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International

«Dieser Konflikt wird militärisch entschieden»

Interview: Andrea Krüger
Freitag, 10. August 2012, 11:44 Uhr

Seit Wochen liefern sich Armee und Aufständische in Syrien schwere Gefechte um die beiden grössten Städte Damaskus und Aleppo. Eine rasche Entscheidung zeichnet sich nicht ab – ebensowenig wie eine politische Lösung des Konflikts. «Was begonnen hat als Aufstand verarmter Syrer, ist längst zu einem Stellvertreterkrieg geworden», sagt der Nahostexperte Michael Lüders.

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Häuserkampf: «Der Versuch der Aufständischen, den Krieg nach Damaskus und Aleppo zu tragen, ist gescheitert» keystone

In den vergangenen Wochen war immer wieder davon die Rede, dass in Aleppo und in Damaskus die alles entscheidenden Kämpfe ausgetragen würden. Nun sieht es so aus, als könnten sich die Gefechte noch hinziehen. Wie schätzen Sie die Kräfteverhältnisse zurzeit ein?

Michael Lüders: Zunächst einmal muss man sagen, dass der Versuch der Aufständischen, den Krieg in die Hauptstadt Damaskus und in die Wirtschaftsmetropole Aleppo zu tragen, gescheitert ist. In beiden Fällen haben sie nicht die Unterstützung der sunnitischen Mittelschicht erhalten, die entweder auf Seiten von Baschar al-Assad steht oder sich in diesem Konflikt neutral verhält. Das war eine Fehleinschätzung seitens der Aufständischen. Oder – was schlimmer wäre – sie haben den Krieg in diese beiden Metropolen getragen im Wissen, ihn zwar nicht gewinnen zu können, aber der internationalen Öffentlichkeit damit Bilder zu liefern, die das Regime in einem besonders schlechten Licht erscheinen lassen.

Der Skrupellosigkeit des Regimes, ohne Rücksicht auf Verluste gegen die eigene Bevölkerung vorzugehen, stehen die Aufständischen in ihrer Entschlossenheit in nichts nach, den Krieg nach Aleppo und nach Damaskus zu tragen – ohne Rücksicht auf Verluste und obwohl sie wissen müssten, dass sie diese beiden Städte zumindest im Moment nicht erobern, geschweige denn halten können.

Michael Lüders

Zur Person

Michael Lüders, Jahrgang 1959. Nahostexperte. Im Vorstand der Deutschen Orient-Stiftung und im Beirat des Nah- und Mittelostvereins Numov. Studierte arabische Literatur in Damaskus sowie Islamwissenschaften, Politologie und Publizistik in Berlin. Langjähriger Nahostkorrespondent der «Zeit». Hat verschiedene Lehraufträge und Beratermandate. 

Wie lange kann das noch so weitergehen?

Lüders: Über zeitliche Abfolgen nachzudenken, ist zu früh. Ich bin überzeugt, dass das Regime Assad stürzen wird, aber es kann sich noch Monate hinziehen, bis das tatsächlich geschieht. Die Alawiten – jene religiöse Minderheit, die in Syrien an der Macht ist – wissen genau, dass es für sie gefährlich wird, wenn sie die Macht an die sunnitische Mehrheitsbevölkerung verlieren, weil dann Vergeltungsmassnahmen von radikalen Sunniten drohen. Deswegen muss man davon ausgehen, dass weite Teile der alawitischen Bevölkerung weiter zu Assad stehen werden – bis zu seinem Sturz.

Auf internationaler Ebene ist die Situation weiterhin verfahren. Die UNO ist blockiert. Gleichzeitig hört man immer wieder, dass längst von aussen eingegriffen wird – sei es über Waffenlieferungen an das Regime oder an die Aufständischen. Wie stark wird dieser Krieg bereits von aussen beeinflusst?

Lüders: Was begonnen hat als ein Aufstand der verarmten syrischen Landbevölkerung und der perspektivlosen Jugend, ist längst zu einem Stellvertreterkrieg für regionale und internationale Akteure geworden. Die internationale Einflussnahme geschieht von zwei Seiten: Zunächst einmal haben die Türkei, Saudi-Arabien und Katar beschlossen, die Aufständischen in Absprache mit den USA zu unterstützen. Auf diese Weise soll die Achse Syrien-Iran geschwächt werden. Die Gleichung ist einfach: Kommt es zu einem Sturz des Regimes, werden Sunniten die Macht übernehmen. Und eine sunnitische Regierung – egal, wie sie im Einzelnen verfasst sein wird – dürfte die engen Bindungen zum Iran kappen. 

Aus genau diesem Grund gibt es einen zweiten Block mit Iran, Russland und China, die wiederum Assad um jeden Preis unterstützen. Sie wollen verhindern, dass es zu einem Regimewechsel und damit zu einer Neuordnung des geopolitischen Einflusses in der Region kommt. Hinzu kommt, dass Russland befürchtet, dass der westliche Einflussbereich sich weiter an die eigenen Grenzen ausdehnen könnte. Käme es zu einem Krieg gegen Iran, wäre Russland direkt betroffen. Das wollen weder die Russen, die Chinesen noch die Iraner. Insofern hat es eine Internationalisierung des Konflikts längst gegeben.

Gibt es noch irgendeine Möglichkeit, den Konflikt politisch beizulegen?

