus.

Der Publikumspreis für den besten Film auf der Piazza Grande geht an das Kries-Drama «Lore». Die Geschichte handelt von einer Gruppe Kinder, die sich in den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs quer durch das versehrte Deutschland zu ihrer Grossmutter durchschlagen. Ihre Eltern, ranghohe Nazis, wurden von den Alliierten festgenommen. Auf ihrer Reise werden die Kinder mit den Folgen des Handelns ihrer Eltern konfrontiert.

Harry Belafonte und Gael Garcia Bernal begeisterten

Mit zu den bewegendsten Momenten des Festivals gehörte der Auftritt des US-Sängers, Schauspielers und Menschenrechts-Aktivisten Harry Belafonte. Er wurde vom Festival mit einem goldenen Ehrenleoparden für sein Lebenswerk geehrt.

Der 85Jährige erhielt vom Publikum der Piazza Grande stehende Ovationen. Der charismatische Belafonte bedankte sich mit heiserer Stimme beim Publikum. «Ich empfinde diesen Preis vor allem als Ehrung meines lebenslangen Kampfs für die soziale Gerechtigkeit», sagte Belafonte in seiner Dankesrede.

Der wohl gefragteste Gast in diesem Jahr war Gael Garcia Bernal. Der mexikanische Schauspieler wurde vom Festival mit einem Excellence Award geehrt. Bernal, der mit «Amores Perros» weltbekannt wurde, lockte die Massen auf die Piazza zur Präsentation seines jüngsten Filmes. «No» handelt von der Fernsehkampagne, die der Pinochet-Diktatur ein Ende bereitete. Bernal spielt darin einen charismatischen jungen Werber.

Sternschnuppe schlägt «Das Missen-Massaker»

Viel Aufmerksamkeit hat im Vorfeld die Premiere von «Das Missen-Massaker» erhalten. Die Horror-Komödie ist der jüngste Film des Schweizer Erfolgsregisseurs Michael Steiner, der mit «Grounding – Die letzten Tage der Swissair» und «Mein Name ist Eugen» Grosserfolge feierte.

«Das Missen-Massaker» kann an diese Erfolge allerdings kaum anknüpfen. Die Geschichte war derart flach, dass eine Sternschnuppe über der Leinwand während der Vorführung dem Film problemlos die Schau stahl. Entsprechend gab es am Ende für die Komödie statt Applaus überwiegend Buhrufe und Pfiffe – was auf der Piazza Grande nur selten vorkommt.

Abgeschlossen wurde die 65. Ausgabe des Filmfestivals Locarno vom Dokumentarfilm «More Than Honey» des Schweizer Autorenfilmers Markus Imhoof.