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Schweiz

Die Welt wird zum Dorf – auch für Käfer und Co.

Christa Gall
Dienstag, 7. August 2012, 11:16 Uhr

Sie überqueren die Schweizer Grenze ohne Bewilligung und sind ganz schön gefährlich – immer mehr ausländische Schädlinge bedrohen hiesige Kulturpflanzen.

Sie verstecken sich in Holzpaletten, in Mangolieferungen oder wandern selber über die Alpen. Sie flüchten aus amerikanischen Monokulturen, italienischen Äckern, asiatischen Wäldern. Und oft machen sie – kaum bei uns angekommen – Zoff. Denn sie sind unangepasst, haben hier keine Widersacher, verdrängen einheimische Arten.

«In den letzten zehn bis zwanzig Jahren hat die Einwanderung der Arten aus anderen biogeographischen Regionen klar zugenommen», sagt Jörg Samietz, Leiter der Zoologie an der Forschungsanstalt Agroscope in Wädenswil (ZH). Der vermehrte Austausch von Handelsgütern weltweit sei ein Grund. Ein anderer der Klimawandel.

Die Schweiz bietet gute Nahrung

Zum Beispiel der Asiatische Laubholzbockkäfer. Er konnte sich bei uns dank Granitsteinen aus Ostasien einschleichen. Per Schiff kam er im Verpackungsholz her, das Klima gefiel ihm ganz gut. Und auch das Nahrungsangebot behagte ihm: An Ahornarten, Rosskastanien, Pappeln, Birken und Weiden tut er sich gütlich. Auch Obstkulturen gehören zu seinen Leibgerichten.

Oder die Wallnussfruchtfliege. Ursprünglich im Südwesten der USA und in Mexiko heimisch, gelangte sie per Schiff oder Flugzeug nach Italien und breitete sich dort aus. Das war in den 1980er-Jahren. Lange Zeit waren die Alpen eine unüberwindbare Kältebarriere. «Und nun hat es die Fruchtfliege wegen der globalen Erwärmung auch zu uns geschafft», so Samietz. Hier frisst sie, was sie anderswo schon immer frass, die fleischige Schale der Nuss. Diese wird schleimig-feucht und schwarz.

Sie übertrumpfen die Heimischen

Ob Edelkastaniengallwespe, Buchsbaumzünsler oder Maiswurzelbohrer. Die Winzlinge haben eines gemeinsam: Sie kommen aus mediterranen oder gemässigten Gebieten Asiens oder Amerikas und richten hier grosse Schäden an. Nur – warum sind sie für unsere Pflanzen gefährlicher als die heimischen Käfer, Fliegen und Raupen?

«Es fehlen oft die natürlichen Gegenspieler», sagt Forscher Samietz. Sein Forscherteam hat etwa viele tausend Larven der Wallnussfruchtfliege gesammelt. Befund: In keiner der Larven hat das Team einen Parasitoiden gefunden. «Bei heimischen Arten sind mindestens 10 Prozent der Larven mit Parasitoiden befallen.»

Nachhaltige Bekämpfung schwierig

Die natürlichen Feinde importieren – das hilft selten. «Die befallen dann oft auch andere heimische Arten oder verdrängen sie», erklärt Samietz. Typisches Beispiel ist der Asiatische Marienkäfer. In holländischen und französischen Gewächshäusern frass er, eingesetzt vom Menschen, die schädlichen Blattläuse von den Pflanzen. Heute verdrängt er in weiten Teilen Europas die heimischen Marienkäfer.

Bei den ausländischen Schädlingen müssen zuerst meist Insektizide helfen. Aber: «Ziel ist es, auch für neue Schädlinge nachhaltige Bekämpfungsstrategien zu finden, das dauert mitunter lange und kostet Zeit», so Samietz. Die Forscher suchen etwa nach Pheromonen, Gerüche, die den Männchen signalisieren, wo das Weibchen sitzt. Werden diese Gerüche gleichmässig in den Kulturpflanzen verteilt, stört dies das Sexualverhalten der Tiere. Sie richten schliesslich keinen relevanten Schaden mehr an.

Also doch eine Grenzkontrolle 

Zwar lassen sich die so genannten Quarantäne-Schädlinge nicht per bilateralem Vertrag an der Grenze aufhalten, doch auch bei den Grenzgängern ohne Pass kommt der Grenzkontrolle grosse Wichtigkeit zu.

Die Behörden am Hafen in Rotterdam oder der Eidgenössische Pflanzenschutzdienst am Flughafen in Zürich kontrollieren stichprobenartig Frachtguten oder auch Touristen. Letztere bringen oft unbewusst Schädlinge in Früchten, Gemüsen oder Schnittblumen mit. Die Beamten prüfen, und blockieren bei allfälligem Befall das Import-Gut.

Mit DNA-Analyse gegen die kleinen Eindringlinge

Der Pflanzenschutzdienst des Flughafens Zürich testet eine neue Waffe im Kampf gegen Quarantäne-Schädlinge. Ein DNA-Schnelltest soll verhindern, dass Schädlinge aus fremden Ländern in die Schweiz eingeschleppt werden. Mehr

Bei allen Kontrollen – «wir werden künftig noch mehr ausländische Schädlinge in der Schweiz haben» , so Samietz. Denn der Handel wird weiter zunehmen, die Klimaerwärmung schreitet voran.