Kultur
Mit Timbuktu stirbt ein Stück der Menschheitsgeschichte
Noch immer werden islamische Heiligtümer im malischen Timbuktu dem Erdboden gleichgemacht. Mit dem Verlust des Weltkulturerbes werden auch die Geschichte und das Erbe der gesamten Menschheit um ein Stück ärmer.
«Sie sind dabei, zwei Mausoleen der grossen Djingareyber-Moschee zu zerstören», sagte ein Augenzeuge in der westafrikanischen Wüstenstadt Timbuktu.
Ende Juni hatten Mitglieder der islamistischen Rebellengruppe Ansar Dine bereits sieben der insgesamt 16 Mausoleen in der Wüstenstadt eingerissen und angekündigt, auch die weiteren Grabmäler «ohne Ausnahme» zu zerstören. Vor einer Woche verwüsteten sie zudem eine Tür an der Sidi-Yahya-Moschee, deren Öffnen dem örtlichen Glauben zufolge Unglück bringt.
Heilige als Beschützer der Stadt
Ebenso wie die Heiligengräber stammen die drei grossen Moscheen in Timbuktu aus der Blütezeit der Stadt zwischen dem 14. und 16. Jahrhundert, als sie ein wichtiger Knotenpunkt der Karawanenstrassen und ein Zentrum der islamischen Gelehrsamkeit war. Seit 1988 gehören die Bauten zum Weltkulturerbe der Unesco.
Nach Ansicht von Ansar Dine («Verteidiger des Glaubens») verstösst die Verehrung der Heiligen gegen den Islam, der den Gläubigen gebietet, allein Allah zu verehren. Im Glauben der Bevölkerung spielen die Heiligen aber eine wichtige Rolle als Beschützer der Stadt. Hier mehr.
Weltkulturgüter sind nicht einfach Touristenmagnete. Über ihre materielle Beschaffenheit hinaus sind sie in der Lage, eine Botschaft zu vermitteln. Eine Botschaft der Vergangenheit an die heutige Zeit. Damit ein Kulturgut diese Fähigkeit haben kann, ist unerlässlich, dass möglichst viele Daten erhalten bleiben.
Diese Daten sind nun in Timbuktu unwiederbringlich weg. «Ein Teil der Geschichte, nicht nur des malischen Volkes, sondern der ganzen Menschheit, ist damit verloren», sagt Ella van der Meijden, Ausstellungskuratorin beim Basler Antikenmuseum zu «SF Online».
Auch nächste Generationen werden bestohlen
In Mali wird nicht zum ersten Mal in der Zeitgeschichte Kulturgut mutwillig zerstört. Seit Jahrhunderten schon – doch vermehrt in den letzten Jahrzehnten – werden Kulturstätten in der ganzen Welt von Grabräubern, Plünderern und anderen Zerstörungswütigen verwüstet. Gerade in Kriegszeiten, bei politischen Unruhen oder religiösen Auseinandersetzungen sind Kulturgüter gefährdet.
So seien Kulturgüter beispielsweise auch im Irak zerstört worden als die USA in das Land einmarschierte, sagt van der Meijden. Weil es keine Polizei mehr gab, welche die Museen bewachten, stahlen Plünderer die Güter, um sie auf dem Kunstmarkt zu verkaufen.
Infolge zunehmender Nachfrage steigen die Preise im Kunstmarkt seit den 70er-Jahren stetig an – der Handel mit illegalen Kulturgütern floriert. Raubgrabungen finden zunehmend in kommerziellem, organisiertem Ausmass statt.
Natürlich seien die Kulturgüter heute alle dokumentiert, sagt van der Meijden weiter. Jedoch sei es zukünftigen Generationen damit unmöglich, die Objekte dereinst auf ihre Art zu erfassen, mit besseren Methoden, die heute noch nicht vorhanden seien. Kommt hinzu, dass es immer auch ein anderes Erlebnis sei, Kultur vor Ort betrachten zu können.
Alles, was dazu dient, um diese Objekte für ein grösseres Publikum interessant zu machen, indem man mit ihm Denken und Fühlen vergangener Epochen zugänglich machen kann, verschwindet.
(sf/agenturen/godc)






