International
US-Offizier zu Afghanistan: «Militärführung täuscht US-Bevölkerung»
Ein Insider packt aus: Oberstleutnant Daniel Davis ist der erste ranghohe Offizier, der sagt, die Strategie der USA in Afghanistan sei gescheitert. Gegenüber dem Schweizer Fernsehen sagt Davis: Nach dem Abzug der internationalen Streitkräfte bis Ende 2014 sei ein Bürgerkrieg wahrscheinlich.
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In den USA grassiert Kriegsmüdigkeit: 56 Prozent der Amerikaner wollen ihre Soldaten lieber heute als morgen wieder zuhause haben. Präsident Obama hat angekündigt, einen Drittel der US-Truppen bis im Herbst abzuziehen. Gleichzeitig wird er nicht müde, Erfolge im Afghanistan-Krieg zu preisen: «Wir machen entscheidende Fortschritte: Wir sind daran, die Al-Qaida zu besiegen. Und wir helfen den Afghanen, auf eigenen Beinen zu stehen». Dies sagte er letztmals im Verbund mit den anderen kriegsführenden Staaten am Nato-Gipfel im Mai.
In neun von zehn Fällen die Falschen getötet
Jetzt aber kommt Kritik von Armee-Insidern: Dutzende von ehemaligen Kämpfern in Afghanistan haben sich zur Gruppe «Veteranen gegen den Krieg» zusammengeschlossen. In «10vor10» kritisieren sie, dass die USA nach zehn Jahren Kriegsführung in Afghanistan auf der ganzen Linie gescheitert sind: «Wir haben es nicht geschafft, eine Nation aufzubauen», sagt der ehemalige Grenadier Graham Clumpner, «es ist nicht machbar».
Graham erklärt, wie er von der High School direkt an die Front wechselte. Er sei nur zum Töten ausgebildet gewesen. Wurde ein Feind in einem bestimmten Haus vermutet, so hatte seine Truppe den Auftrag, alle Menschen in diesem Haus umzubringen. Wurden Unschuldige getötet, so sahen die Soldaten das als «Kollateralschaden», wie Clumpner gegenüber «10vor10» ausführt. In neun von zehn Fällen habe man die Falschen getroffen, ja, auch Frauen und Kinder.
Clumpner und seine Kollegen sagen, die Gräueltaten von US-Soldaten, die die Öffentlichkeit aufgeschreckt haben, seien nur die Spitze des Eisbergs: Wenn Soldaten auf Leichen urinieren, mit Leichenteilen posieren oder den Koran verbrennen, sei das pure Überlebensstrategie. Viele stünden nach Irak im dritten oder vierten Kriegseinsatz und seien ausgelaugt und gestresst, ausserdem sei der Gruppendruck stark. Clumpner sagt, er hätte Gefangene geschlagen und getreten: «Du giltst als weich, wenn du es nicht machst.»
«Die amerikanische Bevölkerung wird getäuscht!»
Am NATO-Gipfel in Chicago warfen die ehemaligen Soldaten und heutigen Kriegsgegner ihre Medaillen Richtung Kongresszentrum als symbolischen Protest. Dasselbe hatten schon Vietnam-Veteranen vor 41 Jahren gemacht. Für die heutigen Veteranen ist der sogenannte «Krieg gegen den Terror» als amerikanische Antwort auf die Terroranschläge von 9/11 gescheitert. Soldatin Shawna Thompson: «Die Terroristen haben 3000 Amerikaner umgebracht. Wir aber haben 33'000 Personen in Afghanistan getötet.»
Sukkurs erhalten die Soldaten jetzt erstmals von einem ranghohen Militär: Oberstleutnant Daniel Davis war 2011 in Afghanistan. Er ist 14'000 Kilometer durchs Land gereist und hat mit 250 US-Soldaten in acht Provinzen gesprochen. Er zeigt «10vor10» eine Grafik des US-Verteidigungsministeriums, die zeigt, dass Jahr für Jahr mehr Zivilisten im Krieg sterben.
Eine steigende Zahl toter Zivilisten könne man höchstens in den ersten Jahren tolerieren, sagt Davis. Für ihn ist die Grafik der Beweis dafür, dass die US-Truppen die afghanischen Truppen nicht dafür ausbilden können, alleine gegen die terroristischen Taliban vorzugehen. «Die Taliban sind zu stark», sagt Davis. Wenn alle Nato-Staaten es nicht schaffen, gegen sie vorzugehen, wie sollten es denn die Afghanen alleine schaffen? Davis: «Die amerikanische Bevölkerung wird getäuscht!»
57 Prozent der Romney-Wähler wollen US-Truppen in Afghanistan belassen
Vom Pentagon war zu hören, dass man dem ranghohen Kriegskritiker seine Meinung zugesteht, aber weiterhin überzeugt davon sei, dass die Kriegsführung in Afghanistan grosse Fortschritte mache.
Davis hat einen 86seitigen Bericht für den US-Kongress verfasst und drängt auf Hearings. Bisher hat ihn allerdings nur eine Gruppe von sechs Parlamentariern empfangen, darunter auch zwei Republikaner. Republikaner Walter Jones aus North Carolina, ansonsten ein Befürworter von US-Kriegseinsätzen, argumentiert allein mit den hohen Kosten: Die monatlichen Ausgaben von 1 Milliarde Dollar würde man besser in den «Wiederaufbau der USA» investieren. Jones hat letztes Jahr ein Gesetz in den Kongress eingebracht, das einen schnelleren Truppenabzug aus Afghanistan und eine parlamentarische Debatte über die Kriegsführung fordert. Das Gesetz wurde von einer knappen republikanischen Mehrheit abgelehnt.
Umfragen zeigen, dass 57 Prozent der Bürger, die Mitt Romney wählen wollen, sich dafür aussprechen, die US-Truppen solange in Afghanistan zu belassen, bis sich die Lage stabilisiert hat. Ihr Favorit für die Präsidentschaftswahl hat sich selbst nur vage zu Afghanistan geäussert. Er kritisierte den sukzessiven Abzugsplan von Obama bis Ende 2014 als strategischen Fehler, um sich dann doch einverstanden damit zu zeigen. Oberstleutnant Davis sieht die Zukunft von Afghanistan in jedem Fall düster: Nach dem Abzug der Nato-Truppen rechne er mit einem Bürgerkrieg – die Wahrscheinlichkeit betrage seiner Meinung nach über 75 Prozent.







