Inhalt

International

Belgier wütend über Freilassung von Ex-Frau von Dutroux

Freitag, 3. August 2012, 16:35 Uhr, Aktualisiert 20:32 Uhr

Hunderte Belgier haben im wallonischen Ort Malonne gegen den geplanten Zuzug der Ex-Frau von Kinderschänder Marc Dutroux demonstriert. Die als Mittäterin verurteilte Michelle Martin soll nach 16 Jahren Haft vorzeitig entlassen und im Nonnenkloster der Klarissen in Malonne untergebracht werden.

Videoplayer
Die Ex-Frau von Dutroux ist in Malonne nicht willkommen. (Tagesschau 3.8.2012, 19.30)

Ein belgisches Gericht in Mons hatte am Dienstag die Entlassung aus der Haft unter Auflagen genehmigt. Dass die Frau im Kloster aufgenommen werden soll, ist im Sinne eines Resozialisierungsplans Teil der Auflagen.

Etwa 500 Demonstranten gingen nun in Malonne gegen die Entscheidungen von Justiz und Kloster auf die Strasse. Viele der Demonstranten trugen weisse und schwarze Luftballons durch den Ort: weiss zur Erinnerung an die Opfer von Dutroux und seiner Helfer, schwarz zum Protest gegen den jüngsten Richterspruch.

«Schande» stand auf einem Schild, das eine Frau in die Luft streckte. Andere hatten Pappfiguren von Dutroux' beiden jüngsten Opfern, Julie und Mélissa, dabei. Acht Jahre alt waren die beiden, als sie Mitte der 1990er Jahre entführt, vergewaltigt und in einem Kellerverlies eingesperrt verhungerten.

Bild Michelle Martin in einer Aufnahme von 2004. (reuters)
Michelle Martin 2004 vor Gericht: In der Zeit im Gefängnis soll Martin sehr religiös geworden sein. reuters/archiv

«Martin hat keine zweite Chance verdient»

Muriel Lallement, eine der Organisatorinnen des Marsches, forderte eine Reform des belgischen Justizsystems. «Wie kann man Martin vergeben und ihr eine zweite Chance geben? Hat sie den Kindern eine Chance gelassen? Nein!»

Bei aller Empörung verlief die Kundgebung weitgehend friedlich. Einzelne versuchten, zum von Polizisten gesicherten Kloster vorzudringen. Aus der Menge waren Beschimpfungen gegen die Justiz und die Nonnen zu hören.

Der Bürgermeister der Stadt Namur, zu der Malonne gehört, versuchte, die Gemüter zu beruhigen. «Ich selbst bin Familienvater und ich begreife die Erregung, die das hervorruft. Aber ich glaube, dass man der Vernunft Raum schaffen muss», sagte Maxime Prévot. Die Stadtverwaltung habe keinen Anteil an der Entscheidung gehabt, Dutroux' Ex-Frau aufzunehmen.

Staatsanwaltschaft hat Berufung eingelegt

Martin wurde 1996 zusammen mit Dutroux festgenommen und inhaftiert. Dem Paar werden die Entführung, Gefangenschaft und Vergewaltigung von sechs Mädchen und jungen Frauen und der Tod von vier Opfern zur Last gelegt.

Dutroux wurde für seine Taten zu lebenslanger Haft ohne Aussicht auf vorzeitige Entlassung verurteilt, Martin zu 30 Jahren Gefängnis. Ihr wurde vor allem angelastet, dass sie die zwei Mädchen im Kellerverlies verhungern liess, während Dutroux bereits in Untersuchungshaft sass.

Der Fall und eine ganze Reihe damit verbundene Ermittlungspannen erschütterten während Jahren ganz Belgien. Er führte zum Rücktritt von zwei Ministern und eines Polizeichefs. Und er hinterliess bei vielen Belgiern ein tiefes Misstrauen gegenüber dem Staat und insbesondere der Justiz.

Laut Gericht sehr geringes Rückfallrisiko

Das Gericht in Mons hatte seine Entscheidung zur Entlassung der Frau am Dienstag mit einem sehr geringen Rückfallrisiko, mit der respektvollen Haltung Martins gegenüber den Opferfamilien sowie mit einem positiven psychosozialen Gutachten begründet.

Der Anwalt der Opferfamilien und die Staatsanwaltschaft haben am Mittwoch jedoch Widerspruch gegen die vorzeitige Entlassung Martins eingelegt. Eine Reaktion des Obersten Gerichtshofs Belgiens wird bis Ende August erwartet. Zumindest bis dann bleibt die Ex-Frau von Dutroux also noch hinter Gittern.

(agenturen/vaid;hesa)