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Vermischtes

Streetparade feiert 2 Jahrzehnte und 3 Nullen

Freitag, 10. August 2012, 8:09 Uhr, Aktualisiert 11.08.2012, 4:18 Uhr

Am 5. September 1992 dröhnten die Bässe der Elektromusik erstmals durch die Zürcher Gassen. Nur etwa 1000 Fans feierten die Geburtsstunde der Streetparade. Seither haben sich die Besucherströme vervielfacht: 1'000'000 und somit 3 Nullen mehr waren es 2001. Auch diesen Samstag werden Hunderttausende erwartet.

Mathematikstudent Marek Krynski hatte vor 20 Jahren die Idee, das Modell der Loveparade in Berlin nach Zürich zu bringen. Er reichte bei der Stadtpolizei eine Eingabe für eine «Demonstration für Liebe, Friede, Freiheit, Grosszügigkeit und Toleranz» ein. Diese wurde bewilligt – zwischen 1000 und 2000 Anhänger der damals noch neuartigen elektronischen Musik tanzten durch die Bahnhofstrasse.

«Wumm, wumm, wumm» erschallt es seither jährlich – zwar nicht mehr aus der Zürcher Vorzeigeallee, jedoch rund ums Seebecken. Die besten DJs der Schweiz und der Welt stehen jeweils an vorderster Front und heizen den hunderttausenden Tanzwütigen ein.

In der Garage festgesteckt

Einiges hat sich verändert seit der Gründung, sagt das heutige Vorstandsmitglied des Vereins Streetparade, Stefan Epli, zu «SF Online». Die grösste Veränderung habe die Musik durchgemacht. «Heute gibt es ganz andere Möglichkeiten.» Die Stilrichtungen innerhalb der elektronischen Musik seien vielfältiger geworden. Die Musik habe sich in der Bevölkerung etabliert.

Auch fix installierte Bühnen kamen im Verlauf der Zeit mit dazu. Diese dienen laut Stefan Epli vor allem dazu, die Tänzer von den neuralgischen Plätzen wegzulotsen – damit keine Nadelöhre entstehen, die gefährlich werden könnten. Die Route wurde in den letzten 20 Jahren zweimal geändert – erst von der Bahnhofstrasse weg, später wurde sie einfach gedreht. «Wegen der Lärmbelastung am Abend im Seefeld», so Epli.

Gerne erinnert er sich an den einen oder anderen Zwischenfall. Einmal sei ein Lovemobile in einer Garage zusammengebaut worden, erinnert sich Epli. Und dann sei es dort nicht hinausgekommen – zu gross. «Der Betreiber musste alles wieder auseinanderbauen und vor der Garage wieder montieren.» Doch er habe es noch geschafft.

Stark verändert hat sich auch das Sicherheitskonzept. Remo Michel war 18 Jahre lang Sicherheitsverantwortlicher der Streetparade. 2010 – nach dem Unglück bei der Loveparade in Duisburg – hörte er auf. Zufall, wie er sagt. Sein Rücktritt habe schon lange vorher festgestanden.

Partydroge Speed (10vor10, 10.08.2012)

Warnung vor neuen Designerdrogen

Das Schweizerische Toxikologische Informationszentrum warnt im Vorfeld der Streetparade vom 11. August vor neuartigen Drogen. Gerade in letzter Zeit würden häufig neue Designerdrogen («Research Chemicals», «Badesalz», «Spice») konsumiert, die oft auch von auswärtigen Besuchern in die Limmatstadt gebracht würden, schreibt das Institut in einer Mitteilung. Die Nebenwirkungen und Folgen dieser Drogen seien nicht absehbar.

In den Anfangsjahren habe es kein erkennbares Sicherheitskonzept gegeben, sagt Michel. «Aber die Ansprüche wuchesn mit der Parade mit.» So habe in den letzten 20 Jahren eine Professionalisierung stattgefunden. «Es musste sich beispielsweise ein Bewusstsein dafür entwickeln, dass man auf dem Wagen nicht einfach nur tanzen kann, sondern dass da stellenweise auch 20‘000 Volt drüber laufen.»

Andere Situation als in Duisburg

In besonderer Erinnerung hat er die Streetparade von 2002 – dort hat es geregnet, was das Zeug hält. Michel denkt gern an diese Parade vor 10 Jahren zurück. «Wir haben bewiesen, dass das Konzept auch im Regen funktioniert.»

Das Sicherheitsbewusstsein habe sich nach Duisburg noch verstärkt. Das Ereignis vom Juli 2010 mit 21 Toten nach einer Massenpanik hat die kurz darauf stattfindende Streetparade in die mediale Öffentlichkeit katapultiert. «Plötzlich stand ich im Rampenlicht», sagt Remo Michel, «und musste das Konzept erklären – ständig und jedem».

Man könne Zürich und Duisburg nicht vergleichen, betont Michel. In Zürich gebe es kein solches Nadelöhr mit nur einem Ein- und Ausgang. Zudem hatte man schon Erfahrung nach über 15 Durchführungen auf immer demselben Gelände. Doch man habe das Konzept gemeinsam mit der Stadt noch einmal überdacht.

Dies bestätigt auch Daniel Leupi, Polizeivorsteher der Stadt Zürich. Er erteilt der Streetparade jedes Jahr aufs Neue die Bewilligung. Man habe wenige Massnahmen verändert nach Duisburg. Beispielsweise seien Stolperfallen beim Bürkliplatz und auf der Quaibrücke entfernt worden.

Bild Mehrere Frauen in weissen Badekleidern tanzen auf einem Wagen.
Seit 20 Jahren gehören sie einmal pro Jahr zum Zürcher Stadtbild: die Tänzerinnen auf den Lovemobiles. keystone/archivbild

Die Streetparade nicht mehr zu bewilligen, ist für Leupi aber keine Option. «Der Anlass hat im Kalender der Stadt Zürich einen sehr hohen Stellenwert. Er gehört zu den Topanlässen», betont er. Auch wenn es hin und wieder kleinere verbale Gefechte mit den Veranstaltern gebe.

Faszinierende Lebensfreude

«Diese fühlen sich manchmal benachteiligt – gerade was das Wegräumen des Abfalls  oder den Aufwand von Polizei oder Schutz und Rettung betrifft.» Doch er sagt auch: «Es gibt keinen anderen Event in der Stadt, der in einem ähnlichen Ausmass mit Lärm, Alkohol und Drogen zu kämpfen hat.»

Dennoch habe er auch schon vor seiner Zeit als Polizeivorsteher die Streetparade besucht. Und auch jetzt, als Stadtrat, sei er immer dabei, wenn er Zeit habe. Schliesslich seien die Ausgelassenheit und Lebenslust der Raver «faszinierend». «Das lässt einen nicht kalt.»

(sf/gern)