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US-Wahlkampf 2012

«Obama muss klarmachen, was Romneys Sieg bedeuten würde»

Interview: Andrea Krüger
Samstag, 11. August 2012, 10:33 Uhr

Der US-Wahlkampf, da sind sich viele Beobachter einig, wird derzeit so hart geführt wie noch nie zuvor. «SF Online» sprach darüber mit dem Politikberater Julius van de Laar. Der Deutsche, der 2008 zum Wahlkampfteam von Barack Obama gehörte, hält dessen Basisbewegung für eine der grössten Stärken, «vor allem, wenn es am Ende wirklich knapp wird».

Bild US-Präsident Barack Obama bei einer Wahlkampfveranstaltung Anfang August in Ohio.
US-Präsident Barack Obama, hier bei einer Wahlkampfveranstaltung Anfang August in Ohio. keystone

Noch gut drei Monate bleiben den beiden Kandidaten Barack Obama und Mitt Romney bis zur Präsidentenwahl am 6. November. Praktisch alle Umfragen deuten im Augenblick auf einen knappen Ausgang hin. Wieso ist der enorme Vertrauensvorsprung, den Obama einmal hatte, so sehr geschrumpft?

Julius van de Laar: Jeder weiss, dass die Wahl sehr knapp ausfallen wird. Am Ende wird es zwischen Obama und Romney – wie fast bei jeder Wahl im Übrigen – wohl um ein paar Prozentpunkte gehen. Obama hat nach acht Jahren unter George W. Bush 2008 ein schweres Erbe angetreten – die wirtschaftliche Lage war katastrophal, verschärft durch die Finanzkrise von 2008. Die USA befanden sich damals an einem Tiefpunkt. Und obgleich Obama viele Erfolge durchsetzen konnte – die Gesundheits- und Finanzmarktreform, das Ende des Irak-Krieges – interessieren sich die Wähler vor allem dafür, wie die wirtschaftlichen Probleme gelöst werden können. «It's the economy, stupid» – diese Wahlkampfweisheit gilt noch immer. Sicher hilft es, dass in den vergangenen 20 Monaten kontinuierlich neue Jobs geschaffen wurden. Die Frage wird sein: Ist das ausreichend?

Was denken Sie?

Es geht bergauf. Obamas Team steht nun vor der Herausforderung, die Wähler von diesem Trend zu überzeugen und ihnen Zuversicht und Hoffnung zu vermitteln. Die Botschaft muss sein, dass sich das Land auf dem richtigen Weg aus der Krise befindet. Wenn ihm das gelingt, wenn die Amerikaner ihm das glauben, dann hat er auch gute Karten, die Wahl zu gewinnen.

Zur Person

Julius van de Laar, 29, ging 2003 mit einem Sportstipendium und dem Traum von einer Basketballkarriere in die USA. Nach mehreren Verletzungen konzentrierte sich der Deutsche auf sein Politik- und Wirtschaftsstudium und gründete an der Furman-Universität von South Carolina zusammen mit Freunden einen Unterstützerclub für Barack Obama, damals noch Senator von Illinois. Wenig später wurde van de Laar hauptamtlich in dessen Team berufen – als so genannter Youth Vote Director sollte er in Missouri möglichst viele junge Wähler von Obama überzeugen. 2009 brachte er seine Erfahrungen als Berater in den deutschen Wahlkampf ein. Heute arbeitet er als Kampagnen- und Strategieberater in Berlin. 

Bild Unterstützte Obama im Wahlkampf 2008: Julius van de Laar.
Unterstützte Obama im Wahlkampf 2008: Julius van de Laar. privat

Immer wieder ist zu lesen, dass der Wahlkampf 2012 nicht nur der teuerste, sondern auch der härteste ist, der je um das Weisse Haus ausgetragen wurde. Sie kennen den Wahlkampf 2008 aus eigenem Erleben und verfolgen den jetzigen mit. Teilen Sie die Einschätzung?

Es gibt einen zentralen Unterschied zu früheren Wahlkämpfen und dieser hat mit dem Urteil «Citizen United» des Supreme Court von 2010 zu tun. Seitdem ist es im Prinzip jeder Lobbygruppe erlaubt, beliebig viel Geld in den Wahlkampf zu pumpen. Jeder Milliardär, sogar ein Casinomogul wie Sheldon Adelson, kann nun den Wahlkampf massgeblich beeinflussen, indem er sein Geld an eine so genannte «Super-Pac» gibt.

Was sind «Super-Pacs»?

