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International

«Niemand wird den Krieg in Syrien gewinnen»

Interview: Viviane Bühr
Freitag, 3. August 2012, 8:20 Uhr, Aktualisiert 09:09 Uhr

Die Lage in Syrien verschärft sich immer mehr – zum Leidwesen der Bevölkerung. Eine politische Lösung scheint ausser Reichweite – und doch ist sie aus Sicht von Karin Leukefeld der einzige Weg. Im Gespräch mit «SF Online» sagt die Journalistin in Damaskus auch, warum es nicht falsch ist, wenn Präsident Assad von «bewaffneten Terroristen» spricht.

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SF Online: Frau Leukefeld, wie würden Sie den Alltag in Damaskus seit dem schweren Anschlag auf ein Ministertreffen am 18. Juli beschreiben?

Karin Leukefeld: Das Leben in der Stadt hat sich schlagartig verändert. Eine Woche stand alles still, auf den Strassen waren weder Menschen noch Autos. Die meisten Geschäfte waren geschlossen. Ich konnte  Gefechte hören und wagte mich teilweise nicht mehr aus dem Haus. Nach dem Attentat hat die Armee ein erstes Mal richtig zurückgeschlagen.

Heute ist die Normalität wieder weitgehend zurückgekehrt, mit offenen Märkten und Verkehrsstaus. Wir sehen in der Stadt weder Armee noch Aufständische, nur Polizisten. Nachts sieht man aber auch Strassensperren mit Soldaten. Man hört zwar immer noch Detonationen – 15 bis 20 Kilometer ausserhalb der Stadt dauern die Kämpfe an.

Sie konnten gestern Donnerstag mit dem Präsidenten des Syrisch-Arabischen Roten Halbmondes, Abdul Rahman Attar, sprechen.  Wie beschreibt er die Lage in Aleppo, wo derzeit heftig gekämpft wird?

Der Rote Halbmond versorgt dort vor allem die vertriebene Zivilbevölkerung. Die Erste-Hilfe-Massnahmen musste die Hilfsorganisation aussetzen, weil die eigenen Leute in Gefahr gerieten. In einem Viertel der Stadt konnten lebensrettende Hilfeleistungen wieder durchgeführt werden

Syrisch-Arabischer Roter Halbmond

Der Rote Halbmond ist das islamische Pendant zum 1863 durch die Genfer Konvention gegründeten Roten Kreuz. Er umfasst 28 nationale Hilfsorganisationen.

Wie beurteilt der Rote Halbmond die Situation der Zivilbevölkerung im Land?

In vielen Regionen ist es ruhig – von einem landesweiten Bürgerkrieg kann nicht die Rede sein. Der Rote Halbmond spricht von etwa 850'000 Vertriebenen. Viele ziehen aus den umkämpften Gebieten zu Verwandten und Bekannten, andere finden in Schulen, Moscheen und Kirchen Zuflucht.

Derzeit läuft ein grosses Hilfsprojekt vom Roten Halbmond, vom IKRK, dem Welternährungsprogramm (WFP) der UNO und weiteren Hilfsorganisationen an. Damit wollen sie 1,5 Millionen Flüchtlinge im Land betreuen. Das WFP bereitet zudem eine grosse Lebensmittellieferung an Aleppo vor.

Man sagt immer, Syrien würde keine Hilfsorganisationen zulassen. Doch das ist nicht wahr. Auch das Europäische Amt für humanitäre Hilfe (Echo) sowie deutsche und britische Vertreter des Roten Kreuzes sind hier.

Karin Leukefeld
«Mindestens die Hälfte der Bevölkerung lehnt die Gewalt auf beiden Seiten ab.»
Karin Leukefeld, freie Journalistin in Damaskus

Man liest jedoch auch viel über das angespannte Verhältnis zwischen Hilfsorganisationen und Sicherheitskräften.

Ganz klar sind die Hilfsorganisationen Ziel von Angriffen, und die Situation hat sich seit einem halben Jahr noch massiv verschärft. Das IKRK hat in Aleppo die Arbeit ausgesetzt, sie arbeiten in Homs, Hama, Deir Ezzor und anderen Brennpunkten. Der Rote Halbmond ist präsenter, er arbeitet mit 10‘000 Freiwilligen im Land.

Präsident Attar sagte mir, weder das Regime noch die Aufständischen respektierten in Kampfsituationen das Rote Halbmond-Emblem, die Genfer Konvention. Man müsse immer wieder mit beiden Seiten verhandeln, um freien Zugang für Hilfslieferungen zu erhalten. Seit Anfang Jahr verzeichnet der Rote Halbmond fünf Tote in den eigenen Reihen.

Es gibt auch Gerüchte, dass das IKRK und der Rote Halbmond von der syrischen Regierung kontrolliert werde.

Beide Organisationen weisen das zurück. Beide finanzieren sich ausschliesslich aus Spenden und sind unabhängig. Sie haben diesbezüglich strenge Regeln. Ich kenne ihre Arbeit seit vielen Jahren und habe grossen Respekt für diese Organisationen. Das Misstrauen im Land wurzelt jedoch tief.

Karin Leukefeld
«Viele halten die militärischen Operationen zwar für brutal, aber erforderlich.»
Karin Leukefeld, freie Journalistin in Damaskus

Wird das Misstrauen durch eine einseitige Medieninformation geschürt? 