Lüders: Nein. Dieser Konflikt wird militärisch entschieden. Es gibt keine Möglichkeit der diplomatischen Einflussnahme mehr. Kofi Annan (der inzwischen zurückgetretene Syrien-Sondergesandte der UNO – Anm. der Redaktion) , dessen Friedensplan gedacht war als ein Vermittlungsangebot an Rebellen und Regierung, ist an der Blockadepolitik der Grossmächte gescheitert. Im Grunde genommen setzt sich der Kalte Krieg in Syrien fort – mit den USA auf der einen und Russland und China auf der anderen Seite.

Es war ein grosser Fehler der USA und der Europäer, dass man nicht versucht hat, die russische Führung in eine Lösung der Syrien-Krise einzubinden. Stattdessen hat man Ultimaten gestellt – verbunden mit moralischen Untertönen, für die Russland nicht empfänglich ist.

Die russische Führung sieht ihre Interessen bedroht und ist nicht bereit, ohne Gegenleistung Zugeständnisse zu machen. Das ist ein Versäumnis internationaler Politik. Vor allem dem Westen ist hier der Vorwurf zu machen, dass man seit dem Ende der Sowjetunion nicht gelernt hat, mit der russischen Führung sachlich zu verhandeln, Interessensgegensätze auszuloten und vor allem auch Angebote zu machen. Dafür zahlen nun die Syrer einen sehr hohen Preis.

Die syrische Opposition ist nur schwer greifbar. Welches sind ihre einflussreichsten Kräfte? 

Lüders: Das kann man zum jetzigen Zeitpunkt nicht ausmachen. Wir wissen relativ wenig über die Freie Syrische Armee – ausser, dass Soldaten oder Milizionäre, die sich ihr anschliessen, von Saudi-Arabien oder Katar ein monatliches Salär von 300 Dollar beziehen. Die politischen Ausrichtungen sind hingegen völlig ungewiss.

Tatsache ist, dass die im Ausland befindliche syrische Opposition, verkörpert durch den Syrischen Nationalrat, für die Entwicklung in Syrien überhaupt keine Rolle spielt. Derzeit geben lokale Kommandanten den Ton an und Milizionäre, die versuchen, sich für eine Zeit nach Assad zu positionieren. Ebenso warten viele, die übergelaufen sind und sich nun überwiegend in Katar aufhalten, darauf, für eine neue politische Ordnung noch einmal gerufen zu werden.

Wie könnte eine solche Ordnung denn aussehen?

Lüders: Für genaue Vorhersagen ist es zu früh, dafür wissen wir zu wenig. Fest steht, dass Syrien auf absehbare Zeit ein instabiles Land bleiben wird mit verschiedenen Machtzentren. Möglicherweise wird Syrien denselben Weg nehmen wie der Irak nach dem Sturz von Saddam Hussein oder wie Libanon nach dem Ende des Bürgerkriegs. Schwierig zu beantworten ist die Frage: Wie wird es gelingen, die verschiedenen ethnischen und religiösen Strömungen so zu bündeln, dass sie ihre Divergenzen friedlich lösen und nicht in Form von Massakern. Darauf hat im Augenblick noch niemand eine Antwort.

Es ist auch illusionär zu glauben, dass Assad bereits so gut wie gestürzt sei – auch wenn das der Tenor vieler Meldungen ist, wenn wieder über einen Überläufer berichtet wird. Ich glaube, Assad sitzt noch immer relativ fest im Sattel. Diejenigen, die sich von ihm abgewendet haben, sind überwiegend Sunniten oder Alawiten aus der Peripherie. Das innere Zentrum der alawitischen Macht funktioniert nach wie vor und hat noch keine Überläufer gesehen. Und diese Leute werden kämpfen. Es ist auch vorstellbar, dass Syrien ähnlich wie Jugoslawien zerfällt und verschiedene ethnische und religiöse Gruppen zunächst einmal ihr eigenes Fürstentum begründen.

Zivilisten harren im umkämpften Aleppo aus

Die Kämpfe um Syriens zweitgrösste Stadt Aleppo dauern an. Der Ausgang der Gefechte könnte entscheidend sein für den weiteren Verlauf des Konflikts. Laut dem Schweizer Journalisten Kurt Pelda, der sich derzeit in Aleppo befindet, können viele Zivilisten nicht fliehen. Mehr.

Was würde das für die Region bedeuten?

Lüders: Von Henry Kissinger stammt der Satz: «Es ist im Nahen Osten kein Krieg denkbar ohne Ägypten und kein Frieden ohne Syrien.» Diese Einschätzung aus den 1970er Jahren ist auch heute in der Sache noch richtig. Je länger die Instabilität in Syrien andauert und der Bürgerkrieg sich fortsetzt, umso grösser ist die Wahrscheinlichkeit, dass Nachbarländer hineingezogen werden.

Das haben wir bereits gesehen in Libanon, wir werden es auch in diesem Konflikt erleben. Das syrische Regime und die Armee haben die kurdischen Gebiete im Nordosten de facto an die PKK abgetreten – aus dem Kalkül heraus, dass die PKK als Erzfeind der türkischen Regierung dieses Angebot natürlich gerne annimmt und von Syrien aus Aktionen in der Türkei durchführt. Das hätte zur Folge, dass die Türkei in den Syrien-Krieg hineingezogen wird und dort möglicherweise eine ähnliche Erfahrung macht wie die USA im Irak.