Schweiz
Wohn-Trends: Lieber kaufen statt mieten
Die Schweizer, ein Volk von Mietern. Das war einmal. Neueste Zahlen des Bundesamtes für Wohnungswesen (BWO) belegen, dass ein Grossteil des Neubaus in den Eigentumsbereich fällt, vornehmlich Stockwerkeigentum.
Wohnung zu immer weiter steigenden Preisen, niedrige Zinsen und Zuwanderung prägten und prägen den Wohnungsmarkt in der Schweiz. Das BWO beschreibt in seinem Forschungsprogramm 2012-2015 die Lage und Entwicklungstendenzen im Wohnungswesen. Folgende Tendenzen sind unter anderem auszumachen:
Kaufen statt mieten
Der Trend zeigt in Richtung Wohneigentum: von 34,6 Prozent im Jahr 2000 auf bis zu heutigen 41 Prozent. Stockwerkeigentum hat gegenüber Einfamilienhäusern den Vorzug.
Als Grund für die Zunahme des Eigentums nennt das BWO die Zinsentwicklung. Seit bald zwei Jahrzehnten sind die Hypothekarzinsen in den meisten Fällen nur gesunken, was jedoch die Boden- und Immobilienpreise in die Höhe trieb.
Trotz des Wandels: Der Hauseigentümerverband brachte im Frühling zwei Bauspar-Initiativen zur Abstimmung. Ohne Erfolg. Und am 29. September gelangt eine weitere Initiative des HEV zur Abstimmung. «Sicheres Wohnen im Alter» sieht eine Abschaffung des Eigenmietwerts vor.
HEV-Präsident Ansgar Gmür begründet das Vorhaben damit, dass Wohneigentum ein Grundbedürfnis eines jeden sei.
Steigende Preise
Die Preise für Eigentumswohnungen und Einfamilienhäuser sind in den vergangenen fünf Jahren um bis zu 40 Prozent gestiegen. Das BWO geht sogar davon aus, dass regional mit der Entwicklung einer Immobilienblase gerechnet werden muss. Auch die Mieten wurden teurer, allerdings weniger ausgeprägt als im Eigentumssektor.
Die Mietbelastungen liegen trotz der Zunahme seit Jahren bei durchschnittlich 20 Prozent, Tendenz steigend. Die Mehrbelastung kann laut BWO insbesondere bei Haushalten mit tiefen Einkommen zu Engpässen führen. Fürsorgeleistungen können in Anspruch genommen werden. In Hochpreisgemeinden könnten die Preise aber auch ein Niveau erreichen, das selbst mittelständische Familien Probleme bereiten dürfe, schreibt das BWO.
Pulverfass: Leerwohnungsquote
Seit 2003 beträgt die Leerwohnungsquote rund 1 Prozent. Es existieren jedoch starke regionale Unterschiede. Im Sommer 2011 betrug sie in den Kantonen Solothurn, Jura und Appenzell Ausserrhoden 2 Prozent. Wohnungsmangel herrschte dagegen in den Kantonen Genf (Leerwohnungsquote 0,25 Prozent), Zug (0,27), Basel-Stadt (0,48), Basel-Land (0,44) und Waadt (0,52). Auch in den Kantonen Zürich, Schwyz, Freiburg und im Tessin waren die Zahlen unterdurchschnittlich.
Steigende Nachfrage
In der Schweiz nimmt der Bedarf an Wohnraum stetig zu. Eine einfache Erklärung hierfür: Auch die Wohnbevölkerung wächst kontinuierlich. Zwischen 2001 und 2006 um je 0,6 bis 0,8 Prozent. In den folgenden Jahren lag die Quote über 1 Prozent. 2011 rechnet das BWO mit einer Fortsetzung des Trends.
In diesem Zusammenhang hat auch die Bautätigkeit zugenommen. Zwischen 2002 und 2008 ist die jährliche Wohnungsproduktion von weniger als 29'000 auf über 40'000 Einheiten angestiegen. 2010 betrug der Wert 43'600 Wohnungen. Der Trend weist weg von Wohnungen mit fünf und mehr Zimmern hin zu Drei-Zimmer-Wohnungen.
Fraglich ist, ob die Nachfrage in Zukunft gedeckt werden kann – ungewiss «vor allem in denjenigen Regionen, in denen das stärkste Bevölkerungswachstum erwartet wird».
Handlungsbedarf
Das BWO sieht die Marktteilnehmer und die Politik in Zukunft «mit erheblichen Herausforderungen konfrontiert». Es müssen weiterhin Wohnungen gebaut werden, Gebäude sollten aus energie- und klimapolitischen Gründen erneuert werde. Bezüglich der steigenden Preise warnt das BWO davor, dass die Attraktivität des Industriestandorts Schweiz geschmälert und das allgemeine Kostenniveau erhöht wird.
Auch SP-Nationalrätin und Vorstandsmitglied des Mieterverbandes spricht von einer angespannten Situation und fordert gegenüber der «Tagesschau»: «Der Staat muss sich auf die Förderung des preisgünstigen Wohnungsbaus im Mietsegment fokussieren.» Gemeinnützige Wohnungsanbieter sollen gefördert werden.
(sf/mery)