Ich glaube nicht. Über Satellit empfangen die meisten Menschen alle möglichen Sender, auch westliche. Manche schauen nur syrische Sender. Interessant ist: Der Fokus der internationalen Berichterstattung liegt auf den Kämpfen und vertritt oft die Sicht der Aufständischen. Die syrische Berichterstattung weist auch auf die Lage der Bevölkerung und auf diplomatische Initiativen hin. Das syrische Fernsehen berichtet auch aus Sicht der Armee. Deshalb ist im syrischen Fernsehen viel Werbung für die Armee zu sehen.

Und was denkt die Bevölkerung über die unterschiedliche Berichterstattung?

Viele halten die militärischen Operationen zwar für brutal, aber erforderlich. Ich konnte vorhin mit jemandem aus einem Vorort von Damaskus sprechen, der etwa 15 km entfernt liegt. Erst seien die Proteste friedlich gewesen. Dann sei eine Polizeistation zerstört worden. Später seien Geschäfte zerstört und Menschen auf offener Strasse erschossen worden. Die Regierung unternahm nichts.

Jetzt ist nach einem halben Jahr das Militär einmarschiert und hat eine harte Operation mit 50 Toten durchgeführt. Die Leute finden es furchtbar, dass so viele sterben, aber die andauernde Gewalt müsse auch ein Ende haben, finden sie. Jetzt ist alles militarisiert, und die Armee kennt kein Pardon.

Syrischer Minister für Versöhnung

Anfang Juni wurde in Syrien ein Minister für Versöhnung ernannt. Die Aufgabe von Ali Haidar: auf lokaler, regionaler und landesweiter Ebene die innersyrische Versöhnung herbeizuführen. Mehr zum neuen Minister lesen Sie hier.

Will die Bevölkerung denn nicht auch eine politische Veränderung? 

Doch, unbedingt. Viele sind unzufrieden. Doch die Leute haben erlebt, wie alles um sie herum zerstört wurde – auch von bewaffneten Gruppen, die sie nicht kennen. Der Konflikt im Land findet nur wenig Unterstützung bei der Zivilbevölkerung. Mindestens die Hälfte lehnt die Gewalt auf beiden Seiten ab. Das Drängen auf eine politische Lösung ist gross.

Stimmt es also, wenn Präsident Baschar al-Assad von «bewaffneten Terroristen» spricht, die Syrien angreifen?

Soweit ich in Erfahrung bringen konnte, ist es auf jeden Fall nicht falsch. Viele Journalisten haben Interviews mit den Aufständischen gemacht. Daraus geht hervor, dass es ihnen nicht um eine demokratische Veränderung geht. Ich vermeide jedoch den Begriff «Terroristen», sondern bezeichne sie als «bewaffnete Aufständische». Es gibt auch bewaffnete Zivilisten, doch viele von ihnen haben ihre Waffen abgegeben.

Logo der Glückskette.

Glückskette sammelt für syrische Flüchtlinge

Die humanitäre Situation in Syrien verschärft sich weiter. Mehrere tausend Menschen flüchten täglich. Die  Glückskette ruft deshalb zu Spenden auf.

Spenden auf das Postkonto 10-15000-6 mit dem Vermerk «Syrien»

Am 13. November findet ein Nationaler Sammeltag für Syrien statt.

Wie wird es Ihrer Einschätzung nach in Syrien weitergehen?

Die Syrer haben stark das Gefühl, dass ihnen die eigene Zukunft aus den Händen genommen worden ist. Die innersyrische Opposition hatte sehr viele Vorschläge gemacht, wie sie das Land verändern wollte – nun drängt die Militarisierung die politischen Initiativen an den Rand.

Meiner Meinung nach muss man aber nicht nur mit Regierung und Opposition, sondern auch mit den Waffenlieferanten sprechen. Westliche Staaten sowie Katar, die Türkei und Saudi-Arabien rüsten die bewaffneten Gruppen auf. Russland hat zwar bestimmte Waffenlieferungen an die Armee eingestellt – doch beide Seiten müssen die Gewalt einstellen. Die Grenze zur Türkei ist völlig offen für die bewaffneten Kämpfer. Doch man muss bedenken, die Türkei ist ein Nato-Mitglied.

Wird nicht die eine oder andere Seite die Oberhand gewinnen?

Die Armee ist sehr gut ausgerüstet und diszipliniert. So lange die Aufständischen von aussen unterstützt werden, wird der Blutzoll steigen. Dass eine Seite gewinnt, halte ich für unmöglich. Und ein militärischer Sieg ist keine politische Lösung.

Könnte Präsident Assad nicht vertrieben werden?

Man darf nicht vergessen, hinter dem Regime steckt sehr viel mehr als die Person Präsident Assad. Man muss die Verantwortlichen identifizieren und mit ihnen das Gespräch suchen. Die Regierung streckt ihre Fühler nach einer Vermittlung aus.

Der Westen hat jedoch alle diplomatischen Kontakte abgebrochen und dadurch auch die Militarisierung vorangetrieben. Zudem gibt es viele sehr starke Staaten wie Russland, der Iran, China und die Bric-Staaten, die Syrien nicht preisgeben wollen. Sie haben viele Vorschläge gemacht, wie man vermitteln könnte. Eine politische Lösung wird von der Regierung und der Opposition als einzige Lösung gesehen, doch diese braucht Unterstützung von aussen.

Ich sehe im Moment jedoch keine Anzeichen, dass sich bald etwas ändert. Ich möchte an ein baldiges Ende glauben – doch leider ist dies keine Glaubensfrage.

Karin Leukefeld

Zur Person

Karin Leukefeld arbeitet als freie Journalistin seit 2005 vorwiegend in Syrien und lebt im Zentrum von Damaskus. Sie pendelt nach Deutschland und besucht regelmässig weitere Länder im Nahen Osten wie den Libanon, den Irak und Ägypten.