International
Rekordhitze: Globale Folgen der US-Ernteausfälle
Die Rekordhitze in den USA hat weitaus grössere Schäden auf den Feldern angerichtet als bislang gedacht. Das Land senkte jetzt wegen der schlimmen Dürreperiode die Prognose für die Ernte deutlich. Experten warnen vor globalen Konsequenzen der drohenden Lebensmittelverknappung.
Bild
In Folge neuer Schätzungen durch das US-Landwirtschaftsministerium schossen die ohnehin stark gestiegenen Preise für viele Getreidesorten weiter in die Höhe. Die USA sind der grösste Mais- und Sojaproduzent der Welt.
Trockenheit: Heissester Juli der US-Geschichte
«Die USA haben den heissesten Juli in der Geschichte hinter sich», erklärt SF-Wall-Street-Korrespondent Jens Korte. Die Trockenheit im Mittleren Westen sei «so extrem wie seit 56 Jahren nicht mehr». Aber auch die Lage der Landwirtschaft in Brasilien oder Russland sei «ungünstig bis alarmierend».
Für Mais geht das US Departement of Agriculture (USDA) deshalb nunmehr von einer Produktion von 10,8 Milliarden sogenannten Scheffeln (rund 274 Mio Tonnen) aus - das ist der niedrigste Wert seit 2006. Das Ministerium hatte noch im Juli mit rund 13 Milliarden Scheffeln kalkuliert. Das bedeutet, dass durch die Temperaturen von über 40 Grad in vielen Teilen des Landes und die anhaltende Trockenheit binnen eines Monats ein Sechstel der Maisernte vernichtet wurde.
Dritte schlechte Getreideernte in Folge
Auch die Getreideernte dürfte in diesem Jahr rund 13 Prozent niedriger ausfallen als 2011. Damit werde der Ernteertrag der geringste seit 1995 sein. Für die USA als weltgrösster Getreideanbauer und Agrarexporteur wäre es die dritte schlechte Getreideernte in Folge.
Noch drastischer stellt sich die Lage dar, wenn man einkalkuliert, dass die Farmer heute mehr Flächen zum Anbau nutzen als früher. Die amerikanischen Farmer erwarte der niedrigste Flächenertrag seit 17 Jahren, hiess es. Auch bei Sojabohnen drohen massive Ernteausfälle. Dies beförderte Ängste vor einer weltweiten Verteuerung der Nahrungsmittelpreise, die 2008 in vielen Ländern - darunter in Ägypten, Kamerun oder Haiti - soziale Unruhen ausgelöst hatte.
Biosprit-Produktion drosseln
«Hohe Nahrungsmittelpreise sind besonders für arme Länder problematisch, die einen Grossteil ihrer Nahrungsmittel importieren, wie die grosse Mehrheit der afrikanischen Staaten», erklärt Ralf Südhoff vom UNO World Food Programme (WFP). Erhöhten sich die Einfuhrpreise, werde es für diese Länder schwieriger, ihre Bevölkerung zu ernähren. «Viele Haushalte in Entwicklungsländern geben ohnehin 60 bis 80 Prozent ihres Einkommens für Nahrungsmittel aus.»
Auch die Hilfsorganisation Oxfam warnte vor verheerenden Konsequenzen für die Armen. Oxfam und die UNO-Welternährungsorganisation FAO forderten die USA deshalb dazu auf, den Anbau von Biosprit zu drosseln. Jetzt müsse die Produktion von Nahrungsmitteln Vorrang haben. An der Börse in Chicago kletterten die Preise für Mais derweil am Freitag auf ein neues Allzeithoch.
Lebensmittel als Renditeobjekt
Die weltweiten Lebensmittelpreise sind nach Berechnungen der UNO im Juli durchschnittlich um sechs Prozent nach oben gegangen. Nach den jüngsten Angaben der Weltbank von Ende Juli sind die Preise für wichtige Nahrungs- und Futtermittel seit Mitte Juni stark gestiegen: der Preis für Weizen um 50 Prozent, der für Mais um 45 Prozent. Der Preis für Soja kletterte seit Anfang Juni um 30 Prozent, seit Ende 2011 sogar um 60 Prozent.
