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Kultur

Schweizer «Image-Film» sorgt in Locarno für heftige Diskussionen

Tobias Bühlmann, Locarno
Freitag, 3. August 2012, 21:11 Uhr

Den schlechten Ruf der Schweiz im Ausland retten. Dieses Ziel verfolgt «Image Problem», der erste Schweizer Film im Wettbewerb des diesjährigen Filmfestivals Locarno. Als Satire angelegt, sorgt er beim Publikum für Zündstoff, wie sich bei der Premiere zeigte.

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Am satirischen Dokumentarfilm «Image Problem» scheiden sich die Geister. («Tagesschau» 04.08.2012)

Der Kinosaal, der rund 2000 Zuschauer fasst, war gut besucht, schon eine halbe Stunde vor Filmbeginn bildete sich draussen eine lange Schlange. Eine Dokfilm-Satire über das schlechte Image der Schweiz, das interessiert das Festivalpublikum offenbar.

Entschuldigungen für die Untaten der Schweiz

In «Image Problem» schicken sich die beiden Berner Filmemacher Simon Baumann und Andreas Pfiffner an, den schlechten Ruf der Schweiz im Ausland zu korrigieren. Schwarzgelder, das Minarett-Verbot, dubiose Firmen: Ein Image-Film soll die Schweiz wieder ins rechte Licht rücken. Baumann und Pfiffner ziehen los und fragen die Leute auf der Strasse, was der Film zeigen soll. Schliesslich rücken sie Menschen ins Bild, die sich für die Untaten der Schweiz entschuldigen sollen

Diese Vorgehensweise löst Widerspruch aus: Bei den Leuten, die im Film gezeigt werden, aber auch beim Publikum in Locarno. Viele stehen nicht hinter den Entschuldigungen, die im Film vom Blatt abgelesen werden. Andere wiederum finden es durchaus angebracht, um Vergebung zu bitten.

Szenenapplaus und Beklommenheit

Ein Film, der Widerspruch und Diskussionen auslöst – das dürfte Olivier Père, künstlerischer Direktor des Festivals, nur recht sein. Der Franzose, der bereits seine dritte Ausgabe leitet, ist bekannt für seine Lust an der Provokation. Aber nicht nur die provokante Haltung, auch der Humor hat für Père bei der Auswahl des Films eine wichtige Rolle gespielt, wie er vor den Medien klar machte. «Wer hätte gedacht, dass man bei einem Schweizer  Dokumentarfilm so viel lachen kann?»

Für – teils schallendes – Gelächter sorgte der Film auch beim Premierenpublikum, stellenweise gab's sogar Szenenapplaus. Nicht selten kommt aber auch Beklommenheit oder gar Fremdscham auf, wenn man den im Film gezeigten Leuten zuhört.

«Ein Differenziertes Bild der Schweiz war gar nicht unsere Absicht.»
Simon Baumann, Filmemacher

Der Humor, aber auch die Kritik des Filmes an der Selbstgefälligkeit und an dem teils offen zu Schau getragenen Rasissmus' einiger Schweizer kommen alles andere als dezent daher. Zudem halten die Filmemacher mit ihrer Meinung nicht hinter dem Berg. Dahinter verbirgt sich durchaus Absicht, sagte Co-Regisseur Simon Baumann in einem Interview mit «SF Online»: Natürlich provoziere der Film, dass sei sogar gewollt. «Wir haben eher Angst, dass wir mit dem Film keine Diskussion auslösen», so Baumann. «Ein differenziertes Bild der Schweiz zu zeigen, war gar nicht unsere Absicht.»

Kritik am Vorgehen der Filmemacher

Die Leute, die im Film auftreten, sind übrigens alle «echt», versichern die Filmemacher. Wenn die Filmer eine Szene inszenieren, so tun sie dies vor laufender Kamera. Ansonsten treten die portraitierten Menschen so auf, wie sie das wollen. Niemand sei vor die Kamera gezerrt worden, betonen Baumann und Pfiffner: «Wir haben allen gesagt, wofür sie vor der Kamera stehen. Die Menschen, die im Film zu sehen sind, haben dazu ihr Einverständnis gegeben.» Wen und was man wie zeige in einem satirischen Film, sei aber stets eine Gratwanderung.

Bild Ausschnitt aus dem Film «Image Problem»
«Ein differenziertes Bild der Schweiz zu zeigen, war gar nicht unsere Absicht»: Ausschnitt aus dem Film «Image Problem». pd

Bei den Zuschauern löste die Art und Weise, wie die Menschen im Film gezeigt werden, starke Gefühle aus, wie sich bei der anschliessenden Fragerunde mit den Regisseuren zeigte: «Ihr führt die Leute im Film vor, Ihr verarscht sie.» Diese Kritik einer Zuschauerin teilten viele in der Fragerunde. Diese Kontroverse dürfte «Image Problem» zum meistdiskutierten Film der ersten Festivaltage machen. Und sicherlich wird sie nochmals aufflammen, wenn der Film Ende September in die Deutschschweizer Kinos kommt.

Ganz geheuer scheint den Filmemachern die Art und Weise, wie sie die Leute im Film zeigen, übrigens nicht zu sein: Vor der Kamera bitten sie einen Priester um Absolution dafür, wie sie mit den Personen vor der Kamera umgegangen sind. Wohl auch, um am Ende ihres Versuchs eines Werbefilms für die Schweiz nicht selber mit einem Image-Problem dazustehen.

Radio DRS sendet ein Gespräch mit den beiden Regisseuren von «Image Problem». Es ist zu hören am Montag, 06.08.12 um 11 Uhr auf DRS 4 News und um 12 Uhr auf DRS 2. Alle Festival-Berichte von Radio DRS finden sich auf der Website von DRS 2. Und auch der «Kulturplatz» von SF widmet sich Locarno: Am Mittwoch, 08.08.12 direkt vom Festival – auch da mit einem Interview mit Baumann und Pfiffner.