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Krise im Euro-Land

Jugend ohne Arbeit: Ein Teufelskreis

Yasmin Merkel
Dienstag, 24. Juli 2012, 15:46 Uhr

Die Lage in Südeuropa ist ernst: Wegen der hohen Zahl an jungen Arbeitslosen sind Renten gefährdet, Volkswirtschaften drohen zu stagnieren. Die Regierungen müssen darum schnell reagieren, fordert Ekkehard Ernst von der International Labour Organization (ILO) im Gespräch mit «SF Online».

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Entwicklung der Jugendarbeitslosigkeit 2009-2012 Jugendliche Arbeitslose zwischen 15 und 24 in Griechenland, Italien, Spanien und Portugal – und im Vergleich dazu die Zahlen für den gesamten EU-Raum. Quelle: oecd/eurostat

«SF Online»: Die Hälfte der Jugendlichen in Griechenland und Spanien ist ohne Arbeit, in Italien und Portugal ist jeder Dritte betroffen. Herr Ernst, was lief falsch in den vier Ländern, dass die Jugendarbeitslosigkeit derart hoch ist?

Ekkehard Ernst: Gründe sind im reformbedürftigen Bildungssystem zu finden. Es wurde am Markt vorbei ausgebildet: Die Nachfrage nach Kompetenzen und Qualifikationen entspricht nicht dem Bildungsangebot, das die Jugendlichen erhalten haben. In Spanien führte dies während der Bau-Boom-Jahre dazu, dass viele Jugendliche ihre Ausbildung abgebrochen haben.

Die Boom-Jahre sind inzwischen vorüber …

… und geblieben sind unzureichend ausgebildete Jugendliche.

Droht ein Flächenbrand in ganz Europa?

Politisch werden sich die dramatischen sozialen Verhältnisse in den Wahlergebnissen verschiedener Länder niederschlagen, wie das Beispiel Griechenland zeigt. Das grössere Problem aber liegt woanders: Die Jugendlichen werden grösste Schwierigkeiten haben, auf ihrem Ausbildungsniveau eine passende Anstellung zu finden. Entweder werden sie gezwungen sein, wieder zur Schule zu gehen oder einen Job anzunehmen, der nicht ihren Qualifikationen entspricht. Das bedeutet: Die Investitionen, die in die Bildung gesteckt wurden, werden weniger rentieren.

Zur Person

Ekkehard Ernst studierte Volkswirtschaft. Seit 2008 arbeitet er bei der ILO, zuvor war während mehrerer Jahre bei der OECD und der Europäischen Zentralbank tätig. Ernst ist Mitautor der von der UNO-Sonderorganisation ILO im Mai veröffentlichten Studie zum Thema Jugendarbeitslosigkeit.

Die derzeitige Situation wirkt sich aber auch auf das Rentensystem aus.

Richtig – und das in zweierlei Hinsicht. Zum einen können die arbeitslosen oder nur schlecht bezahlten Jugendlichen nur einen geringen Beitrag ans Rentensystem leisten. Die jetzigen Renten müssten also angepasst werden. Das birgt jedoch einen politischen Sprengsatz und die Betroffenen werden sich vehement gegen Rentenkürzungen wehren.

Und zum anderen?

Da die Renten dieser Jugendlichen nicht gesichert sind, werden sie schon jetzt anfangen müssen zu sparen. Doch das wird schlecht funktionieren, da sie mit ihren tiefen Löhnen zunächst den Alltag bewältigen müssen, bevor sie ans Rentenalter denken können. Was beispielsweise in Spanien, aber auch in Irland hinzukommt: Viele Haushalte haben im Zuge des Immobilienbooms private Schulden aufgebaut, deren Abbau jetzt zusätzlich auf die wirtschaftliche Dynamik drückt. Häufig können die Schulden sogar nicht oder nur unvollständig abbezahlt werden, weshalb die Last weiter an die Banken und schliesslich an den Staat gereicht wird.

Bild Jugendliche in Spanien sitzen vor einem Gebäude. (reuters)
Jugendliche in südeuropäischen Ländern – wie hier in Spanien – haben derzeit wenig bis keine Perspektiven. reuters

Das bedeutet?

Schlimmstes Szenario sind stagnierende Volkswirtschaften. Die drückende Schuldenlast führt dazu, dass in Europa wichtige öffentliche Investitionen in Bildung, Gesundheit und Infrastruktur zum Teil stark zurückgeführt werden. Die Länder verlieren ihre Entwicklungsfortschritte der letzten 20 Jahre. Griechenland ist schon jetzt auf den Stand von 1999 zurückgefallen. Ab 2014 wird sich das BIP in den jeweiligen Staaten allmählich erholen. Doch mit einer Stabilisierung der Arbeitsmarktsituation ist länger nicht zu rechnen.

Ein Blick nach Italien: Dort betreiben Firmen Lohndumping. Mitarbeiter erhalten wenig Geld und temporäre Arbeitsverträge. Trotz einer 100-Prozent-Anstellung kommen sie kaum über die Runden.

Das ist nicht nur ein italienisches Problem, sondern in ganz in Europa zu beobachten. Auch Deutschland hat mit unzähligen Zeitarbeitsjobs auf die billigere Konkurrenz aus Osteuropa oder Asien reagiert. Doch das ist keine Lösung.

Ihre Vorschläge?

Es sind langfristige Investitionen nötig, vor allem im Bildungsbereich, um die Produktivität der Länder wieder steigern zu können. Das ILO rät zu einer Garantie für Jugendliche auf Bildung, Arbeitsprogramme und Unterstützung für junge Arbeitslose bei der Jobsuche. Es fehlen länderübergreifende Jobbörsen oder Jobmessen, auf denen sich Arbeitnehmer und -geber austauschen können. Solche Programme würden den Staat weniger als 0,5 Prozent des BIP kosten. Im gesamten Euro-Raum sprechen wir von Ausgaben in Höhe von weniger als 21 Milliarden Euro – wenig Geld im Vergleich zu den Kosten für die Bankenrettung.

Die ILO

Die Internationale Arbeitsorganisation (Englisch: International Labour Organization) ist eine Sonderorganisation der Vereinten Nationen und hat ihren Hauptsitz in Genf.

Schwerpunkte der Arbeit der ILO sind: die Formulierung und Durchsetzung internationaler Arbeits- und Sozialnormen, die soziale und faire Gestaltung der Globalisierung sowie die Schaffung von menschenwürdiger Arbeit als einer zentralen Voraussetzung für die Armutsbekämpfung.

Welche Chance birgt die Krise für Europa?

Wenn Europa realisiert, dass sich die Krise nur gemeinsam bewältigen lässt, könnte das helfen, die Bereiche Arbeits- und Sozialsystem der Länder besser aufeinander abzustimmen, um jugendlichen Arbeitslosen europaweit neue Job-Chancen zu eröffnen.