Erschwerend hinzu kommt, dass Lebensmittel längst Renditeobjekte sind, auf deren Preisentwicklung viele Finanzanleger zocken. Einer grossangelegten Studie («Die Hungermacher») der Verbraucherschutzorganisation Foodwatch zufolge beträgt beispielsweise der Anteil der zu spekulativen Zwecken gehaltenen Kontrakte an der weltgrössten Rohstoffbörse in Chicago 80 Prozent.
Wegen der ultralockeren Geldpolitik der grossen Notenbanken rund um den Globus vagabundiert immer mehr Finanzkapital um den Globus, das unter anderem an die Rohstoffmärkte strömt.
UNO: Anhaltend hohe Lebensmittelpreise
Obwohl die jüngste Entwicklung vor allem vom Wetter bedingt ist, rechnen Experten auch langfristig mit weiterem Preisauftrieb. Der könnte dramatische Konsequenzen haben, warnen Hilfsorganisationen.
Der von der Welternährungsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) veröffentlichte Lebensmittel-Preisindex ist im Juli um sechs Prozent auf 213 Punkte gestiegen. Auch wenn das Barometer von seinem im Februar 2011 erreichten Höchststand von 238 Zählern deutlich entfernt bleibt, sind Entwicklungshelfer besorgt.
Denn das aktuelle Niveau des FAO-Index liegt über dem der Ernährungskrise 2008. Damals war es weltweit zu Unruhen gekommen. «Es gibt viele Anzeichen dafür, dass die hohen Lebensmittelpreise in den kommenden Jahren anhalten werden», so die FAO.
Wetterbesserung bringt keine Entspannung
Doch selbst wenn sich die Lage an der Wetterfront wieder entspannen sollte, könnte die Versorgung kritisch bleiben. «Auch langfristig sehen wir die Gefahr einer Verteuerung der Agrarrohstoffe», sagt Eugen Weinberg, Experte von der Commerzbank. Die Ursache dafür sei neben steigenden Produktionskosten die steigende Nachfrage aus den Schwellenländern, wo die Menschen sich auf eine proteinhaltigere Ernährung umstellten.
Es gibt etliche weitere Faktoren, die für steigende Preise sprechen. Das rasante Wachstum der Weltbevölkerung: Laut Daten des UN-Bevölkerungsfonds kommen zu den rund sieben Milliarden jede Sekunde statistisch 2,6 Menschen hinzu. Etwa eine Milliarde Menschen hungern. «Ein weiterer Grund ist die Produktion von Ethanol und Biodiesel, die hauptsächlich aus Mais, Zucker, Palmöl oder Sojabohnen hergestellt werden», so Experte Weinberg. Dazu spielten die steigenden Energiepreise indirekt eine wichtige Rolle bei der Lebensmittelverteuerung.
Sturm in Mexiko trifft die Landwirtschaft
Nach seinem Zug über die Halbinsel Yucatán ist der Wirbelsturm «Ernesto» erneut in Mexiko eingefallen. Acht Bundesstaaten sind von den schweren Regenfällen des Sturmes betroffen. Insgesamt kamen mindestens sechs Menschen ums Leben.
In Veracruz, Oaxaca, Puebla und in Chiapas traten zahlreiche Flüsse und Bäche über die Ufer, zahlreiche Häuser wurden beschädigt und insgesamt mehrere Hundert Menschen aus gefährdeten Gebieten in Sicherheit gebracht.
Maisfelder und Bananenplantagen betroffen
Die Meteorologen des US-Hurrikanzentrums in Miami warnten vor anhaltenden Regenfällen, die in weiten Teilen Zentralmexikos Überschwemmungen und Bergrutsche auslösen könnten.
Auf der Halbinsel Yucatán hatte der Wirbelsturm zuvor Sachschäden angerichtet. In den Bundesstaaten Quintana Roo und Campeche wurden nach Medienberichten Maisfelder und Bananenplantagen sowie zahlreiche Häuser beschädigt.
(agenturen/sf/halp)



