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Vermischtes

Pille statt Kondom – Chance für Aids-Prävention?

Uwe Mai
Samstag, 21. Juli 2012, 7:01 Uhr

Die amerikanische Arzneibehörde FDA hat ein Aids-Medikament zugelassen, das bei täglicher Einnahme die Infektion mit HIV verhindern soll. Klingt vielversprechend! Doch wie so oft steckt der Teufel im Detail, denn die Pillen bieten nicht nur Vorteile.

Bild Aids-Medikament zwischen Daumen und Zeigefinger.
Einmal täglich eine Tablette und das Problem ist erledigt? – Mitnichten! Gegen Geschlechtskrankheiten helfen derzeit noch keine Pillen. keystone

Der Schweizer Aids-Experte Pietro Vernazza ist von dem neu zugelassenen Medikament überzeugt: Richtig eingenommen sei der Schutz vergleichbar mit dem eines Kondoms, sagte er der Zeitung «NZZ» in einem Interview. In Einzelfällen werde die Prä-Expositions-Prophylaxe (PrEP) in der Schweiz angewandt. «Das ist sicher nicht falsch, so die Medikamente selber bezahlt werden», so Vernazza.

Nicht ganz so euphorisch ist dagegen Huldrych Günthard, Leitender Arzt und HIV-Experte am Unispital Zürich: «So sicher wie ein Kondom? Das mag schon stimmen – vorausgesetzt, die Viren sind nicht resistent. Aber eines geht bei so einer Aussage ganz leicht vergessen: Alle anderen durch Geschlechtsverkehr übertragbaren Krankheiten sind durch HIV-PrEP nicht abgedeckt.»

Wie wirkt Truvada?

Das Medikament enthält zwei Wirkstoffe: Emtricitabin und Tenofovir. Sie blockieren die von HI-Viren angeregte Produktion eines Enzyms, welches die Körperzellen infiziert und mehr Viren produziert. In der Prophylaxe wird Truvada in Kombination mit mindestens einem anderen antiviralen Arzneimittel verabreicht. Die Medikamente sorgen dafür, dass die HIV-Menge im Blut verringert und auf einem niedrigen Niveau gehalten wird.

Das sei ein grosses Problem, so Günthard. Denn während man bei der Behandlung von HIV Riesenerfolge vorweisen könne, sehe man auf der anderen Seite eine massive Zunahme an übertragbaren Geschlechtskrankheiten, wie Syphilis, Gonorrhoe, Chlamydien und neu auch Hepatitis C (+ 50 Prozent und mehr). «Die PrEP ist da keine Lösung – da diese nur eine Nische abdeckt», gibt Günthard dezidiert seine Position wieder.

Für Gesunde mehr Risiko als Nutzen

Ähnlich sieht es auch Markus Flepp. Zwar meint auch der Arzt und Experte für Infektionskrankheiten, dass gemäss Studien der Schutz vor einer HIV-Infektion bei einer regelmässigen Einnahme des Medikaments (Truvada) in der Tat sehr wirksam sei – doch die negativen Aspekte würden dabei vielfach ausgeblendet.

«Aus meiner Sicht ist es nicht sinnvoll, ein Medikament in der Prophylaxe einzusetzen, das wir eigentlich in der Therapie brauchen.» Denn nach seinem Dafürhalten bestehe die Gefahr, dass die Wirksubstanz verheizt werde – sprich, die Viren resistent gegenüber dem Wirkstoff werden. Eine Horror-Vision!

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Erstmals seit langem sank 2011 die Zahl der Neuinfektionen unter 600. Vom unter Didier Burkhalter angekündigten Ziel (<350) ist die Schweiz aber noch weit entfernt. bag

Hinzu käme, dass die Kombinationstablette bei der HIV-PrEP im Gegensatz zum Kondom, das bei Bedarf eingesetzt werden kann, die ganze Zeit genommen werden muss, so Flepp. «Das ist eine Dauertherapie und eine sehr teure Methode.» Allein die Medikamentenkosten würden mehr als 900 Franken pro Monat betragen, weiss Flepp.

Doch nicht nur das: Dazu kämen noch seltene, aber nicht wegzudiskutierende Nebenwirkungen auf die Niere und das erhöhte Risiko, an einer Osteoporose zu erkranken. «Wenn ich HIV-Patient bin, dann nehme ich diese Nebenwirkungen in Kauf. Warum aber ein gesunder Mensch dieses Risiko eingehen sollte, erschliesst sich mir nicht», so der Arzt.

Gewinn für Pharma – Kosten für Allgemeinheit

Während die Mediziner also noch über das Für und Wider streiten, ist Roger Staub vom Bundesamt für Gesundheit (BAG) schon einen Schritt weiter. Generell habe er zwar nichts gegen ein Mehr an Möglichkeiten für die Prävention, aber dennoch: «Wenn ich ehrlich sein soll, dann bin ich über die neuesten Tendenzen nicht ‹amused›. Denn wie schon so oft gesehen, könnte es passieren, dass die Industrie mit einem Produkt Millionen verdient, die unangenehmen Nebenwirkungen aber von der Öffentlichkeit getragen werden müssen.»

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Kondome sind aus Sicht der meisten Experten noch immer der beste Schutz vor Geschlechtskrankheiten – und der preiswerteste. keystone

So könnte zum Beispiel ein Schwarzmarkt für PrEP-Medikamente entstehen. Die Folge: «Der Patient, der es eigentlich braucht, würde es auf dem Schwarzmarkt verhökern und selber die Therapie abbrechen oder nur unvollständig durchführen», so Staub.

PrEP sei ein neuer Trend, so der BAG-Sprecher – vielleicht vergleichbar mit der Pille. «Die war zu Zeiten ihrer Einführung auch sehr teuer und mit vielen Nebenwirkungen behaftet. Dennoch hat sie sich durchgesetzt.» Ob PrEP ähnliches bevorsteht, wisse Staub nicht. «Aber ob PrEP das Glück der Menschheit verbessert, das wage ich zu bezweifeln», gibt er ein klares Statement ab.