Politische Aktionsgruppen, die im Wahlkampf 2012 eine zentrale Rolle spielen. Möglich geworden sind sie durch ein Urteil des Obersten Gerichts vom Oktober 2010, mit dem die bis dahin geltende Deckelung von Wahlkampfspenden aufgehoben wurde. Konnten Private bis dahin höchstens 5000 Dollar an ein Aktionskomitee für ihren Kandidaten überweisen, gibt es nach oben hin nun keine Begrenzung mehr. Die «Super-Pacs» dürfen das Geld zwar nicht direkt an den Kandidaten geben, aber in seinem Sinne Lobbying betreiben – etwa in Form von Fernsehwerbung. Beide Kandidaten haben ein solches «Super-Pac»: Mitt Romneys trägt den Namen «Restore our Future» und hat bislang deutlich mehr Geld eingesammelt als Obamas «Priorities USA Action».

Diese «Super-Pacs» haben sicher dazu geführt, dass der Wahlkampf aggressiver geführt wird. Man muss sich nur einmal die Wahlwerbung in den so genannten «Swing States» anschauen – jenen Bundestaaten, in denen noch kein Kandidat einen klaren Vorsprung hat. Es gibt Untersuchungen, wonach dort acht von zehn Fernsehspots der Romney-Unterstützer so genannte «negative ads» sind. In diesen Spots erklärt Romney nicht etwa seine Vision oder warum er der bessere Kandidat ist. Es geht einzig und allein darum, den Kontrahenten in den Schmutz zu ziehen. Die Flut negativer Werbung bleibt beim Wähler ganz sicher nicht ohne Wirkung.

Bedient sich denn auch die andere Seite solcher Mittel?

Es ist belegt, dass Romneys «Super-Pac» beim Geldeintreiben deutlich aktiver ist. Obamas Kampagne verfolgt allerdings auch eine andere Strategie: Bereits 2008 gelang es, durch so genanntes «Grassroots Campaigning» Millionen von Unterstützern mit Hilfe von Internet und Social Media zu mobilisieren und online mehr als 500 Millionen Dollar von rund drei Millionen Spendern einzunehmen. Darin liegt meines Erachtens der zentrale Unterschied zwischen beiden Bewerbern: Barack Obama konnte auf ein bestehendes Netzwerk von Unterstützern und Wahlhelfern zurückgreifen, Mitt Romney musste sein Netzwerk erst aufbauen. Zu Obamas Strategie gehört wie schon 2008 das so genannte «Ground Game»: Das sind Unterstützer, die auf die Strasse gehen, Anrufe machen und in der Nachbarschaft aktiv werden. Das darf man keinesfalls unterschätzen. Basismobilisierung kann am Wahltag den Unterschied machen, insbesondere wenn es in den entscheidenden Bundesstaaten um einige wenige Stimmen geht.

Angenommen, das Telefon klingelt und Obama stellt Sie für den laufenden Wahlkampf als seine rechte Hand ein. Was raten Sie ihm?

Obama ist von ausgezeichneten Beratern und Wahlkampfstrategen umgeben. (lacht) Es gibt im Wesentlichen drei Aspekte, auf die sich seine Kampagne jetzt konzentrieren muss: Message, Money and Mobilization! Das wichtigste ist «Stay on Message»: Obama muss sich deutlich von Mitt Romney abgrenzen und die Konsequenzen verdeutlichen, die Romneys Wahl für den amerikanischen Mittelstand hätte. Gleichzeitig muss er dieser Wählerschicht das Gefühl von Zuversicht vermitteln. Das ist die Kernbotschaft, mit der er die Präsidentschaftswahl gewinnen kann. Zweitens muss Obama weitere Wahlkampfspenden eintreiben. In den kommenden Wochen muss die Botschaft durch Werbung an den Wählern gebracht werden. Drittens sollte die Kampagne weiterhin die freiwilligen Unterstützer mobilisieren, damit die noch unentschlossenen Wähler dazu gebracht werden, Barack Obama zu wählen. Diese Basisbewegung kann einen grossen Unterschied machen wenn es darum geht, unentschlossene und Wechselwähler zu mobilisieren.

Bild Julius van de Laar, hier im Bild mit Obama im Wahlkampf 2008.
Julius van de Laar, hier im Bild mit Obama im Wahlkampf 2008: «Obama muss sich deutlich von Romney abgrenzen» privat

Was macht Romney richtig?

Romney profitiert von der wirtschaftlichen Lage und der schleppenden Entwicklung am Arbeitsmarkt. Je schlechter die Wirtschaft, desto grösser sind seine Gewinnchancen. Vor allem aber darf man die Menge an Geld nicht unterschätzen, die sehr effektiv durch Romneys «Super Pac» eingenommen wird. Ohne diese Spenden wäre Romney längst nicht da, wo er jetzt in den Umfragen steht.